Schweiz
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Der Stammtisch im «Weissen Kreuz» in Felsberg: Gemischte Gefühle gegenüber dem Rückzug Widmer-Schlumpfs von der grossen Politbühne. 
Bild: rafaela roth

«Martullo-Blocher» flüsterte man sich zu: Wie die Felsberger Büezer ihre Bundesrätin verraten haben

Ein Drittel der Einwohner von Eveline Widmer-Schlumpfs Heimatdorf Felsberg (GR) hat SVP gewählt. Viel mehr noch als vor vier Jahren. Was sind die Gründe? Eine Spurensuche. 



Margrith Mettler und Ursula Schmid kommen gerade gut gelaunt vom Seniorenturnen. Jetzt müssen sie erfahren, dass Felsberg ab dem neuen Jahr keiner Bundesrätin mehr Heimat bieten wird: «Das hätte ich mir auch nicht mehr angetan!», ruft Frau Mettler aus. «Mich auch noch abwählen zu lassen, nachdem ich jahrelang so gute Arbeit geleistet habe», ruft Frau Mettler, «Nei, Nei». Schade sei es dennoch, «sehr schade».

«Ja, schade ist es», da ist man sich an diesem Mittwoch in Felsberg einig. Gute Arbeit habe sie gemacht, das will der abtretenden Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf niemand absprechen, ein Fleissiges sei es gewesen. Aber überrascht über ihren Entscheid? Nein, überrascht ist hier niemand.

«Wenn Sie mich fragen? Verrat!»

Es hat schon bei den Wahlen im Oktober nicht so gut ausgesehen. Im Geburtsort der BDP legte ausgerechnet die SVP um 6,6 Prozentpunkte zu. Fast ein Drittel der Einwohner von Felsberg wählte SVP.

«Wenn Sie mich fragen? Verrat!», sagt Hans Danuser. «Man hätte doch seine Bundesrätin stützen müssen!» Er selber habe zwar auch SVP gewählt: «Aber ich stehe wenigstens dazu!», sagt Danuser, heimisch hier, Dorforiginal gemäss eigener Aussage. Aber da sei einiges hintenrum gegangen.

Hintenrum flüsterte man sich den Namen «Martullo-Blocher» zu. «Ist halt eine wichtige Arbeitgeberin hier», sagt ein Felsberger, der neben Danuser am Stammtisch sitzt. Er deutet vielsagend auf den Badge, der an seiner Arbeitshose baumelt: «Ems-Chemie», steht darauf. Haben die Felsberger Büezer am Ende der Blocher-Tochter vor ihrer eigenen Bundesrätin den Vorzug gegeben? Das will jetzt auch niemand grad so gesagt haben.

«Richtige Bundesrätin, falsche Partei»

Ein paar hundert Meter weiter, am zweiten Dorf-Stammtisch, im «Chrüzli-Egga» wird einer schon deutlicher: «Richtige Bundesrätin, falsche Partei», heisst es hier. «Chabis», sei das gewesen, diese Abspaltung, was soll das denn sein, diese BDP? «Wischiwaschi!» Wäre Widmer-Schlumpf SVP-Bundesrätin gewesen, hätte da niemand was dagegen gehabt. Der Vater sei schliesslich auch für die SVP im Bundesrat gewesen, Leon Schlumpf, Ehrenbürger von Felsberg, ob Eveline Widmer-Schlumpf das auch wird, weiss niemand. Aber der Vater habe es ja auch nur acht Jahre gemacht, wie die Tochter.

«Ist doch gut, jetzt ist sie wieder mehr bei der Familie», heisst es im Chrüzli weiter. Das verstehe man doch, dass sie wieder mehr bei der Familie sein wolle. «Sie ist am Ende froh», nickt die Runde, als der Chrüzli-Wirt um 19.30 Uhr die Tagessschau einschaltet und die Felsbergerin am Fernsehen spricht.

Auch der BDP-Gemeinderat Roland Schmid, der der Pressekonferenz seiner früheren Schulkollegin in seinem Büro lauscht, sagt: «Aber sie sieht gut aus, oder?» Gerade der Anfang ihrer Amtszeit sei sehr belastend für sie gewesen, das habe man gesehen. Schmid ist sich sicher: Dass die Felsberger seiner Partei bei den Wahlen nicht treu waren, hat nichts mit fehlendem Rückhalt zu tun, sondern mit der Flüchtlingskrise: «Und die hat die SVP bewirtschaftet. Nein, eigentlich möchte man sagen ‹ausgeschlachtet›», sagt Schmid. 

«Das Zugpferd ist natürlich weg»

Wie es mit seiner Partei weitergehen wird, ist er sich nicht sicher: «Natürlich wird es die BDP weiterhin geben», sagt er, «aber das Zugpferd ist natürlich weg.» Vielleicht gehe am Ende gerade dadurch ein Ruck durch die Partei.

Jetzt muss Schmid aber aufbrechen, die Felsberger müssen zur Gemeindeversammlung. Ausgerechnet an diesem Mittwoch stehen hier die Gemeinderats-Wahlen an. Unter den Kandidaten ist ein Bekannter, Ursin Widmer, der Sohn von Eveline Widmer-Schlumpf. Ob er wirklich für diese BDP antritt, weiss im Chrüzli niemand. 

Eveline Widmer-Schlumpf: Ihre Karriere in Bildern

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    Alle Leser-Kommentare
  • klugundweise 29.10.2015 12:22
    Highlight Highlight EWS wurde vom Parlament demokratisch als SVP-Vertreterin in den BR gewählt. Ist das Verrat, nur weil es einem anderen SVP-Mitglied nicht gepasst hat?
    Dann ist wohl der nächste Verrat geplant, wenn das Parlament nochmals nicht den von der SVP geforderten Vertreter wählt.
    Wie war das bei Hürlimann, Ritschard, Calmy Rey, Stich?
    Alles Verräter?
    Seltsames Verständnis von Demokratie!
  • Aberbitterschön 29.10.2015 11:22
    Highlight Highlight Welche Partei hin oder her. Was ich aber nicht verstehe, warum ausgerechnet die Bündner eine Zürcherin wählen. 😳 Ev. auch Verrat?
    • Max Heiri 29.10.2015 12:03
      Highlight Highlight Die Zürcher haben ja sogar einen Auslandsschweizer gewählt. Das würde ich eher hinterfragen.
    • Der Rückbauer 29.10.2015 12:07
      Highlight Highlight Ja, genau. Was bringt eigentlich die Bündner, die sich immer gerne als bodenständige und stolze Bergler geben, dazu, eine der grössten Züri-Schnorre zu wählen, welche die Interessen der Bündner in Bern vertreten sollte?
      Bisher sagte ein Bündner: Züri-Schnorre!
      Und der Zürcher: Oh schöön, ein Bündner, sicher na en Schiilehrer!
      Ist es Abhängigkeit oder Opportunismus? Oder: Wer (ausschliesslich von Ems) abhängig ist, wird Opportunist?
      Vielleicht sind die Bündner: D r e a m e r s ! Sey drim se hol dei!
    • saukaibli 30.10.2015 11:53
      Highlight Highlight Ich würde zu gerne diese Leutchen vom Lande und aus den Bergen verstehen, aber je älter ich werde je weniger kann ich das. Bin ja selber nicht mal ein Städter, komme aus der Aglo Zürich, aber irgendwie haben diese (jetzt nicht böse gemeint) Landeier schon ein ganz spezielles Völkchen, deren Gedankengänge für normale Menschen (hihi) nicht nachzuvollziehen sind.
  • Denk-mal 29.10.2015 10:45
    Highlight Highlight Na ja, so entstehen Bananenrepubliken. Einer od. einige schaffen Arbeitsplätze. Daraus entsteht Abhängigkeit, Manipulationen und Angst, sobald das Unternehmen droht.
    Wie die Unternehmer zu viel Geld kamen ist Wurst. Letzter Schritt…., es folgen immer mehr Unternehmen (Tiefsteuerpolitik weltweit). Nun folgt noch mehr Abhängigkeit und daraus entpuppen sich Raubtierkapitalisten, welche mit Clan im Familienstil ganze Länder beherrschen. Schaut euch in der Welt um. Ist jemand dumm und kann er nichts dafür, wählt er die SVP. Das Signet heisst ja auch; Schweizerische-Volkverdummungs-Partei.
    • Amboss 29.10.2015 11:01
      Highlight Highlight Und mit so einer Einstellung (ist im Geheimen weit verbreitet bei den Linken Parteien bis weit in die Mitte, speziell bei BDP) will man Wahlen gewinnen?

      Beleidige den Wähler und erwarte, dass er dich auch noch wählt... Fragt sich, wer da dumm ist...
    • Marco86 29.10.2015 14:43
      Highlight Highlight Phrasen wie "Raubtierkapitalisten" und "Schweizerische-Volksverdummungs-Partei" von linker Seite zeigen einmal mehr eindrücklich, dass man sich von SVP-Stil weniger unterscheidet, als man es sich eingestehen möchte.
    • saukaibli 30.10.2015 11:56
      Highlight Highlight @Amboss und Marco86: Anstatt jetzt wieder auf die Linken zu schiessen, weil sie das Schweizer Volk im gesamten nicht als Intelligenzbestien bezeichnen und den Souverän über Gott und alles stellen, solltet ihr euch mal auf den Inhalt von Spielverderbers Aussage konzentrieren. So unrecht hat er nämlich dabei nicht, auch wenn er euch dabei die Intelligenz abspricht.
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  • Amboss 29.10.2015 10:40
    Highlight Highlight Was ist das auch für ein komischer Bericht.
    Nur weil die Bundesrätin aus dem eigenen Dorf kommt heisst das doch nicht, dass man gleich ihre Partei wählen muss....

    Und vielleicht liegts auch daran, dass die BDP gegenüber der SVP doch recht weit nach links gerutscht ist (wenn man Bedenkt, dass die BDP aus der SVP hervorgegangen ist)

    Oder auch einfach daran, dass die Arbeit von Frau EWS vielleicht doch nicht so überzeugend war.
    In den drei Jährchen im EJPD ein Chaos hinterlassen und im EFD die Vorgaben aus dem Ausland umgesetzt. Mehr war da nicht bei ihr. Sorry.
    • Chili5000 29.10.2015 11:44
      Highlight Highlight Tomaten auf den Augen gehabt? Wenn du jetzt EWS noch schlecht reden willst dann bist wohl allein hier...
    • Amboss 29.10.2015 12:09
      Highlight Highlight @Chili:
      Im EJPD hat sie wirklich nicht überzeugt. Ich denke da an ihre gescheiterte Departementsreform. Sie hat da einige Baustellen hinterlassen, als sie das Departement fluchtartig verlassen hat nach nur drei (!) Jahren.
      Im EFD kamen die Vorgaben von aussen. Sie ging dabei so vor, wie A. Markel in der Eurokrise agiert hat: Abwarten, nachgeben.
      Dies war bestimmt eine gute Politik. Aber keine die gestaltet und anpackt und überzeugt.
      Ich sag es so: EJPD: Note 4.25, EFD: Note 5.5
      Macht ingesamt so eine knappe 5.
      Das ist gut. Mehr aber auch nicht.
    • Taeb Neged 29.10.2015 13:36
      Highlight Highlight Ich denke die SVP ist stark nach rechts gerutscht. Wer die Geschichte der SVP...
      Aber was soll's.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Zeit_Genosse 29.10.2015 10:31
    Highlight Highlight EWS vs. EMS
    Eine Abwägung auf Irrwegen.
  • Angelo C. 29.10.2015 10:12
    Highlight Highlight Nun ja, für die Einen stand der Verrat bei der ersten Wahl von EWS im Vordergrund, für die Anderen halt nun bei der letzten und indirekten Abwahl - so what 😉?!

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