Schweiz
Analyse

Warum Schweizer Fussballklubs ihren Nachwuchs aufs Feld lassen sollten

Johan Manzambi und sein neuer Trainer Unai Emery.
Johan Manzambi und sein neuer Trainer Unai Emery. bild: aston villa
Analyse

Dank Manzambi könnte eine neue Ära für Nachwuchs-Talente anbrechen

Der Transfer von Johan Manzambi zu Aston Villa könnte alte Denkmuster verändern und die Schweizer Klubs dazu bewegen, stärker auf junge Talente zu setzen. Das hofft zumindest Luigi Pisino, Trainer der Schweizer U19-Nati.
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23.07.2026, 15:2023.07.2026, 16:11
Julien Caloz
Julien Caloz

Johan Manzambi hat womöglich eine Tür geöffnet. Sein ehemaliger Trainer Luigi Pisino hofft, dass der Durchbruch des internationalen Stars, der für eine Rekordsumme für einen Schweizer Spieler zu Aston Villa gewechselt ist – die Rede ist von 68 Millionen Euro (rund 63.3 Mio. Franken) –, die Klubs hierzulande dazu bewegt, verstärkt auf den eigenen Nachwuchs zu setzen. Zum Auftakt der Super League und der Challenge League an diesem Wochenende wird der Trainer der U19-Nati die Aufstellungen genau verfolgen. «Ich hoffe, dass die jungen Talente im Land möglichst viel Spielzeit erhalten», sagt er.

«Es gibt viel zu tun»

Pisino verbirgt jedoch eine gewisse Frustration nicht. Seiner Ansicht nach erhalten junge Schweizer Spieler weiterhin deutlich zu wenig Einsatzzeit. Auch der Rückstand auf vergleichbare Länder sei noch immer gross: «Es gibt viel zu tun. Der Abstand zu Ländern wie Dänemark oder Belgien, die mit uns vergleichbar sind, ist enorm. Wir sind sehr weit von ihnen entfernt.» Er nennt ein konkretes Beispiel: «Als unsere U17 im vergangenen Frühling gegen Belgien spielte, standen fünf belgische Spieler bereits in der 2. Liga im Einsatz. Bei uns hatte kein Spieler dieses Jahrgangs einen solchen Status – nicht einmal in der U18.»

Switzerland's soccer coach Luigi Pisino, react, during the first round qualifyer for the UEFA U19 Euro 2027 soccer match between Hungary National team U-18 and Switzerland National team U-18  ...
Luigi Pisino.bild: KEYSTONE

«Wenn man gegen Gegner spielt, bei denen bereits die Hälfte der Mannschaft auf Profistufe antritt, und trotzdem besser ist als sie, obwohl bei uns viel weniger Spieler in diesem Umfeld spielen, muss man sich zwangsläufig Fragen stellen», betont Pisino. Der Trainer der U19-Nati nennt ein weiteres Beispiel:

«Mit der U18 haben wir im vergangenen November an der Weltmeisterschaft teilgenommen und den fünften Platz belegt. Zwei Wochen nach dem Turnier wurden einige Spieler der Mannschaften, gegen die wir gespielt hatten, in die erste Mannschaft aufgenommen. Bei uns haben abgesehen von Giacomo Koloto nur sehr wenige Spieler den Durchbruch geschafft – obwohl wir gerade Fünfter an einer Weltmeisterschaft geworden waren.»
Luigi Pisino

Nachwuchsspieler gelten als Risiko

Für Pisino geht das Problem über den sportlichen Bereich hinaus. Es sei auch eine Frage der Mentalität. «In der Schweiz gilt der Einsatz eines jungen Spielers noch zu oft als Risiko. Bei einem jungen Spieler bleiben Fehler eher in Erinnerung als bei einem erfahrenen Fussballer, der genau denselben Fehler macht.» Eine Sonderbehandlung für den Schweizer Nachwuchs fordert er jedoch nicht.

«Natürlich darf man jungen Spielern nichts schenken, denn der Fussball ist ein äusserst umkämpftes Umfeld. Aber man muss ihnen eine echte Chance geben, zu zeigen, was sie können.»

Der Transfer von Johan Manzambi ist kein Einzelfall. Auch andere junge Schweizer Talente nutzten diesen Sommer für einen Wechsel ins Ausland. Andrej Vasic vom FC Luzern und Cheveyo Tsawa vom FC Zürich wechselten nach Belgien. Loun Srdanovic verliess Servette in Richtung Lille. Für Pisino zeigen diese Abgänge vor allem eines: Junge Spieler müssen spielen, um entdeckt zu werden.

«Uns fehlt der Mut»

Seiner Ansicht nach müssten die Schweizer Klubs in ihrem Umgang mit Nachwuchsspielern einen weiteren Schritt machen. «Manchmal sind wir noch etwas zu zurückhaltend. Uns fehlt der Mut, diese jungen Spieler einzusetzen. Gleichzeitig sehen wir, dass Klubs, die dieses Risiko eingehen, häufig sportlich und finanziell davon profitieren.»

Die Schweizer Klubs könnten viel gewinnen, würden sie stärker auf ihren Nachwuchs setzen. Selbst ein Wechsel zu einem kleineren ausländischen Klub kann langfristig finanziell interessant sein. So meint Pisino:

«Heute ist es für einen Klub günstiger, einen selbst ausgebildeten Spieler einzusetzen, als einen Spieler aus dem Ausland zu verpflichten. Fördert der Klub diesen Spieler, kann er auch sportlich profitieren. Ich bin weiterhin überzeugt, dass diese jungen Schweizer nicht schlechter spielen als die ausländischen Spieler, die teilweise an ihrer Stelle verpflichtet werden. Und finanziell ist es fast nur von Vorteil: Bei einem Transfer kann ein Gewinn erzielt werden, zudem profitiert der Klub bei einem späteren Weiterverkauf von den Ausbildungsentschädigungen.»
Luigi Pisino

«Jeder Klub verfolgt seine eigene Linie»

Können die Trainer der Schweizer Nachwuchs-Nationalteams dazu beitragen, die Klubs von einem stärkeren Einsatz ihrer jungen Spieler zu überzeugen? «Wir versuchen, den Klubs zu zeigen, was ihre Spieler auf internationaler Ebene leisten können. Das ist wichtig, weil diese jungen Spieler im Klub mit Spielern aus anderen Ländern konkurrieren», erklärt Pisino.

Er stehe zudem regelmässig mit den Schweizer Klubs im Austausch. «Wenn unsere Spieler in der Nationalmannschaft gute Leistungen zeigen, geben wir den Klubs immer eine Rückmeldung und machen sie auf die Fortschritte ihrer jungen Spieler aufmerksam.» Doch reichen diese Botschaften aus, um ein Umdenken auszulösen?

«Ja, die meisten Klubs sind sich der Schweizer Talente bewusst, die ihnen zur Verfügung stehen. Danach hängt es aber auch von ihrer Strategie ab und davon, ob sie auf junge Spieler aus der Schweiz setzen wollen. Das sind sportliche und wirtschaftliche Entscheidungen. Jeder Klub verfolgt seine eigene Linie.»
Luigi Pisino

Von einer Sache ist Luigi Pisino dennoch überzeugt: Der Schweizer Nachwuchs verdient mehr Chancen. «Ich bin überzeugt, dass es Platz für unsere Schweizer Spieler gibt und dass sie nicht schwächer sind als die Mehrheit der Spieler, die heute in der Super League im Einsatz stehen.»

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