Nach dem Hitzesommer ist vor dem Hitzesommer – und der Bundesrat trödelt weiter
Das Schlimmste scheint überstanden. Es hat geregnet, die Temperaturen sind wieder im normalen Bereich. Die Folgen dieses heissen und trockenen Sommers aber werden uns weiter beschäftigen. Hitzetage über 30 Grad, die früher eine Ausnahme waren, sind zur Regel geworden. Und das monatelange Niederschlagsdefizit ist nicht ausgeglichen.
Nun beginnt die politische Aufarbeitung. Umweltminister Albert Rösti kündigte am Mittwoch vor den Medien mehr Geld für klimaresistente Wälder und Bauernbetriebe an, die wegen der Trockenheit in finanzielle Nöte geraten sind. Vor allem aber wehrte er sich gegen den Eindruck, der Bundesrat habe diese «ausserordentliche Lage» nicht ernst genommen.
«Der Bund handelt seit langem», betonte Rösti. Dabei hatte er selbst zu diesem Eindruck beigetragen. «Eine derart heftige Hitze wie in diesem Sommer hätte ich nicht erwartet», sagte er in einem Tamedia-Interview. Bundespräsident und Landwirtschaftsminister Guy Parmelin äusserte sich ähnlich, als er in der SRF-«Rundschau» von einem «Schock» sprach.
Alles andere als unerwartet
Den Klimawandel anerkannten sie ausdrücklich, dennoch fragt man sich, ob sich die beiden SVP-Bundesräte mit dem Bericht «Klimazukunft Schweiz» des Bundesamtes für Meteorologie und Klimatologie befasst haben. Allein die Grafik zur Erwärmung in den letzten 160 Jahren zeigt: Dieser Hitzesommer kam alles andere als unerwartet.
Klimaforscher warnen seit Jahren vor diesem Szenario. Die Politik aber unternahm wenig. Das betrifft nicht nur den Hitzeschutz in den zubetonierten Städten, den selbst ihre rotgrünen Regierungen kaum ernsthaft anpackten. Sondern auch den Umgang mit der wertvollen Ressource Wasser. Es gibt hierzulande nicht einmal belastbare Zahlen zum Verbrauch.
Schweiz lebt auf Pump
Warum auch? Man ging davon aus, dass es im vermeintlichen Wasserschloss Europas mehr als genug davon gibt. Die Trockenheit dieses Sommers entlarvt dies als Trugschluss. Das zeigen die Wiesen, die flächendeckend gelb statt grün sind. Oder die Wälder, in denen sich die Blätter bereits im August verfärben, weil die Bäume buchstäblich verdursten.
Die Schweiz lebe auf Pump, warnte der Hydrologe Klaus Lanz im watson-Interview: «Wir entnehmen viel mehr Wasser, als sich nachbildet.» Die Vorstellung, wir hätten Wasser im Überfluss, stimme schon lange nicht mehr. Dennoch wird erst jetzt an einem nationalen Wassermanagement gearbeitet. Der Bericht soll nächstes Jahr vorliegen.
Handlungsbedarf unterschätzt
Röstis Ankündigung zeige, «dass der Handlungsbedarf vom Bundesrat komplett unterschätzt und dem Klimaschutz keine Priorität eingeräumt wurde und nun solche Notmassnahmen nötig sind», teilten die Grünliberalen in einer Mitteilung mit. Sie haben in der kommenden Herbstsession eine dringliche Debatte zum Hitzesommer und seinen Folgen beantragt.
Die Grünen verlangen ein Staatssekretariat für Klimaschutz. Parteipräsidentin Lisa Mazzone wiederholte am Dienstag zudem die Forderung, Bundesrat Rösti das Umweltdepartement zu entziehen. Das ist Populismus, und doch ist es mit den am Mittwoch präsentierten Massnahmen zu Wasser, Wald und Landwirtschaft nicht getan.
Es drohen Brände und Stürme
Geht es mit der Erderwärmung im gleichen Stil weiter, kommen noch extremere Sommer auf uns zu. Die Bruthitze (Canicule) in Frankreich liefert einen Vorgeschmack, mitsamt des Mega-Waldbrands bei Bordeaux. Die Schweiz wurde von einem ähnlichen Horror verschont, dank Glück und der beeindruckenden Disziplin am 1. August.
Doch ewig wird es nicht gutgehen. Und es drohen ganz andere Katastrophen, etwa wenn sich Monsterstürme aus dem überhitzten Mittelmeer gegen die Alpen bewegen und dort auf die getauten Permafrostböden und die ausgetrockneten Alpwiesen niederstürzen. Die Folgen sind potenziell verheerende Erdrutsche und Überschwemmungen bis ins Flachland.
Klimaanlagen statt Ticketabgabe
Doch selbst nach diesem heisstrockenen Sommer wollen viele den Ernst der Lage nicht erkennen. Das zeigt ein Leitartikel im «Tages-Anzeiger», der sich für eine «pragmatische Klimapolitik» ausspricht. Also keine CO₂- und Flugticketabgaben, sondern Wasserspeicher, Begrünungen oder Klimaanlagen für Schulen, Spitäler und Altersheime.
Dies seien «undogmatische Ansätze, um uns an den Klimawandel anzupassen», schreibt die Chefredaktorin der Zeitung. Bloss, was bringt das, wenn der Klimawandel wie in den Szenarien des Bundes beschrieben voranschreitet und die Wetterextreme zunehmen? Wir werden in diesem Fall bei der Anpassung stets der Realität hinterherhinken.
Klimaschutz soll nichts kosten
«Gewinner dieses Sommers werden jene Kräfte sein, die aufzeigen können, wie sich die Schweiz an eine heissere Zukunft anpasst, ohne dabei Wohlstand und Freiheit unnötig einzuschränken», heisst es entlarvend mit Blick auf die Wahlen im nächsten Jahr. Einmal mehr zeigt sich: Klimaschutz ist nur dann gut, wenn er möglichst wenig kostet.
Irgendwann aber sind die Gletscher weg und mit ihnen ein Wasserreservoir und Stabilisator. Und je extremer das Wetter mit Hitze, Dürre und Starkregen, umso teurer wird die Beseitigung der Schäden. Ja, die Schweiz allein kann den Klimawandel nicht stoppen. Und Klimaanlagen sind in gewisser Weise alternativlos geworden.
Es wird alles schlimmer
Aber schränkt es die Freiheit nicht «unnötig» ein, wenn wir uns im Sommer tagsüber kaum ins Freie wagen können, ohne zu verschmachten? Ist der Wohlstand nicht gefährdet, wenn die Bauern sich um Wasser, Futter und das Wohlergehen ihrer Tiere sorgen müssen? Oder wenn uns in Form von heftigen Unwettern der Himmel auf den Kopf fällt?
Das sind die Realitäten, wenn es auf globaler Ebene nicht zu einem Umdenken kommt. Und dafür spricht wenig. Selbst in Frankreich wird mehr über Klimaanlagen statt Klimaschutz geredet. Wir müssen uns darauf einstellen, dass alles schlimmer und auf lange Sicht nicht besser wird. Es soll einfach niemand mehr behaupten, man habe es «nicht erwartet».
