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Müde Ärzte gefährden Patienten.
Müde Ärzte gefährden Patienten.
Bild: KEYSTONE
ARZTSEIN OHNE GRENZEN 

«Es ist sicher schon jemand gestorben, weil der Arzt müde war»

Gemäss einer neuen Studie leiden Ärzte an chronischer Überbelastung. Oft arbeiten sie illegalerweise mehr als 50 Stunden pro Woche. Und gefährden die Gesundheit der Patienten.
14.04.2014, 15:2123.06.2014, 10:01
Nico van der Heiden, Leiter Politik und Kommunikation beim VSAO.
Nico van der Heiden, Leiter Politik und Kommunikation beim VSAO.
Bild: VSAO

In einer heute publizierten Studie diagnostizieren Sie den Ärzten ständige Überarbeitung und Müdigkeit. An sich ist das keine neue Erkenntnis. Wollen Ärzte so viel arbeiten?
Nico van der Heiden: Nein, sie müssen, weil sie nur einen 50-Stunden-Vertrag vorgesetzt bekommen. Wenn dann jemand ausfällt, kommt noch das Wochenende dazu. Aber die Ärzte sagen nicht, sie fänden arbeiten dermassen toll. Sie wollen 42 Stunden arbeiten, wie alle anderen auch.

Sind 36-Stunden-Schichten an der Tagesordnung?
Legal ist es nicht, aber es gibt sie. Vor allem in Kombination mit den Pikettdiensten. Wenn jemand Pech hat, schläft er nur drei Stunden, wird aus dem Schlaf gerissen und muss danach wieder Patienten betreuen. Dass das nicht gut kommt, liegt auf der Hand. 

«Die Ärzte sagen nicht, sie fänden arbeiten dermassen toll.»

Offenbar gibt es mehr Arbeit als Arbeitskräfte. 
Es braucht nicht unbedingt mehr Ärzte. Um die Situation zu entschärfen, müssen sie vor allem von administrativen Aufgaben erleichtert werden. Damit könnte man die chronische Überzeit reduzieren. 

Haben diese administrativen Aufgaben zugenommen, seit es die Fallpauschalen gibt?
Ja, das war eine klare Rückmeldung unserer Umfrage. Die Ärzte haben neu mehr Arbeit, aber gleich viele Patienten. Weil diese nicht darunter leiden sollen, arbeiten die Ärzte halt mehr.

Wie stehen Ärzte diese Arbeitsbelastung durch? 
Es ist nicht einfach. Für mich der schlimmste Befund der Studie ist, dass ein Drittel aller Ärzte ab und zu sagt: «Ich kann nicht mehr.» Jene, die für die Gesundheit anderer zuständig sind, leiden selber unter dem Gesundheitssystem. Trotzdem arbeiten sie weiter, weil es so von ihnen verlangt wird und sie die Patienten nicht einfach liegen lassen können.

Gibt es Anzeichen von Medikamentenmissbrauch? Arbeiten Ärzte unter dem Einfluss von Ritalin und Kokain?
Danach wurde in der Umfrage nicht gefragt, dazu haben wir keine Zahlen.

Ist schon einmal ein Arzt wegen Müdigkeit während der Ultraschalluntersuchung eingeschlafen und ins Gel gefallen?
Es ist immer schwierig zu sagen, was die genaue Ursache eines Fehlers war. Aber es ist sicher schon jemand gestorben, weil der Arzt übermüdet war. Auch Medikamente werden manchmal falsch dosiert.

«Medikamente werden manchmal falsch dosiert.»

Werden die Fehler der Ärzte nicht statistisch erhoben? 
Es gibt keine systematische Erfassung aller Fehler. Es gibt allerdings schon Beispiele für die Einführung anonymer Meldesysteme.

Verband Schweizer Assistenz- und Oberärzte
Der Verband VSAO setzt sich für die beruflichen und wirtschaftlichen Interessen der Ärzte ein. Insbesondere die nach Angaben des VSAO zunehmend prekären Arbeitsbedingungen der im Spital tätigen Ärztinnen und Ärzte stehen im Fokus des VSAO.
Laut einer im ersten Quartal 2014 durchgeführten Umfrage arbeitet gut die Hälfte der Schweizer Assistenz- und Oberärzte mehr als das gemäss Arbeitsgesetz erlaubte Maximum von 50 Stunden pro Woche. Die Arbeitszeit bei einem Vollpensum betrage im Durchschnitt 56,5 Stunden. Jeder vierte Mediziner arbeitet demnach sogar mehr als 60 Stunden pro Woche. Laut den Angaben der Befragten werden bei knapp 70 Prozent eine oder mehrere Bestimmungen des Arbeitsgesetzes verletzt. Aus Sicht des VSAO gefährdet diese «enorme» Arbeitsbelastung die Gesundheit der Ärztinnen und Ärzte und auch jene der Patienten: Knapp 40 Prozent der Befragten erlebten Situationen, in denen Patienten als Folge der Übermüdung eines Arztes gefährdet wurden. (jas/sda)(jas)

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