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Unangenehme Fragen: Bundesrat Alain Berset im Medienzentrum.
Unangenehme Fragen: Bundesrat Alain Berset im Medienzentrum.
Bild: keystone

Das Leck, der Psychiater und die Pille danach: Die Hintergründe der Affäre Berset

Ein Sonderstaatsanwalt soll die undichte Stelle in der «Privatangelegenheit» des SP-Bundesrats suchen. Sie wird im Berner Machtzentrum vermutet.
18.09.2021, 09:3718.09.2021, 09:46
Andreas Maurer / ch media

Bundesrat Alain Berset will eigentlich nur über die neusten Entscheide zur Coronakrise informieren. Doch im Medienzentrum dominiert eine andere Frage das Interesse: Was sagt er zu den Enthüllungen der «Weltwoche» über seine Affäre?

Nichts. Er verweist auf seine Aussage im vergangenen Jahr. Damals sagte er: «Das war eine private Angelegenheit. Und die Angelegenheit ist abgeschlossen.»

Die Angelegenheit beschäftigt die Behörden jedoch weiterhin. Der Fall kommt in die Geschäftsprüfungskommission. Sie soll die Rolle von Bersets Generalsekretär untersuchen, der anfangs die private Angelegenheit seines Chefs zu regeln versuchte.

Und der Fall hat zu einer Strafanzeige der Bundesanwaltschaft geführt. Sie beantragt, dass ein Sonderermittler einer möglichen Amtsgeheimnisverletzung nachgehen soll.

Direkt nach der Veröffentlichung der Enthüllungen wusste man nicht recht, was an der Geschichte stimmt und was nicht. Inzwischen haben Recherchen weiterer Medien Klarheit in einigen Punkten ergeben, in anderen noch nicht.

Der Fall: Eine versuchte Erpressung vor der Bundesratswahl

Die kurze Version der Geschichte lautet: Auf einer Bundesratsreise lernt Berset eine 25-jährige Pianistin kennen. Bilder zeigen, wie sich das Paar vergnügt vor dem Klavier unterhält. Es entwickelt sich eine jahrelange Beziehung, die im Streit auseinandergeht. Sie wirft ihm vor, seinetwegen eine Abtreibung durchgeführt zu haben, und verlangt dafür 100'000 Franken.

Kurz vor den Bundesratswahlen 2019 droht die Affäre zu eskalieren. Bersets damaliger Generalsekretär nimmt Kontakt mit der Frau auf und übergibt den Fall danach einem Anwalt. Dieser spielt auf Zeit. Am Tag nach der Bundesratswahl reicht Berset Strafanzeige ein. Dann geht es schnell.

Schon am nächsten Tag wird die Frau von einer Sondereinheit der Bundespolizei festgenommen, später von der Bundesanwaltschaft wegen versuchter Erpressung verurteilt. Die Frau nimmt ihre Vorwürfe zurück und verspricht, fortan zu schweigen.

Das Leck

Warum kommt die Geschichte jetzt wieder hoch? Es ist die Frage, die am Tag zwei nach den Enthüllungen die Behörden und die Medien beschäftigt.

Bersets Team hat ein Ablenkungsmanöver gestartet. Es belieferte den «Blick» und die NZZ mit folgender Information: In den Strafakten, welche die Parteien erhalten haben, steht nirgends, dass die Sondereinheit Tigris ausgerückt ist, um die Frau festzunehmen. Dies war in der «Weltwoche» zu lesen. Daraus wurde die Schlussfolgerung gezogen: Es muss eine undichte Stelle in der Bundespolizei oder der Bundesanwaltschaft geben.

Bundesrat Alain Berset und Peter Lauener, Kommunikationschef EDI.
Bundesrat Alain Berset und Peter Lauener, Kommunikationschef EDI.
Bild: keystone

Als diese Spekulation im Raum stand, sah sich die Bundesanwaltschaft zum Handeln gezwungen. Am Freitag reichte sie bei ihrer Aufsichtsbehörde eine Strafanzeige wegen einer mutmasslichen Amtsgeheimnisverletzung ein. Sie beantragte, dass ein ausserordentlicher Staatsanwalt den Fall untersuchen soll.

Doch die Sondereinheit Tigris könnte in diesem Fall eine falsche Fährte sein. Die vermeintlich exklusive Information der «Weltwoche» klingt spannend, ist aber Alltag bei der Bundespolizei. Sie führt alle ihre Festnahmen in der Regel mit dieser Sondereinheit durch, wie sie selber angibt. Es ist deshalb nur normal, dass die Truppe auch bei diesem Einsatz dabei war.

Innerhalb der Bundespolizei und der Bundesanwaltschaft haben nur die Mitglieder des Ermittlungsteams Zugriff auf die Strafakten. Das ist ein kleiner, überschaubarer Kreis. Jeder Zugriff wird im System dokumentiert. Jede Beamtin weiss dies.

Naheliegender erscheint, dass das Leck woanders zu finden ist. Die Aufsichtsbehörde über die Bundesanwaltschaft hat den Fall nämlich inzwischen ebenfalls untersucht und ihren Bericht der Geschäftsprüfungskommission übermittelt. Der Zeitpunkt ist verdächtig: Er traf wenige Tage vor der Publikation der «Weltwoche» bei den Politikern ein.

Der Psychiater

Die Jagd nach dem Übermittler der Nachricht lenkt indes von Wichtigerem ab: von deren Inhalt. Ein Aspekt, der bisher nicht vertieft behandelt wurde, ist die Rolle des Psychiaters Fritz Ramseier. Er wurde von Bersets Anwalt Patrik Eisenhut kurz vor der Bundesratswahl aufgeboten, um eine Einschätzung über die Frau abzugeben.

In einem Bericht stellte der Psychiater verschiedene Thesen auf. Er zog eine narzisstische sowie eine wahnhafte Störung und sogar eine Schizophrenie in Betracht. Gemäss Recherchen stützte er sich dabei auf Aussagen der Frau gegenüber Bersets Anwalt sowie auf Auftritte der Frau, die auf der Videoplattform Youtube abrufbar sind.

Die «Weltwoche» deutet den Einsatz des Psychiaters so: Bersets Team habe die Frau für geisteskrank erklären wollen, falls die Affäre eskaliert wäre.

In Bersets Umfeld wird dies dementiert. Die Absicht sei keinesfalls gewesen, der Frau zu schaden, im Gegenteil, man habe ihr helfen wollen. Es sei darum gegangen, herauszufinden, wie man sie am besten anspricht, um die Affäre in Ruhe zu regeln. Sollte zum Beispiel ein Notfallpsychiater den Polizeieinsatz begleiten?

Weil die Frau zu diesem Zeitpunkt noch keinen Anwalt hatte, sah es Bersets Anwalt offenbar als seine Aufgabe an, sich auch um das Seelenleben der Gegenseite zu sorgen.

Die Pille danach

Die Vorwürfe gegen die «Weltwoche» sind widersprüchlich. Einerseits soll sie zu viel gewusst haben. Deshalb der Verdacht der Amtsgeheimnisverletzung. Andererseits soll sie einseitig aus den Strafakten zitiert haben. So soll sie verschwiegen haben, wie die Vorwürfe der Frau in sich zusammen fielen.

Die NZZ ergänzte, was die «Weltwoche» weggelassen hatte. Die Frau soll präzisiert haben, was sie mit der Abtreibung meinte. Nämlich keinen chirurgischen Eingriff, sondern die Einnahme der Pille danach.

Später tauchten in der Befragung weitere Widersprüche auf. Etwa zum Zeitpunkt. Nicht geklärt ist, wann genau sie dieses Medikament einnahm. Hinweise deuten darauf hin, dass es erst später gewesen sein soll, also nach dem Ende der Affäre mit Berset.

Diese Episode zeigt, wie delikat die Situation derzeit ist; für Berset und für die Medien. Die private Angelegenheit ist politisch geworden, weil Chefbeamte involviert sind und Informanten in Bundesbern vermutet werden. Damit ist die Affäre auch erklärungsbedürftig geworden. Erklärungen können aber nur gefunden werden, indem Bersets Privatangelegenheit durchleuchtet wird. Nur so kann sie zu dem erklärt werden, was sie für Berset längst ist: abgeschlossen. (bzbasel.ch)

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