Wende in der Ölkrise: «Was gerade in China passiert, ist riesig»
Im Ölmarkt galt es schon immer als das «Albtraum-Szenario»: Die Strasse von Hormus blockiert, kein Durchkommen mehr für 20 Prozent des weltweiten Angebots an Rohöl und Flüssiggas. Dann griff Donald Trump den Iran an – und begann damit ein historisches Experiment.
Die Welt wird jetzt herausfinden, was die Folgen sind. Was alles in die Brüche geht. Was widerstandsfähiger ist als befürchtet. Ob die Realität vielleicht doch weniger albtraumhaft ist als das Albtraum-Szenario. Es ist wie in einem echten Experiment. Niemand kennt den Ausgang.
Nach über zwei Monaten ist jedoch klar: Die Blockade hat Trends angestossen, welche die Folgen abmildern. Javier Blas, Energieexperte der Nachrichtenagentur «Bloomberg», hat einen solchen Trend entdeckt, und zwar in China. Dieser Trend ist riesig, überraschend und rätselhaft.
Chinas Energiesystem ist selbst in friedlichen Zeiten sehr undurchsichtig. In Kriegszeiten ist es, als wäre es von einem dichten Nebel umgeben. Die Ölhändler müssen darin herumstochern, indem sie mühsam einzelne Tanker zählen, Satellitenbilder entschlüsseln oder lokale Kontakte pflegen. So stiessen sie auf ungewöhnliche Vorgänge.
Die Welt hat derzeit zu wenig Erdöl. Deshalb sollten sich eigentlich sämtliche Länder um das verfügbare Öl rangeln. Stattdessen bleibt China dem Gerangel offenbar fern. Seine staatlichen Ölkonzerne kämpfen nicht um jede einzelne Erdöllieferung; sie verkaufen einige davon weiter an europäische und asiatische Konkurrenten – als hätten sie zu viel Erdöl.
Und noch seltsamer ist das Bild, das sich aus den Tanker-Zählungen ergibt: Inmitten dieser Öl-Krise, in der alle Welt gerne mehr Öl hätte, importiert China weniger Öl. Und nicht nur ein bisschen weniger. Es hat seine Importe dramatisch gesenkt – um ein Viertel.
Und wenn China ein Viertel weniger Öl importiert, dann entspricht das ungefähr dem totalen jährlichen Verbrauch von Japan, das selbst eine der fünf grössten Volkswirtschaften der Welt ist. Experte Blas schreibt darum:
Chinas Import-Wende ist laut Blas der zweit- oder drittwichtigste Trend, welcher den Ölmarkt heute im Gleichgewicht hält. Noch wichtiger ist nur noch die Pipeline, mit der Saudi-Arabien die Strasse von Hormus umgeht. Ähnlich wichtig ist das Erdöl, das aus den strategischen Reserven der USA und von Japan kommt. Also wirklich «riesig».
Eine chinesische Import-Wende hat globale Folgen – das liegt daran, dass die chinesische Wirtschaft gigantisch ist. Sie ist mittlerweile je nach Berechnung grösser als jene der USA. Was in China passiert, bleibt selten in China. Es bewegt die Welt.
Leider ist dieser Trend ebenso riesig, wie rätselhaft. Man weiss nicht, wie er entstanden ist oder wie lange er anhalten könnte. Man kann über die Ursachen nur spekulieren.
Chinas Wirtschaft läuft vielleicht schlechter, als es die offiziellen Zahlen ausweisen. Womöglich, weil der bisherige Ölpreis-Anstieg wichtige Exportmärkte in Rezessionen getrieben hat, etwa in Südostasien.
Oder China hat seine gigantischen Reserven angezapft. Auf Satellitenbilder ist davon zwar nichts zu sehen. Aber das will nicht viel heissen. China verfügt über Reserven, die aus dem Weltall nicht zu erkennen sind.
Oder es macht sich stärker als erwartet bemerkbar, dass China seinen Verkehrssektor rasant elektrifiziert: 2025 dürften Elektroautos bereits über die Hälfte aller neu verkauften Autos ausmachen.
Oder die Erklärung findet sich bei Chinas obskuren Herstellern von Petrochemikalien. Sie sind weltweit die Einzigen, die ihre Petrochemikalien nicht nur aus Erdöl, sondern auch aus Kohle herstellen. Das entsprechende Verfahren wurde 1925 von deutschen Chemikern entdeckt und erlangte danach einen berüchtigten Ruf.
Es wurde von den Nationalsozialisten für ihre Kriegsmaschinerie verwendet und später vom Apartheid-Regime für seine von Sanktionen geplagte Wirtschaft. In der chinesischen Petrochemie hat es nun seinen letzten, gigantisch grossen Nutzer gefunden. Da diese Petrochemie nun noch mehr auf Kohle setzt, importiert China weniger Erdöl.
So lässt sich zumindest spekulieren. Aber wissen kann man es nicht.
Europa hat dieses Mal noch Glück im Unglück
In Europa fällt auf, dass sich das Albtraum-Szenario nicht wie ein Albtraum anfühlt – zumindest noch nicht. «Ja, es gibt einen Ölschock: Das zeigt sich am Flugbenzin», sagt Energie-Experte Blas.
Anders gesagt: 2026 ist bisher nicht 2022. Damals wurde Europa absichtlich ein Energieschock versetzt durch Russlands Präsident Wladimir Putin. Er kappte die Gaszufuhr. Hoch schossen die Gaspreise. Die Strompreise hinterher. Und kleine und mittlere Unternehmen, für welche Strom weit wichtiger als Erdöl ist, erhielten rekordhohe Rechnungen ausgestellt. Kreuz und quer durch Europa. Französische Bäckereien. Britische Pubs. Deutsche Shops. Schweizer Cafés.
2026 bleiben die Strompreise jedoch weit hinter den 2022-Rekorden zurück. Das liegt an einer Reihe von Trends.
2022 musste Frankreichs Atomindustrie gleich Dutzende Reaktoren reparieren und produzierte so wenig Strom wie in 30 Jahren nicht – worunter auch Schweiz und Deutschland litten. 2026 hat sich die atomare Stromproduktion erholt. 2022 litten auch Wasserkraftwerke unter einer Dürre, welche es laut einer Denkfabrik nur einmal in 500 Jahren gebe. 2026 stehen Europas Wasserkraftwerke bisher viel besser da.
Kurz gesagt: 2022 hat Europa im Unglück noch mehr Unglück gehabt, 2026 bisher Glück im Unglück.
Aber nicht nur. Europa hat nach 2022 auch die Solarkraft stark ausgebaut. 2026 produziert sie jetzt rekordhohe Strommengen und drückt so die durchschnittlichen Strompreise nach unten, an manchen Tagen bis hinab in den negativen Bereich. Spanien zum Beispiel hat seine Solarkapazität zwischen 2019 und 2026 verdoppelt, ist nun vor dem Öl-Schock vergleichsweise gut geschützt und gilt diesbezüglich als Musterbeispiel.
Die Europäische Union will jetzt die Abhängigkeit von Erdöl weiter senken und noch schneller auf Strom umstellen. Diese Energiewende wird nicht länger allein mit dem Klimawandel begründet. Jetzt gilt sie als notwendig für Wirtschaft, Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit. Der französische Premierminister Sébastian Lecornu etwa sagte:
All das bedeutet indes nicht, dass Trumps historisches Experiment schon überstanden wäre. Die Strasse von Hormus ist nach wie vor blockiert. Öl ist teuer und hatte beispielsweise in den USA die Inflation schon auf 3,8 Prozent angehoben. Weltweit werden die Öl-Reserven in einem Rekordtempo aufgebraucht und erreichen laut dem Ölkonzern Saudi Aramco bald «kritisch niedrige Werte».
Wie lange Chinas Import-Wende andauern kann, ist ebenfalls unsicher. Die US-Bank Morgan Stanley warnte deshalb kürzlich: «Der Ölmarkt befindet sich in einem Rennen gegen die Zeit.»

