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Achtung, fertig, Militärdienst.
Achtung, fertig, Militärdienst.Bild: KEYSTONE
Heute beginnt die Sommer-RS

Ich hab's geschafft: Warum und wie ich als «Untauglicher» trotzdem ins Militär durfte

Untaugliche Armee- und Zivildienstbefürworter kommen seit vergangenem Jahr über einen Umweg zu ihrem «Dienst fürs Vaterland». watson-Praktikant Petar Marjanovic zeigt, wie's geht.
30.06.2014, 09:0530.06.2014, 11:40

Wer nach einer Rekrutierung in seinem Dienstbüchlein einen «Untauglich»-Stempel hat, freut sich in der Regel. Anders sieht es bei jenen aus, die gerne Militärdienst leisten würden. Ich gehöre teilweise zu der zweiten Sorte der Rekruten: Als Befürworter einer allgemeinen Dienstpflicht wäre es für mich inkonsequent gewesen, wenn ich den Untauglichkeitsentscheid widerstandslos akzeptiert hätte. 

Es war September 2009, als mir der Militärarzt den Untauglichkeitsstempel ins Dienstbüchlein drückte und nach meinem Protest erklärte, wie man trotz Untauglichkeit einen Dienst im grünen Tenue fürs Vaterland absolvieren kann. Für mich war das nach einem Moment der Enttäuschung, ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Im Fall «Glor gegen die Schweiz» vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) entschieden die Richter in Strassburg, dass die Schweiz invalide Menschen nicht zur Zahlung einer Wehrpflichtersatzabgabe zwingen darf. Die Konsequenz daraus war eine Minireform der Tauglichkeitspraxis der Armee, an der Politiker bisher gescheitert waren. Künftig können auch Personen einen Dienst absolvieren, die früher ein zu grosses Risiko für die Militärversicherung waren.

«Als Befürworter einer allgemeinen Dienstpflicht wäre es für mich inkonsequent gewesen, wenn ich den Untauglichkeitsentscheid widerstandslos akzeptiert hätte.»

Ein Entscheid, der kostet

Hans Glor kämpfte sich für seinen Sohn bis nach Strassburg vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.
Hans Glor kämpfte sich für seinen Sohn bis nach Strassburg vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.Bild: humanrights.ch

Hans Glor aus Dällikon ZH ist ein Idealist. Sein Sohn wollte Militärdienst leisten, als Diabetiker schied er jedoch untauglich aus. Bei seinem Kampf bis vor die europäischen Richter ging es Glor um «Gerechtigkeit», wie er 2009 gegenüber dem «Zürcher Unterländer» sagte. Wehrpflichtersatz zahlen müssen, obwohl man etwas «tun will», sei ungerecht.

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Der Entscheid am Gerichtshof war deshalb auch einstimmig. Die Richter befanden, dass Untaugliche mit der Wehrdienstersatzpflicht diskriminiert werden. Aus Angst, der Entscheid könnte weitere Klagen mit sich ziehen, hat das VBS die Tauglichkeitspraxis geändert.

Neu können Untaugliche mit einem Formular ihre «Dienstwilligkeit» bezeugen. Wer dies tut, verpflichtet sich für einen Dienst, sofern er sich oder andere Personen nicht gefährdet.

Ausgefülltes Formular für die Dienstwilligkeit.
Ausgefülltes Formular für die Dienstwilligkeit.Bild: watson

Minireform auf Verordnungsweg

Die Verordnung wurde vom Bundesrat auf den 1. Januar 2013 geändert. Als «Dienstwilliger» habe ich dieses Formular selbstverständlich ausgefüllt. Das Verfahren zog sich über mehrere Monate hin. In einem ersten Schreiben fragte man mich nach meinen IT- und Sprachkenntnissen. Einige weitere Monate später wurde ich zu einem Gespräch vor der medizinischen Untersuchungskommission eingeladen. 

In der Nacht vor dem Gesprächstermin plagten mich Zweifel, ob ich denn das wirklich freiwillig tun will. 300 Tage Einsatz, möglicherweise als Durchdiener und das in Mitten meiner Berufs- und Studienlaufbahn. Da habe ich mir etwas eingebrockt!

«Da habe ich mir etwas eingebrockt!»

Die Fragen vor den fünf Militärärzten waren dann jedoch einfach und wirkten formell: Wieso sehe ich mich als «diensttauglich»? Was für eine Arbeit könnte ich mir vorstellen? Ist das mit der Karriereplanung vereinbar? Nachdem ich meine politischen Vorstellungen der «Dienstpflicht» erläuterte und sie in Zusammenhang mit meinem Gesuch auf Spezialtauglichkeit stellte, folgten die vielen Stempel und Unterschriften. Resultat: «Militärdiensttauglich nur für besondere Funktionen, mit Auflagen», sowie «schiessuntauglich».

Der revidierte Tauglichkeitsentscheid.
Der revidierte Tauglichkeitsentscheid.Bild: watson

Mein Dienst «fürs Vaterland»

Ich bin also nun ein «Angehöriger der Armee». Wenn ich mir heute den Tätigkeitsbereich meines militärischen Grades «Betriebssoldat Support» anschaue, dann klingt der Spruch am Rande des Termins bei der Spezialkommission spöttisch: «Jetzt tun sie also auch was ‹fürs Vaterland›». 

Resultat: «Militärdiensttauglich nur für besondere Funktionen, mit Auflagen», sowie «schiessuntauglich».

Ab Sommer 2016 werde ich im Rekrutierungszentrum Mels als Durchdiener im administrativen Bereich tätig sein. Während rund zehn Monaten werde ich im grünen Tenue die Rekruten ein- und auschecken, Dossiers vorbereiten und je nach Situation auch im medizinischen Bereich assistieren. Ganz aus dem Alltag werde ich zum Glück nicht verschwinden – ich werde jeden Abend heimgehen können. Möglicherweise ein Verdienst meiner besonderen Dienstwilligkeit.

Mein politisches Gewissen ist damit beruhigt. Ich freue mich auf die 300 Tage in einem neuen Umfeld, fern ab vom beruflichen Alltag. Das Aromat ist bereits auf der Einkaufsliste und ich bin gespannt auf die «Frässpäckli». 

Das gesellschaftliche Gewissen wartet noch etwas ab. Ob mein Militärdienst für die Gesellschaft wirklich nützlich sein wird, sehe ich in einigen Monaten.

Über meine Person
Als watson-Praktikant sammle ich Erfahrungen im Journalismus und lerne die Politik aus einer anderen Sicht kennen. Wenn ich gerade nicht am Redaktionstisch bin, engagiere ich mich beruflich und ausserberuflich bei der SP der Kantone St. Gallen und Thurgau.
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