Schweiz
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In Spreitenbach sind die Einheimischen in der Minderheit. Bild: KEYSTONE

Spurensuche

Wieso der ländliche Aargau mit der Ecopop-Initiative sympathisiert

Effingen oder Schlossrued sind typische Aargauer Kleingemeinden. Dichtestress ist hier ein Fremdwort. Trotzdem haben manche Einwohner ihre Gründe, wieso sie an der Urne ein Ja zur Ecopop-Initiative einlegen könnten.

Urs Moser / aargauer zeitung

Ein Artikel der

Die Regierung ist sich einig, Landammann Roland Brogli warnt vor den Folgen, Landstatthalter Urs Hofmann ruft zu einem Nein auf, Susanne Hochuli hat sich ebenfalls einem Nein-Komitee angeschlossen, zahlreiche Firmenchefs nehmen entschieden gegen die Initiative Stellung und alle Parteien, ausser der SVP, vertreten eine klare Nein-Parole: Im Aargau besteht eine breite Front gegen die Ecopop-Initiative, mit der die Einwanderung rigoros beschränkt werden soll.

Aber kommt die Botschaft bei den Stimmbürgern an? Da bestehen Zweifel. Zum Beispiel in Effingen. Die 600-Seelen-Gemeinde ist quasi die Ecopop-Zentrale. Ecopop-Geschäftsführer Andreas Thommen kommt von hier. Sein Engagement habe wohl dazu beigetragen, dass die Effinger ihn, den Grünen, zu ihrem Gemeindeammann wählten, glaubt Thommen. 

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Effingen preist sich an als «Toscana des Aargaus». Bild: KEYSTONE

Gemeindeschreiber Stefan Treier, selber ein bekennender Ecopop-Anhänger, bestätigt den Befund. Müsste er eine Wette abschliessen, würde er auf 55 Prozent Ja-Stimmen der Effinger am 30.November tippen. Die Gemeinde preist sich als «Toscana des Aargaus» an, mit intakter Umgebung und vom Bauboom des 20. Jahrhunderts weitgehend unberührt. Von den 600 Einwohnern sind 73 Ausländer, nicht mehr als 7 Effinger sind derzeit arbeitslos. 

Der viel zitierte Dichtestress, so sollte man meinen, ist hier ein Fremdwort. Warum sollten also die Effinger, wie schon am 9. Februar für die Masseneinwanderungs-Initiative, jetzt auch für die noch viel radikalere Ecopop-Initiative stimmen? Arbeitsplätze gibt es im Dorf nicht sehr viele. Die Effinger pendeln Richtung Brugg, Baden, Zürich oder Basel. Auf verstopften Strassen, in verstopften Zügen, das gebe den Leuten zu denken, meint Gemeindeschreiber Treier. 

«Ein Ja wäre nicht gut, ein Nein aber auch schlecht.»

Er kann sich vorstellen, was in manchen Köpfen vorgeht: In der Gemeinde gibt es Grundstücke, von denen nur ein kleiner Teil ausserhalb der Bauzone liegt. Eine Einzonung lehnt der Kanton aber strikt ab. Schaut der Effinger dann auf dem Weg zur Arbeit aus dem Fenster des verstopften Zugs, gibt ihm das ein schlechtes Gefühl. Er sieht, wofür der Platz gebraucht wird, den man ihm für eine moderate Entwicklung nicht zugestehen will.

Wie stark wirkt das SVP-Signal?

Abstimmungen werden nicht in Kleingemeinden wie Effingen oder Schlossrued gewonnen, wo am 9. Februar mehr als 78 Prozent für die Masseneinwanderungs-Initiative stimmten. Aber bis zu einem gewissen Grad repräsentativ ist die Haltung der Effinger und Schlossrueder zumindest für den ländlichen Teil des Aargaus wahrscheinlich schon.

Man sei hier halt fürs Bewahren und habe wohl etwas Angst, man könnte aus der heilen Welt in einen Sog geraten, meinte der Schlossrueder Gemeinderat Gotthold Müller, nach den Gründen für die rekordhohe Zustimmung zur Masseneinwanderungs-Initiative befragt. Hier stimmten seinerzeit auch fast 87 Prozent für das Minarett-Verbot, über 72 Prozent wollten ins Gesetz schreiben, dass im Kindergarten nur Mundart gesprochen werden darf. 

Ein Plakat mit dem Slogan

Plakat der Ecopop-Initianten. Bild: KEYSTONE

Bei den letzten Grossratswahlen kam die SVP in Schlossrued auf 44 Prozent Wähleranteil. Spricht sich die Aargauer SVP für die Ecopop-Initiative aus, ist das hier sicher ein Signal für viele Bürger, noch einmal ein klares Signal nach Bundesbern zu schicken, dass es einem ernst ist mit der Begrenzung der Zuwanderung. Das werde für die Abstimmung am 30. November sicher eine Rolle spielen, glaubt auch Gemeinderat Alexander Weber. 

Die Stimmung im Dorf könne er aber schwer einschätzen. Von den meisten Leuten, mit denen er spreche, bekomme er keine klare Antwort, die Meinungen seien wohl noch nicht abschliessend gemacht. «Ein Ja wäre nicht gut, ein Nein aber auch schlecht», beschreibt er die Stimmungslage.

Auch Verlustangst nimmt zu

Anders ist die Ausgangslage in einer Gemeinde wie Spreitenbach. Die Einheimischen sind hier in der Minderheit, der Ausländeranteil liegt bei rekordhohen 51 Prozent, über 300 Spreitenbacher leben derzeit von den Taggeldern der Arbeitslosenversicherung und die Sozialhilfequote liegt über dem Doppelten des kantonalen Durchschnitts. 

An Orten wie hier findet das überdurchschnittliche Bevölkerungswachstum im Aargau statt, von dem die Aargauer aber nicht im erwünschten Mass profitieren: unterdurchschnittliches Volkseinkommen pro Kopf, zu wenig wertschöpfungsintensive Arbeitsplätze, nicht im Gleichtakt mit der benötigten Infrastruktur wachsende Steuereinnahmen. 

Ein Nährboden für Volksbegehren wie die Ecopop-Initiative? Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber er könne sich schon vorstellen, dass die Initiative in Spreitenbach auf überdurchschnittliche Zustimmung stösst, meint der ehemalige Ammann und FDP-Grossrat Josef Bütler. Das Nebeneinander der Kulturen funktioniere grundsätzlich gut, aber das anhaltende Bevölkerungswachstum führe auch zu steigenden Verlustängsten. 

Auch SP-Grossrat Martin Christen kann sich vorstellen, dass die Ecopop-Initiative bei den Spreitenbachern eine Mehrheit findet. Auch Leute aus einem Umfeld, von denen er das nie gedacht hätte, würden Ja stimmen. Den «zum Teil schon horrenden Landverschleiss» sieht er als einen Grund an. Es schössen Wohnblöcke hoch, wo einst ein Siedlungstrenngürtel war.



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3Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Bowell 30.11.2014 11:48
    Highlight Highlight Tja, nach der ersten Auszählung von 90 Aargauer Gemeinden scheints ja doch nicht so schlimm zu sein;)!
    0 0 Melden
  • Schneider Alex 17.11.2014 17:28
    Highlight Highlight Mehr Zuwanderer = mehr verdichtetes Wohnen = weniger Chancen für Wohnen im Grünen auf dem Land wegen Kulturlandschutz. Kein Dichtestress? Warum ziehen denn so viele Familien noch so gerne weg aus den Agglomerationskernen ins Grüne, an den Agglomerationsrand?
    1 0 Melden
  • Schneider Alex 17.11.2014 17:27
    Highlight Highlight ECOPOP JA: Nicht alle Menschen leben gerne verdichtet!
    Es gibt verschieden Gründe für die "Dichtefreundlichkeit" der Städter:
    1. Wohnen in den Städten viele Junge. Denen gefällt es, wenn etwas läuft, nahe ist zum Ausbildungsplatz oder zum Freizeitvergnügen.
    2. Neu Eingebürgerte und eher Arme gibt es viele in den Städten. Auch sie fühlen sich in der Anonymität der Städte wohler.
    3. Viele Leute, die lieber im Grünen wohnen oder die sich keine teure und grosse Stadtwohnung leisten können, sind schon längst aus den Städten ausgezogen.



    1 0 Melden

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