Das Ende der Glitzerstadt – wie Dubais Image gerade ramponiert wird
Seit ihrer Unabhängigkeit vor 55 Jahren befanden sich die Vereinigten Arabischen Emirate auf der Überholspur. Der Motor war Dubai, dessen Regenten fast alles, was sie anpackten, «zu Gold» machten. «Unser Emirat muss immer die Nummer Eins sein», lautet das Motto von Scheich Mohammed bin Raschid al Maktoum, dem Herrscher von Dubai.
Noch vor einer guten Woche war «Scheich Mo» noch einmal demonstrativ durch die luxuriöse Dubai Mall geschlendert, um den Einkäufern zu versichern, dass sie nichts zu befürchten hätten. Das lokale Fernsehen zeigte den Herrscher im Gespräch mit einer Gruppe von Asiaten, die er lächelnd fragte, ob sie in Dubai, dem selbst ernannten «Übermorgenland», happy seien. Die Antwort war natürlich ein strahlend langes «Jaaa».
Tatsächlich schlugen zum Zeitpunkt der Werbetour Dutzende iranischen Drohnen und Raketen in dem Emirat ein: Über 2200 Drohnen und fast 400 Raketen waren es in den ersten beiden Kriegswochen. Nach den amerikanischen Angriffen auf Charg-Island am Samstag drohte der iranische Aussenminister Abbas Araghschi den Emiraten mit weiteren, noch vehementeren Attacken. Schliesslich hätten die USA den Erdölverladehafen vom Territorium der arabischen Nachbarn angegriffen.
Der Dauerbeschuss, von dem am Montag und Dienstag erneut der internationale Flughafen betroffen war, ist für Dubai eine Katastrophe. Das Geschäftsmodell des Emirate basierte auf einer einfachen Idee: Obwohl es in einer höchst volatilen Region liegt, war es die letzten 55 Jahre ein «Hort der Stabilität», unberührt von Kriegen und Konflikten.
Nun hat der Krieg mit dem Iran die Vorstellung zunichtegemacht, dass glitzernde Wolkenkratzer, geballte finanzielle Macht sowie die Vorliebe für hemmungslosen Luxus als undurchdringlicher Schutzwall gegen die vielen Unruhen im Nahen – und Mittleren Osten dienen können.
Wer Raketen filmt, landet vor Gericht
Ein Grossteil des Erfolges von Dubai beruhte «auf der Überzeugung, dass man nicht im Nahen Osten ist», erklärt der amerikanische Terrorismusexperte Bernard Hudson. Nun sei das Emirat daran erinnert worden, dass es in «einem unbeständigen Teil der Welt lebt, den sie nicht beeinflussen kann».
«Dubai is finished» titelte die britische «Daily Mail» am letzten Samstag vielleicht etwas zu reisserisch auf ihrer Frontseite. Das Londoner Boulevardblatt zitierte «traumatisierte» britische Expats, die vor ihrer Abreise verkündeten, «nie wieder nach Dubai zurückzukehren». Auf unabsehbarer Zeit könne man keine Geschäfte mehr machen. Eine Gruppe von Briten, die Bilder anfliegender Raketen ins Netz gestellt hatten, seien «wie Verbrecher» behandelt worden, klagte die Mail. Sie müssten nun für zwei Jahre ins Gefängnis und 40'000 Pfund Strafe bezahlen.
Dass Dubai «am Ende» ist, dürfte übertrieben sein. Es steht jedoch ausser Frage, dass eine grosse Auswanderungswelle begonnen hat. Nach Informationen des Wallstreet Journal erhalten Vermögensverwalter und Anwälte Anrufe von Klienten, die ihr Geld in sichere Regionen, vor allem nach Singapur, transferieren wollen. Auch die Schweiz könnte mittelfristig von aus Dubai abgezogenen Investitionen profitieren. «Niemand wird sein Vermögen mehr in der Illusion anlegen, dass es keine geopolitischen Spannungen gibt», formuliert es Ryan Li, Direktor der singapurischen Anwaltskanzlei Bayfront Law, diplomatisch.
Hotels könnten schliessen müssen
9800 Millionäre hatte Dubai allein im letzten Jahr angezogen. Insgesamt sind es über 86'000 Superreiche, die Dubai – nach London, Paris und Mailand – zur Metropole mit der vierthöchsten Millionärsdichte der Welt gemacht haben. Genaue Zahlen über den Exodus gibt es bisher nicht. Die Nachfrage nach Privatjets zur «Flucht aus Dubai» ist jedoch extrem, die Wartelisten offenbar lang.
Viele der mehr als 170 Fünf-Sterne-Hotels in dem Emirat haben Angestellte entlassen und denken, sollte der Krieg nicht bald enden, an eine Schliessung. Laut dem Fachmagazin Tourismus Economics könnte der Krieg mit Iran zu einem Rückgang der Besucherzahlen um bis zu 27 Prozent führen, was einem Verlust von bis zu 56 Milliarden US-Dollar an Besuchereinnahmen entspricht.
Dramatisch ist auch die Lage auf dem Immobilienmarkt. Die iranischen Angriffe haben Dubai auf den Höhepunkt eines mehrjährigen Immobilienbooms getroffen. Allein im ersten Quartal 2025 waren die Preise für Wohnimmobilien laut einem Fitch Rating um 60 Prozent gestiegen. Nun sei der Markt einer «drastischen Korrektur» ausgesetzt. Erst Schätzungen sprechen von einem Wertverlust um 50 Prozent. «Dank Iran», formulierte Nabil Milalo, Portfoliomanager bei Edmont de Rothschild Asset Management sarkastisch, sei die «geopolitische Risikoprämie jetzt hoch und das wird auch so bleiben».
Aber nicht nur gegen Iran richtet sich der Zorn der vier Millionen Einwohner von Dubai, von denen 90 Prozent Expats sind. In einem an Donald Trump persönlich gerichteten Social Media Beitrag fragte Khalah al Habtoor, einer der führenden Bauträger in Dubai, «auf welcher Grundlage Sie eine so gefährliche Entscheidung getroffen haben»:
(aargauerzeitung.ch/con)
