Schweiz
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Vermummte setzen eine Strassenbarrikade bei der Reitschule in Brand, am fruehen Sonntagmorgen, 6. Maerz 2016, in Bern. Am Wochenende kam es zu Konfrontationen zwischen der Polizei und linksautonomen Aktivisten. Nachdem die Kantonspolizei Bern in der Nacht auf Freitag auf der Schuetzenmatte eine sogenannte praeventive Patrouille durchgefuehrt hatte, kam es in der Nacht auf Sonntag zum zweiten Mal zu einem Zwischenfall bei der Reitschule.  (KEYSTONE/Str)

Krawalle in der Berner Reitschule von vergangener Woche: «Alle Beteiligten halten den eigenen Opfermythos aufrecht.» 
Bild: KEYSTONE

Wie weiter nach den Krawallen in der Berner Reitschule? Die Streitkultur hinterfragen!



Eine schöne Reportage über die Reitschule liest du hier.

Rund eine Woche nach den Krawallen beim Berner Kulturzentrum Reitschule wirft das Thema nach wie vor hohe Wellen. Für den Soziologen Ueli Mäder sind die Ausschreitungen Ausdruck festgefahrener Feindbilder. Die Beteiligten sollten ihre Streitkultur unbedingt hinterfragen, fordert er.

Ueli Maeder, Soziologe, lanciert im Namen eines ueberparteilichen Komitees eine Wiedergutmachungsinitiative fuer ehemalige Verdingkinder und Opfer von fuersorgerischen Massnahmen am Montag, 31. Maerz 2014, in Bern. Opfer administrativer Zwangsmassnahmen werden per Gesetz rehabilitiert. Einem ueberparteilichen Komitee genuegt dies nicht: Am Montag hat die Gruppe eine Initiative lanciert mit dem Ziel, einen Entschaedigungs-Fonds ueber 500 Millionen Franken einzurichten. Rund 20'000 Menschen sind im letzten Jahrhundert in der Schweiz Opfer fuersorgerischer Zwangsmassnahmen geworden. (KEYSTONE/Lukas Lehmann)

Ueli Mäder: Reitschule leistet wichtige Arbeit.
Bild: KEYSTONE

Der Kampf zwischen dem autonomen Kulturzentrum und den Berner Behörden hat eine lange Tradition. «Alle Beteiligten halten den eigenen Opfermythos aufrecht», sagt Ueli Mäder, Soziologe an der Universität Basel im Interview mit dem «Tages-Anzeiger».

Rund ein Vierteljahrhundert reiben sich Reitschule und Berner Behörden nun schon aneinander. Dabei kam es in der Vergangenheit auch immer wieder zu gewalttätigen Ausschreitungen im Umfeld des Kulturzentrums.

Deeskalation und Verhandlungen

Die Stadt Bern setzte bislang auf Deeskalation und Verhandlungslösungen. Eine solche Verhandlungslösung hätte das Stadtparlament in einigen Wochen absegnen sollen. Nun wurde der Vertrag auf Eis gelegt. Die Reitschule erhält solange kein Geld mehr von der Stadt, bis der Vertrag inklusive Sicherheitskonzept unter Dach und Fach ist.

«Die Reitschule ist ein Lernfeld für viele Jugendliche, und nicht nur für sie. Aber sie darf keine rechtsfreie Zone sein.»

Ueli Mäder

Derweil gibt sich die Reitschule weiter unbeeindruckt. An einer Medienkonferenz am Freitag verurteilten Reitschul-Vertreter die Gewalt, machten gleichzeitig aber auch deutlich, am besten lasse die Polizei das Zentrum in Ruhe.

Berner Reitschule verurteilt Gewalt – und will in Ruhe gelassen werden
Die Reithalle duldet keinen Drogenhandel auf dem Vorplatz.

Im Inneren der Reitschule.
Bild:

Sorgen über die von der Stadt beschlossenen Sanktionen machen sich die Reitschüler nicht. Sie sehen die Reitschule als besetztes Haus an und das werde sie auch bleiben.

Das Anliegen, dass es an einem solchen Ort möglichst viel Freiheit gebe, macht für den Soziologen Ueli Mäder Sinn: «Die Reitschule ist ein Lernfeld für viele Jugendliche, und nicht nur für sie. Aber sie darf keine rechtsfreie Zone sein», sagt er in einem Interview mit der «SonntagsZeitung».

Die von der Berner Stadtregierung ergriffenen Sanktionen gegen die Reitschule dürften laut Mäder eher zu einer weiteren Verhärtung der Fronten führen. Das sei schade, denn die Reitschule mache eine wichtige Arbeit.

Verzerrtes Bild

Die aktuelle Debatte zeichne ein verzerrtes Bild des Kulturzentrums, betonten am Samstag auch der Dachverband Schweizer Musikclubs (PETZI) sowie weitere Kulturhäuser und Kulturinteressierte in einem offenen Brief. Es falle kein Wort zu den Konzerten und Shows, die Woche für Woche im Dachstock oder im Rössli über die Bühne gingen.

Die Berner Reitschule

Sie forderten die Stadt Bern auf, die Sistierung der finanziellen Mittel für die Reitschule per sofort aufzuheben. Der Freiraum als solcher müsse erhalten und respektiert werden.

Härtere Gangart

So regelmässig wie die Ausschreitungen erschallt jeweils auch der Ruf nach härteren Massnahmen, etwa nach einer Schliessung der Reitschule, wie dies rechtsbürgerliche Kreise seit langem fordern, bislang stets ohne Erfolg.

Nun hat die Junge SVP eine neue Initiative eingereicht, diesmal auf kantonaler Ebene. Die Jungpartei hofft auf Stimmen vom Land, wo die Reitschule nicht dieselbe Unterstützung in der Bevölkerung erfährt wie in der Stadt Bern.

Immer wieder taucht auch die Forderung nach einem härteren Eingreifen der Polizei auf. Diese solle die Chaoten, die sich regelmässig unerkannt in die Reitschule zurückziehen, dingfest machen.

Doch in der Menge der Reitschul-Besucher können sich die Chaoten sicher fühlen. Um grosse Kollateralschäden zu vermeiden, verzichtete die Polizei bisher auf einen Zugriff in dem autonomen Kulturzentrum.

Der Kommandant der Berner Kantonspolizei verteidigte dieses Vorgehen und verwies in der «Sonntagszeitung» auf die Politik. Die Polizei könne die Rahmenbedingungen nicht ändern.

ARCHIV - Ein Graffiti zeigt die Polizei an einer Wand beim Kulturzentrum Reitschule am Freitag, 20. Dezember 2013 in Bern. - Die Stadtregierung arbeitet seit laengerem an einem Massnahmenpaket, um die Gewalt im Umfeld der Reitschule einzudaemmen. Als

Die Polizei: Graffiti an Mauern der Reitschule.
Bild: KEYSTONE

Bereits kurz nach dem Krawall vom letzten Wochenende hatte sich der Verband Schweizerischer Polizei-Beamter zu Wort gemeldet: «Mit grosser Wut und Unverständnis» habe der Verband von den Vorfällen erfahren. Er fordert die Politik auf, endlich aufzuwachen und zu handeln.

Am vergangenen Wochenende kam es nach einer Polizeiaktion in der Umgebung der Reitschule zu Krawallen. Mit brennenden Strassenbarrikaden wurden Polizei und Feuerwehr in einen Hinterhalt gelockt und angegriffen. Elf Polizisten wurden verletzt. Wenig später bekannte sich eine anonyme Gruppierung zu dem «selbstbestimmten und entschlossenen Schritt in die offene Konfrontation mit den herrschenden Zwängen.» (sda)

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