Zu klein und zu schmächtig? Wie Röntgenbilder der Hand Fussballkarrieren retten können
Oder mit anderen Worten: Vielleicht entpuppt sich der schmächtige, aber technisch und taktisch starke Stürmer dereinst eher als kreativer Unterschiedsspieler als der grosse Teamkollege, der aktuell wegen seiner physischen Überlegenheit heraussticht. Die Carte Blanche ist eine Möglichkeit, solche Zerrbilder zu identifizieren.
Ferreiras kometenhafter Aufstieg in die helvetische Fussball-Elite ist keine Selbstverständlichkeit. Im Vergleich zu Gleichaltrigen war er klein, schmächtig, in der körperlichen Entwicklung verzögert. Dreimal, in der U14, U15 und U16, wurde er als FCL-Junior um einen Jahrgang zurückgestuft, lief also zum Beispiel als 16-Jähriger mit den 15-Jährigen auf. «Das war für mich mental sehr schwierig», sagt Ferreira.
Er kämpfte weiter für seinen Traum – und profitierte von einem Instrument, das der Schweizerische Fussballverband im Juniorenspitzenfussball für Spieler wie ihn vor rund 10 Jahren geschaffen hat: von der «Carte Blanche», einer Spielberechtigung für eine tiefere Kategorie. Die Grundidee: Kleine, talentierte Spieler sollen nicht vom Förderradar verschwinden, weil sie auf dem Rasen von grösseren, muskulöseren, schnelleren Gleichaltrigen überrannt werden. Pro Mannschaft dürfen höchstens drei Spieler mit einer Carte Blanche mittun.
Faktisch kickt ein 12- gegen einen 16-Jährigen
Wer in den Kategorien U15 bis U17 mit einer Sonderbewilligung auflaufen will, benötigt ein Attest eines Endokrinologen, eines Facharztes für Wachstumsstörungen. Anhand eines Röntgenbildes der linken Hand ermittelt dieser durch Analyse der Knochen das biologische Alter. Wenn es mindestens ein Jahr unter dem chronologischen Alter liegt, erhalten die Betroffenen eine Carte Blanche. Das biologische und chronologische Alter können bei Teenagern im Extremfall bis zu vier Jahre auseinanderklaffen. Treffen ein früh- und ein spätentwickelter 14-Jähriger aufeinander, kickt biologisch gesehen ein 12-Jähriger gegen einen 16-Jährigen.
In der laufenden Saison nutzen die U15-Mannschaften 61 von 126 möglichen Ausnahmebewilligungen. In der U16 sind es 38 von 75, in der U17-Kategorie 4 von 39. Das bedeutet: Im Schweizer Spitzenjuniorenfussball kicken derzeit mehr als 100 Spieler, bei denen im Handröntgenbild eine Entwicklungsverzögerung diagnostiziert wurde. Bei den 12- bis 14-Jährigen reichen Angaben zu Gewicht und Körpergrösse für eine Spielberechtigung in der nächsttieferen Kategorie.
Im Breitensport, in den Regionalverbänden, genügt das auch bei den höheren Jahrgängen. In den meisten Regionen werden pro Saison wenige Dutzend Cartes Blanches erteilt, am häufigsten bei 13- bis 15-jährigen Kindern. Das Instrument hat sich etabliert und wird geschätzt, wie eine Umfrage bei den Regionalverbänden zeigt.
Die Gnade der frühen Geburt
Wie kam es, dass Röntgenbilder der linken Hand, die sonst eher bekannt sind zur Ermittlung des Alters unbegleiteter minderjähriger Asylsuchender, in der Fussballwelt eine bedeutende Rolle spielen? Die Antwort kommt aus der Wissenschaft. Schon seit längerer Zeit ist bekannt, dass in Spitzenligen im Mannschaftssport überproportional viele Spieler im ersten Halbjahr geboren sind. Das Phänomen heisst relativer Alterseffekt. Bei spät entwickelten Kindern akzentuiert sich dieser Nachteil zusätzlich.
Juniorenteams sind nach Jahrgängen unterteilt. Wer am 1. Januar anstatt am 31. Dezember geboren ist, ist körperlich weiter, rennt schneller, schiesst schärfer, ist durchsetzungsfähiger, sticht den Talentscouts eher ins Auge.
Schon vor 15 Jahren publizierte das Bundesamt für Sport eine Studie, die den relativen Alterseffekt auch bei der Selektion im Schweizer Sport feststellte. In Juniorenfussballnationalmannschaften waren Spieler, die zwischen Januar und März geboren waren, deutlich übervertreten. Durch die Gnade der frühen Geburt werden die älteren Spieler stärker gefördert und häufiger für Auswahlen selektioniert – obwohl unwahrscheinlich ist, dass der liebe Gott nur Menschen, die im ersten Halbjahr geboren sind, mit besonderen fussballerischen Fähigkeiten segnet.
Der Schweizer Fussballverband versucht deshalb, den Fokus auf die Potenzialerkennung zu richten. «Entscheidend für die Selektion sollte nicht die momentane Performance eines Spielers sein, sondern sein Potenzial», sagt Patrick Bruggmann, Direktor Fussballentwicklung beim SFV.
Oder mit anderen Worten: Vielleicht entpuppt sich der schmächtige, aber technisch und taktisch starke Stürmer dereinst eher als kreativer Unterschiedspieler als der grosse Teamkollege, der aktuell wegen seiner physischen Überlegenheit heraussticht. Die Carte Blanche ist eine Möglichkeit, solche Zerrbilder zu identifizieren.
Je höher die Trikotnummer, desto verzögerter die körperliche Entwicklung
Bei unter 15-Jährigen führt der Fussballverband im Nachwuchsbereich zudem Turniere durch, an denen sich ausschliesslich biologisch gleich alte Spieler messen. Eine Studie der Eidgenössischen Hochschule für Sport in Magglingen zeigte, dass spätentwickelte Kinder bei solchen Turnieren besonders profitieren. Sie hatten mehr Balleroberungen, Offensivaktionen, setzten sich im Dribbling besser durch.
Vor allem bei Spielen für Selektionsentscheide setzt der Fussballverband zudem auf das sogenannte «Player-Labeling». Die Talentspäher erhalten in Echtzeit Angaben zum biologischen Alter: Je höher die Trikotnummer des Spielers, desto verzögerter die körperliche Entwicklung.
Die theoretischen Grundlagen zur Talenterkennung sind vorhanden. Es hapert aber noch in der konsequenten Umsetzung. Bruggmann sagt: «Im Juniorenspitzenfussball schauen viele Trainer zu stark auf den Teamerfolg.» Deshalb würden sie oft lieber grössere Spieler aufstellen. Er habe nichts gegen diese, auch sie sollen gefördert werden. «Aber bei den Kleinen besteht die Gefahr, dass sie übersehen werden», sagt Bruggmann. Eine Auswertung des Fussballverbands für die letzten 10 Jahre offenbart, dass sich der relative Alterseffekt weiterhin in der Selektion niederschlägt. Zwei Drittel der Spieler, die für Juniorennationalteams aufgeboten wurden, sind im ersten Halbjahr geboren. Bruggmann sagt: «Wir müssen in der Talenterkennung besser und mutiger werden.»
Endokrinologe Urs Eiholzer und sein Interesse für Talente
Talenterkennung ist ein Thema, das Urs Eiholzer schon lange umtreibt. Der 75-Jährige ist Leiter des Pädiatrisch-Endokrinologischen Zentrums Zürich (PEZZ) und empfängt CH Media in seiner Praxis zum Gespräch. Eiholzer, eine Koryphäe auf seinem Gebiet, kommt ins Element, wenn er über Wachstumskurven spricht, den seelischen Schmerz, unter dem vor allem spätentwickelte Buben leiden, die ihn viel häufiger aufsuchen als Mädchen.
Endokrinologe Eiholzer zeigt ein Bild, das der Rubrik «unglaublich, aber wahr» entstammen könnte. Zwei etwa 14-jährige Freunde, der eine misst 1,80 Meter mit Ansatz von Bartwuchs, der andere 1,40 Meter, glatte Haut. Wenn das biologische Alter dem chronologischen eineinviertel Jahre hinterherhinkt, kann man von einer konstitutionellen Verzögerung oder von Spätentwicklern sprechen. «Bei zwei Jahren Unterschied schenkt es dann richtig ein», sagt Eiholzer. Vor allem, wenn die Pubertätsentwicklung einsetze, mache sich der Unterschied oft bemerkbar. «Die Kinder wachsen doppelt so schnell wie vorher, die Zunahme der Muskelmasse ist enorm, auch das Hirn verändert sich.»
Im Durchschnitt ist das Wachstum bei den Buben etwa mit 17 bis 18 Jahren abgeschlossen, bei den Mädchen zwei Jahre früher. Etwa je drei Prozent eines Jahrgangs sind deutliche Früh- oder Spätentwickler, je 10 Prozent mittlere. Eiholzer und sein Team haben Tausende Kinder mit Wachstumproblemen betreut – darunter auch Sporttalente. Einige Dutzend vielversprechende Fussballjunioren lassen dort jährlich ein Röntgenbild der linken Hand für eine Carte Blanche erstellen.
Auf das Thema Talenterkennung ist Eiholzer durch seine zwei Söhne gestossen. Sie spielten im Juniorenalter ambitioniert Eishockey, Profisportler wurden sie nicht. Als Wissenschaftler interessiert er sich schon früh für den Einfluss der körperlichen Entwicklung auf Sportlerkarrieren. In seinem Buch «Kraft für Kids» schrieb er im Jahr 2011: «Ich habe den begründeten Verdacht, dass es fast nur auf Glück beruht, wenn ein Talent entdeckt und gefördert wird.»
Seine Analyse stützte sich nicht nur auf den schon damals von ihm beschriebenen relativen Alterseffekt bei Spitzenfussballern, sondern auch auf die Erfahrung mit zwei gleichaltrigen Schwimmern, die seine Patienten waren. Der eine machte im Alter zwischen 13 und 14 Jahren einen massiven Entwicklungssprung, steigerte seine Leistung signifikant, galt in seinem Klub als Supertalent. Der andere wurde weniger gefördert, konnte weniger trainieren. Er liess sich davon nicht entmutigen und brachte im Alter von 15, 16 Jahren, plötzlich Topleistungen. Die Lösung des Rätsels: Der eine Schwimmer war ein Früh-, der andere ein Spätentwickler.
Wie denkt Eiholzer über die Rückstellung im Fussball? Ist das ein adäquates Mittel im Kampf gegen die Talentverschwendung? Der Endokrinologe mag sich nicht festlegen, mag diese Frage nicht generell mit Ja oder Nein beantworten. «Der Vorteil ist, dass sich die Spätentwickler mit körperlich gleich starken Spielern messen. Allerdings hat ein spätentwickelter 16-Jähriger ein weiter entwickeltes Spielverständnis als ein 15-Jähriger und wird auf diesem Gebiet weniger gefordert und gefördert.» Spätentwickler können im Wettkampf gegen Frühentwickler auch Fortschritte erzielen, wenn sie körperliche Defizite durch kluge Strategien wettmachten; die kognitive Entwicklung ist nicht an die biologische geknüpft.
Ferreira: «So konnte ich Selbstvertrauen aufbauen»
Während bei den Juniorenauswahlen nach wie vor die Frühgeborenen dominieren, sieht es bei der A-Nationalmannschaft anders aus. Im letzten Testspiel gegen Deutschland standen sieben im zweiten Halbjahr geborene Spieler in der Startelf. Verteidiger Manuel Akanji, aktuell bei Inter Mailand unter Vertrag, ist einer von ihnen – und ein Spätentwickler. «Ich wurde nie als Supertalent gehandelt und erst in der U 20 erstmals für eine Schweizer Auswahl aufgeboten», sagte der 30-Jährige in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag». Erst in der U18 habe er enormen Wachstumsschub gehabt. Akanji wurde grösser (1,87 Meter), stärker, schneller, vorher war er klein, dünn und langsam.
Auch der einst schmächtige Lucas Ferreira ist 1,85 Meter gross geworden. Seinen Marktwert hat er auf 2,4 Millionen Franken hochgeschraubt. Von der Rückstellung in der Juniorenzeit habe er rückblickend sehr profitiert, sagt er auf Anfrage. Er habe so die nötige Zeit erhalten, um an seinen Defiziten zu arbeiten. Ferreira spielte mutiger, es gab mehr Situationen, in denen er ein Dribbling wagte. «So konnte ich Selbstvertrauen aufbauen und mich sowohl fussballerisch als auch persönlich weiterentwickeln.» (aargauerzeitung.ch)

