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Nach Swiss-Ski-Kader-Rauswurf: Darum fährt Ramon Zenhäusern weiter

Der Schweizer Skirennfahrer Ramon Zenhaeusern spricht an einem Medientermin, am Samstag, 17. Januar 2026, in Wengen. (KEYSTONE/Peter Schneider)
Bild: KEYSTONE

Geld weg, Sponsor weg, Trainer weg, Auto weg: Darum fährt Ramon Zenhäusern trotzdem weiter

Er hat mehr Weltcupsiege im Slalom vorzuweisen als Loïc Meillard. Trotz aller Verdienste wird Ramon Zenhäusern aus dem Swiss-Ski-Kader verbannt. Wie gross sein Ärger darüber ist und was das für finanzielle Konsequenzen für ihn hat.
14.05.2026, 08:1214.05.2026, 09:29
François Schmid-Bechtel / ch media

Plötzlich auf sich allein gestellt. Kein Trainer, der ihm sagt, was er zu tun hat. Kein Backoffice, das ihm Reisen, Unterkünfte, Trainings, Termine, den ganzen administrativen Kram organisiert. Kein Verband, der ihm das alles bezahlt. Ramon Zenhäusern hat als Skirennfahrer so ziemlich alles verloren, was man verlieren kann.

Dabei sprechen wir nicht von irgendeinem x-beliebigen Skifahrer. Wir sprechen vom zweiterfolgreichsten Slalomfahrer der Schweiz. Einem Publikumsliebling. Einem Geschenk für Medien und Werbepartner, dessen legendäre Sprüche Kultstatus haben. Einem Typen, der schon durch seine imposante Erscheinung von 2 Metern und 2 Zentimetern auffällt.

Es hätte nicht überrascht, wenn der Walliser nach der Ausbootung aus dem Swiss-Ski-Kader zum Schluss gekommen wäre: Freunde, das war's, ich hab's gesehen. Er muss niemandem mehr etwas beweisen. Hat 2018 an Olympia Gold und Silber und ein Jahr später WM-Gold gewonnen. Sowie sechs Weltcup-Events. Er ist schon 34. Und Swiss-Ski hat ihm mit der Ausbootung nicht gerade den roten Teppich ausgerollt.

Keine Unfallversicherung und kein Geld vom Militär

Dazu kommt, dass auch noch der Kopfsponsor Brack sein Engagement im Ski alpin aufgibt und nur noch im Fussball tätig ist. Ausserdem muss er zusätzlich auf diverse Annehmlichkeiten verzichten, weil er nicht mehr Kader-Status hat. So zog man ihm das Dienstauto ein, Handy- und TV-Abo wird er künftig selbst bezahlen müssen, ebenso die Unfallversicherung. Weg ist auch die Swiss-Olympic-Card, dank der man diverse Vergünstigungen kriegt. Vergangenheit ist auch das mit den 100 WK-Tagen, die er sich als RS-Absolvent jeweils gutschreiben lassen konnte und die pro Saison mit 20'000 Franken vergütet worden sind.

Einen Groll gegen den Verband hegt Zenhäusern wegen all der Widrigkeiten nicht. Die Reglemente seien unmissverständlich, sagt er. «Wer über 30-jährig und nicht unter den besten 30 der Welt klassiert ist, fliegt aus dem Kader.» Zenhäusern hat die Slalomwertung im 37., in der Saison davor im 35. Platz abgeschlossen. «Swiss-Ski hätte mich also schon vor einem Jahr aussortieren können. Weil sie damals eine Ausnahme gemacht haben, konnte ich das nicht ein zweites Mal erwarten», sagt er. Und weil das alles erwartbar war, hat ihm der Entscheid auch nicht den Boden unter den Füssen weggezogen.

Kann ich mir ein Trainingslager noch leisten?

Fast alles ist in der Schwebe. Wenig ist klar. Auf Konditions-Trainer von Swiss-Ski kann Zenhäusern nicht mehr zurückgreifen. Er muss sich selbst organisieren. Sich in Eigenregie auf die Saison vorbereiten. Da stellen sich Fragen wie: Wann und wo kann ich erstmals wieder auf Schnee trainieren? Hoffe ich darauf, dass in Saas Fee die Sommer-Bedingungen auf dem Gletscher gut genug sind? Kann ich mich dort einem ausländischen Team anschliessen? Oder macht es doch Sinn, 20'000 Franken für ein Trainingslager in Neuseeland auszugeben?

Einen fahrbaren Untersatz besorgte er sich inzwischen. Luca Aerni hat kürzlich einen Seat abgekauft. Und einen Ausrüster hat er auch. Erstmals in seinem Leben heisst dieser nicht Rossignol, sondern Völkl.  Ausserdem stellt ihm der deutsche Skihersteller einen Servicemann zur Verfügung, was finanziell überlebenswichtig ist.

Abgesehen davon sind viele organisatorische und finanzielle Fragen noch ungeklärt. «Im Moment fühle ich mich mehr als Manager, denn als Skifahrer. Aber ich stehe immer noch ganz am Anfang meiner Ära als One-Man-Show.» Ein Ziel kann er gleichwohl schon formulieren: Zenhäusern peilt ein Nullsummenspiel an und hofft, dank Preisgeld ein bisschen was verdienen zu können.

«Noch bin ich zu gut, um aufzuhören»

Doch warum tut er sich das an? Warum ist er bereit, die finanziellen Reserven anzuzapfen, die er in den letzten Jahren bilden konnte? Zenhäusern sagt: «Das Feuer brennt zu stark, um aufzugeben. Mein Können ist noch immer zu gut, um aufzuhören. die Ausgangslage ist zu gut, um das Abenteuer nicht zu wagen. Ausserdem war ich schon immer ein Kämpfer und Swiss-Ski lässt mich entgegen dem, was berichtet worden ist, auch nicht komplett hängen.»

Das mit dem Feuer war in der letzten Saison eine diffizile Geschichte. Mal loderte es wie nach dem fulminanten 2. Lauf in Adelboden (zweitbeste Zeit). Mal war es fast schon aus wie nach dem Slalom in Kitzbühel Ende Januar, wo er sich wie schon in Wengen nicht für den zweiten Lauf qualifiziert hat. «Damals schloss ich innerlich mit dem ganzen Zeug bereits ab», sagt er heute.

Trotzdem rafft er sich noch einmel auf und steht nur drei Tage später in Schladming wieder am Start. Der 20. Rang ist zwar für einen wie Zenhäusern kein Ruhmesblatt, aber immerhin ein Beleg dafür, dass er den Slalomhang doch noch besser meistert als eine Ehringer Kuh.

Entgegen den Empfehlungen der Trainer reist Zenhäusern darauf nach Spanien, um zwei Europacup-Rennen zu bestreiten und danach zu Nor-Am-Rennen in die USA. «Als ich im ersten Wettkampf in Spanien mit Nummer 46 auf einer pludderweichen Piste auf Rang 4 fuhr, kehrte ein Stück weit das Bewusstsein zurück, dass ich es noch kann», sagt Zenhäusern. Und spätestens, nachdem er die Saison mit einem Sieg im Europacup abschliesst, kommt er zum Schluss: Ich bin noch immer zu gut um aufzuhören.

Da ist aber auch noch der Punkt mit der Ausgangslage, der Zenhäusern darin bestärkt, die Karriere auch unter erschwerten Bedingungen fortzusetzen. Der Doppelmeter erklärt es so: «Müsste ich im ersten Rennen mit einer Nummer um die 60 starten, hätte ich den Sinn hinter dem Ganzen nicht gesehen. Aber mit einer Nummer zwischen 30 und 40 sind die Chancen intakt, in die Punkteränge zu fahren.»

Ab Herbst wird er wieder ins Team integriert

Bleibt der letzte Punkt zu klären. Einerseits wissen wir, dass Zenhäusern nicht mehr zum Swiss-Ski-Kader zählt. Andererseits erwähnt er, dass ihn der Verband nicht komplett fallen lässt. «Wir konnten einen Kompromiss vereinbaren», sagt Zenhäusern. «Ab Herbst bin ich wieder Teil des Teams und der Verband wird teilweise für Reise- und Übernachtungskosten aufkommen.»

Auf die Gefahr, dass es klischiert daher kommt: Zenhäusern sieht in der Krise auch eine Chance. Die Chance, sich aus dem Windschatten der Weltspitze anzunähern und den grossen Traum von einer Teilnahme an der Heim-WM in Crans-Montana zu realisieren. Und er sieht auch die Chance, sich ein Stück weit selbst verwirklichen zu können. «Ich habe zurzeit keinen Kopfsponsor. Ich denke, dass diese Werbefläche attraktiv ist. Denn häufig, wenn ich am Start bin, werde ich hinterher zu Interviews im Fernsehen gebeten.» Dann kann es vorkommen, dass er typische Zenhäusern-Dinge sagt, die jede Formschwankung überdauern. Kult halt. (aargauerzeitung.ch)

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