Schweiz
Analyse

Trotz Hitzesommer und massiver Schäden trödelt die Schweiz beim Klima

Patrik Mosimann Revierfoerster bei der Buergergemeinde zeigt auf Duerre Stellen in seinem Wald Gebiet oberhalb von Grenchen, anlaesslich einer Begehung mit lokalen Foerstern und Forschern des WSL, fot ...
Der Grenchner Revierförster Patrick Mosimann zeigt auf den ausgetrockenten Wald.Bild: keystone
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Nach dem Hitzesommer ist vor dem Hitzesommer – und der Bundesrat trödelt weiter

Die Wälder und Bauern haben unter dem heissen und trockenen Sommer gelitten. Nun wird mehr Anpassung gefordert, doch dabei werden wir der harten Realität stets hinterherhinken.
26.08.2026, 17:3826.08.2026, 17:38

Das Schlimmste scheint überstanden. Es hat geregnet, die Temperaturen sind wieder im normalen Bereich. Die Folgen dieses heissen und trockenen Sommers aber werden uns weiter beschäftigen. Hitzetage über 30 Grad, die früher eine Ausnahme waren, sind zur Regel geworden. Und das monatelange Niederschlagsdefizit ist nicht ausgeglichen.

Nun beginnt die politische Aufarbeitung. Umweltminister Albert Rösti kündigte am Mittwoch vor den Medien mehr Geld für klimaresistente Wälder und Bauernbetriebe an, die wegen der Trockenheit in finanzielle Nöte geraten sind. Vor allem aber wehrte er sich gegen den Eindruck, der Bundesrat habe diese «ausserordentliche Lage» nicht ernst genommen.

Auf einem Bildschirm erscheint eine Karte mit den Temperaturmessungen der Schweiz zwischen 1864 und 2025 waehrend einer Medienkonferenz des Bundesamts fuer Meteorologie und Klimatologie (Meteoschweiz) ...
War dieser heisse Sommer tatsächlich nicht zu erwarten?Bild: keystone

«Der Bund handelt seit langem», betonte Rösti. Dabei hatte er selbst zu diesem Eindruck beigetragen. «Eine derart heftige Hitze wie in diesem Sommer hätte ich nicht erwartet», sagte er in einem Tamedia-Interview. Bundespräsident und Landwirtschaftsminister Guy Parmelin äusserte sich ähnlich, als er in der SRF-«Rundschau» von einem «Schock» sprach.

Alles andere als unerwartet

Den Klimawandel anerkannten sie ausdrücklich, dennoch fragt man sich, ob sich die beiden SVP-Bundesräte mit dem Bericht «Klimazukunft Schweiz» des Bundesamtes für Meteorologie und Klimatologie befasst haben. Allein die Grafik zur Erwärmung in den letzten 160 Jahren zeigt: Dieser Hitzesommer kam alles andere als unerwartet.

Klimaforscher warnen seit Jahren vor diesem Szenario. Die Politik aber unternahm wenig. Das betrifft nicht nur den Hitzeschutz in den zubetonierten Städten, den selbst ihre rotgrünen Regierungen kaum ernsthaft anpackten. Sondern auch den Umgang mit der wertvollen Ressource Wasser. Es gibt hierzulande nicht einmal belastbare Zahlen zum Verbrauch.

Schweiz lebt auf Pump

Warum auch? Man ging davon aus, dass es im vermeintlichen Wasserschloss Europas mehr als genug davon gibt. Die Trockenheit dieses Sommers entlarvt dies als Trugschluss. Das zeigen die Wiesen, die flächendeckend gelb statt grün sind. Oder die Wälder, in denen sich die Blätter bereits im August verfärben, weil die Bäume buchstäblich verdursten.

Bundesrat Albert Roesti schaut sich seine Unterlagen an, waehrend einer Medienkonferenz ueber Hitze und Trockenheit in der Schweiz, am Mittwoch, 26. August 2026, im Medienzentrum Bundeshaus in Bern. ( ...
Bundesrat Rösti an der Medienkonferenz vom Mittwoch.Bild: keystone

Die Schweiz lebe auf Pump, warnte der Hydrologe Klaus Lanz im watson-Interview: «Wir entnehmen viel mehr Wasser, als sich nachbildet.» Die Vorstellung, wir hätten Wasser im Überfluss, stimme schon lange nicht mehr. Dennoch wird erst jetzt an einem nationalen Wassermanagement gearbeitet. Der Bericht soll nächstes Jahr vorliegen.

Handlungsbedarf unterschätzt

Röstis Ankündigung zeige, «dass der Handlungsbedarf vom Bundesrat komplett unterschätzt und dem Klimaschutz keine Priorität eingeräumt wurde und nun solche Notmassnahmen nötig sind», teilten die Grünliberalen in einer Mitteilung mit. Sie haben in der kommenden Herbstsession eine dringliche Debatte zum Hitzesommer und seinen Folgen beantragt.

Die Grünen verlangen ein Staatssekretariat für Klimaschutz. Parteipräsidentin Lisa Mazzone wiederholte am Dienstag zudem die Forderung, Bundesrat Rösti das Umweltdepartement zu entziehen. Das ist Populismus, und doch ist es mit den am Mittwoch präsentierten Massnahmen zu Wasser, Wald und Landwirtschaft nicht getan.

Es drohen Brände und Stürme

Geht es mit der Erderwärmung im gleichen Stil weiter, kommen noch extremere Sommer auf uns zu. Die Bruthitze (Canicule) in Frankreich liefert einen Vorgeschmack, mitsamt des Mega-Waldbrands bei Bordeaux. Die Schweiz wurde von einem ähnlichen Horror verschont, dank Glück und der beeindruckenden Disziplin am 1. August.

KEYPIX - A handout photo made available by SIS (Geneva Fire and Rescue Department) show Switzerland's firefighters in a forest near Bordeaux, southwest France, picture issued 30 July 2026. France ...
Wo Mega-Waldbränden wie bei Bordeaux blieb die Schweiz (noch) verschont.Bild: keystone

Doch ewig wird es nicht gutgehen. Und es drohen ganz andere Katastrophen, etwa wenn sich Monsterstürme aus dem überhitzten Mittelmeer gegen die Alpen bewegen und dort auf die getauten Permafrostböden und die ausgetrockneten Alpwiesen niederstürzen. Die Folgen sind potenziell verheerende Erdrutsche und Überschwemmungen bis ins Flachland.

Klimaanlagen statt Ticketabgabe

Doch selbst nach diesem heisstrockenen Sommer wollen viele den Ernst der Lage nicht erkennen. Das zeigt ein Leitartikel im «Tages-Anzeiger», der sich für eine «pragmatische Klimapolitik» ausspricht. Also keine CO₂- und Flugticketabgaben, sondern Wasserspeicher, Begrünungen oder Klimaanlagen für Schulen, Spitäler und Altersheime.

Dies seien «undogmatische Ansätze, um uns an den Klimawandel anzupassen», schreibt die Chefredaktorin der Zeitung. Bloss, was bringt das, wenn der Klimawandel wie in den Szenarien des Bundes beschrieben voranschreitet und die Wetterextreme zunehmen? Wir werden in diesem Fall bei der Anpassung stets der Realität hinterherhinken.

Klimaschutz soll nichts kosten

«Gewinner dieses Sommers werden jene Kräfte sein, die aufzeigen können, wie sich die Schweiz an eine heissere Zukunft anpasst, ohne dabei Wohlstand und Freiheit unnötig einzuschränken», heisst es entlarvend mit Blick auf die Wahlen im nächsten Jahr. Einmal mehr zeigt sich: Klimaschutz ist nur dann gut, wenn er möglichst wenig kostet.

Irgendwann aber sind die Gletscher weg und mit ihnen ein Wasserreservoir und Stabilisator. Und je extremer das Wetter mit Hitze, Dürre und Starkregen, umso teurer wird die Beseitigung der Schäden. Ja, die Schweiz allein kann den Klimawandel nicht stoppen. Und Klimaanlagen sind in gewisser Weise alternativlos geworden.

Es wird alles schlimmer

Aber schränkt es die Freiheit nicht «unnötig» ein, wenn wir uns im Sommer tagsüber kaum ins Freie wagen können, ohne zu verschmachten? Ist der Wohlstand nicht gefährdet, wenn die Bauern sich um Wasser, Futter und das Wohlergehen ihrer Tiere sorgen müssen? Oder wenn uns in Form von heftigen Unwettern der Himmel auf den Kopf fällt?

Das sind die Realitäten, wenn es auf globaler Ebene nicht zu einem Umdenken kommt. Und dafür spricht wenig. Selbst in Frankreich wird mehr über Klimaanlagen statt Klimaschutz geredet. Wir müssen uns darauf einstellen, dass alles schlimmer und auf lange Sicht nicht besser wird. Es soll einfach niemand mehr behaupten, man habe es «nicht erwartet».

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quelle: keystone / michel euler
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Die beliebtesten Kommentare
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Hadock50
26.08.2026 17:45registriert Juli 2020
Die Schweiz könnte beim Klimaschutz eine globale Vorreiterrolle einnehmen.

Doch die bürgerliche Regierung bremst grüne Innovationen seit Jahren aus.
Das Argument, ein kleines Land könne nichts bewirken, greift zu kurz.
Gerade als finanzstarker Forschungsstandort hat die Schweiz die Mittel für technologische Durchbrüche.

Stattdessen blockieren politische Hürden den schnellen Ausbau von Solar- und Windenergie. Ohne mutige staatliche Förderung und progressive Rahmenbedingungen bleibt das Land ein Schlusslicht im internationalen Klimaschutz.
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Xicotencatl Axayacatl
26.08.2026 17:56registriert August 2024
"Klimaschutz ist nur dann gut, wenn er möglichst wenig kostet."
Das ist so unglaublich kurzsichtig und dumm. Jeden Franken, den wir JETZT nicht ausgeben, kostet uns in Zukunft das zig-fache. Es ist einfach unglaublich, welche Milchbüebli da hocken und immer noch krampfhaft am falschen Ende sparen, während anderswo à fonds perdu nach USA überwiesen wir, in der Hoffnung, in 10-20 Jahren bekommen wir dann endlich einen Teil der Bestellung.
Es isch nöd zum säge, sagt mein Grossvater immer.
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Chris_A
26.08.2026 17:58registriert Mai 2021
Diese Hitzewellen treffen uns völlig unvorbereitet. Genau auch die Partei von Rösti behauptete bis vor kurzen das der menschgemachte Klimawandel gar nicht existiert. Man hat lieber über Nebensächlichkeiten wie zB diese einfältige Neutralitätsinitiative oder die ebenfalls einfältige 10 Mio Initiative diskutiert und hat völlig aus den Augen verloren das sich mit der anbahnenden Klimaerwärmung gröbere Probleme auf uns zu kommen. Gerade jetzt bräuchten wir einen fähigen Umweltminister, aber eben
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