Die Schweiz würde sich mit der Annahme dieser Initiative selbst ins Bein schiessen
Am 27. September 2026 stimmt die Schweiz ab. Das ist ein Privileg: Wir leben in einer Demokratie und können unsere Meinung äussern. Wir verfügen zudem über Freiheiten, die uns wichtig sind, und über einen freien Willen, um den uns manche beneiden.
Mit einem vielversprechenden, aber irreführenden Namen stellt uns die Ernährungs-Initiative ein besseres Leben in Aussicht: mehr Ernährungssicherheit, sauberes Wasser und eine überwiegend pflanzliche Ernährung.
Röstibrücke
Jeden Sonntag lädt watson Persönlichkeiten aus der Romandie ein, um aktuelle Ereignisse zu kommentieren oder ein Thema ins Licht zu rücken, das sonst zu wenig Beachtung findet.
Mit dabei: Nicolas Feuz (Schriftsteller), Anne Challandes (Schweizer Bauernverband), Roger Nordmann (Berater, ehem. SP-Nationalrat), Damien Cottier (FDP), Céline Weber (GLP), Karin Perraudin (Groupe Mutuel, ehem. CVP), Samuel Bendahan (SP), Ivan Slatkine (Verleger) und die QoQa-Otte.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Sauberes Wasser? Wem dieser Begriff bekannt vorkommt, liegt richtig: Das Schweizer Stimmvolk hat bereits im Juni 2021 über diese Frage abgestimmt – eine Initiative derselben Person. Die Antwort fiel eindeutig aus: Mehr als 60 Prozent sagten Nein. Warum wird der Volkswille nicht akzeptiert?
Eine Initiative mit unerreichbaren Zielen
Diese neue Initiative ist ein erneuter Vorstoss der Initiantin und zeugt zugleich von deutlicher Missachtung gegenüber der Meinung, welche die Schweizer Bevölkerung erst vor fünf Jahren geäussert hat. Auch der Landwirtschaft liegt sauberes Wasser am Herzen. Verschiedene Massnahmen und Projekte wurden insbesondere in den vergangenen Jahren umgesetzt – mit positiven Ergebnissen.
Freiheit und freier Wille? Mit dem Ziel, den Selbstversorgungsgrad bei Lebensmitteln innerhalb der kommenden zehn Jahre auf 70 Prozent zu erhöhen, schafft es die Initiative gleich doppelt, unsere Freiheit und die Auswahl auf unseren Tellern einzuschränken und gleichzeitig die Nutzung der Landesflächen infrage zu stellen – einschliesslich jener, die der Naherholung und der Biodiversität dienen. Abgesehen davon, dass eine Frist von zehn Jahren an sich unrealistisch ist, ist auch der festgelegte Wert trotz seiner Attraktivität nicht realistisch.
Um ihn zu erreichen, müsste die Bevölkerung direkt bevormundet werden, mit staatlichen Vorgaben dazu, was sie noch essen dürfte. Der Staat müsste den Konsum tierischer Lebensmittel drastisch einschränken und die Menschen dazu zwingen, ihre Ernährung grundlegend umzustellen. Dabei können sie das bereits heute freiwillig tun – und ich stelle fest, dass der Fleischkonsum nicht zurückgeht. Die klare Vorliebe etwa für Rindssteaks, Geflügel und Eier macht bereits heute Importe nötig.
Den Selbstversorgungsgrad auf 70 Prozent erhöhen? Auch wenn das Ziel lobenswert ist, ist ein solcher Wert unrealistisch. Zuletzt erreichte die Schweiz während des Zweiten Weltkriegs einen vergleichbaren Selbstversorgungsgrad. Mit dem damaligen Plan Wahlen wurde jeder verfügbare Quadratmeter Land für den Anbau von Lebensmitteln genutzt – einschliesslich Parks, Rasenflächen und Sportplätzen.
Bei einer Annahme der Initiative müssten innerhalb von zehn Jahren Flächen wieder landwirtschaftlich genutzt werden, die heute der Biodiversität, Parks oder Freizeitaktivitäten sowie Fussball- und Golfplätzen dienen. Damals wurde zudem ein Rationierungssystem eingeführt. Hinzu kommt, dass die Schweiz zu jener Zeit nur halb so viele Einwohnerinnen und Einwohner hatte wie heute.
Die Gesundheit der Böden wird vergessen
Eines der Ziele der Initiative ist es, die Zahl der Nutztiere zu reduzieren. Ohne sie wäre die Landwirtschaft in Berg- und Alpregionen zum Verschwinden verurteilt. Diese Gebiete würden nach und nach von Büschen und Wald überwuchert. Wertvolle und vielfältige Kulturlandschaften gingen verloren, was auch hier einen Verlust an Biodiversität zur Folge hätte.
Milch und Fleisch sind wichtige Pfeiler unserer Versorgungssicherheit. Auf zwei Dritteln der Landesfläche kann nur Gras wachsen. Und nur Wiederkäuer wie Kühe, Schafe oder Ziegen können dieses verwerten und daraus Lebensmittel – Milch und Fleisch – erzeugen, die Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung sind. Hinzu kommt, dass diese Tiere täglich einen natürlichen und erneuerbaren Dünger produzieren, der die Böden nährt und pflegt.
Würden diese Nährstoffe für die Gesundheit und Fruchtbarkeit unserer landwirtschaftlichen Böden sowie für die Pflanzenproduktion wegfallen, müssten wir sie durch Mineraldünger ersetzen.
Ein stark unterschätztes Risiko
Den Grossteil der Lebensmittelproduktion eines Landes wie der Schweiz allein auf pflanzliche Erzeugnisse auszurichten, birgt zudem ein enormes Risiko: Man setzt alles auf eine Karte und könnte bei Problemen alles verlieren.
Dieses extreme Jahr zeigt einmal mehr, dass die Widerstandsfähigkeit grösser ist, wenn sie auf mehreren Pfeilern beruht: in diesem Fall auf einer vielfältigen pflanzlichen und tierischen Produktion. Das war diesen Sommer deutlich zu sehen, ebenso in Jahren mit zu viel Niederschlag: Kulturen reagieren sehr empfindlich auf das Wetter und leiden stark, wenn es zu viel regnet oder wenn es zu trocken und zu heiss ist.
In beiden Fällen ist das Produktionsvolumen nicht gesichert, weshalb Importe nötig werden. Wir würden uns ins eigene Bein schiessen, wenn wir auf einen Teil unserer Ernährung verzichten würden, der ebenso zu unserer Topografie wie zu unseren Landschaften gehört.
Die Initiative verlangt zudem, dass die Schweiz bei der Pflanzenzüchtung um 100 Jahre zurückgeht – und das in einer Zeit, in der die Herausforderungen besonders gross sind. Die Möglichkeiten einzuschränken, widerstandsfähigere und besser angepasste Sorten zu entwickeln, widerspricht völlig dem Ziel, den Einsatz von Produktionsmitteln zu reduzieren. Die Erträge bei Gemüse, Früchten, Getreide, Raps oder Kartoffeln würden stark zurückgehen.
All das bringt mich zum Schluss, dass man sich nicht vom irreführenden Titel dieser Initiative täuschen lassen darf, sondern sich mit ihren nachteiligen und widersprüchlichen Folgen für unsere Ernährung und die landwirtschaftliche Produktion auseinandersetzen sollte. Sämtliche politischen Parteien sowie das Parlament und der Bundesrat sehen das ebenfalls so: Sie lehnen diese Initiative einstimmig ab.
