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Seriöse Studios benutzen Einweg-Utensilien zum Stechen von Tattoos.
Seriöse Studios benutzen Einweg-Utensilien zum Stechen von Tattoos.
bild: unsplash.com

«Tattoos werden als Ansteckungsquelle für Hepatitis krass unterschätzt»

Eine Lizenz für Tätowierer sei dringend nötig, sagt Bettina Maeschli von Hepatitis Schweiz. Denn schon eine unsaubere Nadel reiche, um das Virus zu übertragen.
10.08.2018, 08:4310.08.2018, 12:48

Auf ein seriöses Tattoo-Studio kommen in der Schweiz etwa drei unseriöse. So lautet die Schätzung von Luc Grossenbacher, Präsident des Verbands Schweizerischer Berufstätowierer. Im Gespräch mit watson forderte er, dass der Bund mit den Wild-West-Zuständen in der Branche aufräumt. Denn: Heute kann in der Schweiz jeder, der Tattoo-Farben und eine Nadel besitzt, legal Kunden tätowieren.

Der Forderung schliesst sich nicht nur der oberste Kantonschemiker an. Im Interview mit watson plädiert auch Bettina Maeschli, die Geschäftsführerin von Heptatitis Schweiz, eindringlich für Zulassungsprüfungen und strengere Kontrollen.

Frau Maeschli, warum interessieren Sie sich dafür, ob Tätowierer in der Schweiz eine Lizenz benötigen oder nicht?
Bettina Maeschli: Wir von Hepatitis Schweiz verfolgen das Thema schon eine Weile – und sind immer wieder erstaunt. Darüber, wie unreguliert die Branche ist. Und darüber, wie spärlich der Bund die Bevölkerung informiert. Wenn man bedenkt, wie schnell Hepatitis übertragen wird, wären Zulassungsprüfungen für Tätowierer das Mindeste!

«Vielen Leuten ist gar nicht bewusst, worauf sie sich einlassen, wenn sie sich in einem zwielichtigen Studio ein Motiv unter die Haut stechen lassen.»

Was versprechen Sie sich davon?
Es könnte sichergestellt werden, dass die Tätowierer, die in Schweizer Studios am Werk sind, die grundlegenden Hygiene-Empfehlungen kennen. Gleichzeitig fände eine Sensibilisierung der Bevölkerung statt. Wir stellen fest, dass Tattoos als Ansteckungsquelle für Hepatitis krass unterschätzt werden. Vielen Leuten ist gar nicht bewusst, worauf sie sich einlassen, wenn sie sich in einem zwielichtigen Studio ein Motiv unter die Haut stechen lassen.

Bettina Maeschli ist Geschäftsführerin des Vereins Hepatitis Schweiz.
Bettina Maeschli ist Geschäftsführerin des Vereins Hepatitis Schweiz.
bild: zvg
«Auch HIV kann auf diesem Weg übertragen werden. Allerdings ist das Hepatitis-Virus im Vergleich sehr viel ansteckender, weil es an der Luft länger überlebt.»

Unter welchen Bedingungen droht beim Stechen eine Ansteckung?
Es reicht, wenn in einem Studio ein Hepatitis-Betroffener tätowiert wurde – und danach dieselbe Nadel noch für eine weitere Person verwendet wird. Auch HIV kann auf diesem Weg übertragen werden. Allerdings ist das Hepatitis-Virus im Vergleich sehr viel ansteckender, weil es an der Luft länger überlebt. Klar ist: Seriöse Studios arbeiten heute ausschliesslich mit Einweg-Utensilien, alles andere ist hochriskant.

Gibt es Schätzungen, wie viele Personen sich beim Tätowierer infizieren?
Nein, das lässt sich leider nicht beziffern. In der Schweiz leben schätzungsweise 80’000 Personen, die mit Hepatitis B oder C infiziert sind. Häufig bleibt die Krankheit allerdings lange unerkannt, weil sie im Anfangsstadium häufig ohne Symptome verläuft. Wird das Virus dann entdeckt, haben viele Betroffene keine Ahnung, wo sie sich angesteckt haben. Dann bleiben nur Mutmassungen.

«Grundsätzlich empfehlen wir Personen mit einem Jahrgang zwischen 1950 und 1985, sich mindestens einmal im Leben testen zu lassen.»

Gibt es noch andere Ansteckungsquellen, die unterschätzt werden?
Theoretisch kann das Virus auch übertragen werden, wenn eine Maniküre oder Pediküre unter mangelhaften hygienischen Bedingungen durchgeführt wird und es dabei zu Hautverletzungen kommt. Dies ist vor allem in Ländern riskant, in denen das Virus noch stärker verbreitet ist. Zu nennen ist natürlich auch das Stechen von Piercings. Dass Hepatitis beim Drogenkonsum und Hepatitis B auch durch ungeschützten Geschlechtsverkehr übertragen werden kann, dürfte den meisten Leuten bekannt sein. Auch wer vor den 90er-Jahren Blut im Spital erhalten hat, ist gefährdet.

Wer sollte sich auf Hepatitis testen lassen?
Wir haben auf unserer Website einen Risikotest aufgeschaltet, der darüber Aufschluss gibt. Grundsätzlich empfehlen wir Personen mit einem Jahrgang zwischen 1950 und 1985, sich mindestens einmal im Leben testen zu lassen. Denn diese Jahrgänge sind überdurchschnittlich häufig von Hepatitis C betroffen. Gegen Hepatitis B schützt eine Impfung.

Hepatitis C tötet fünfmal mehr Menschen als HIV
Hepatitis verursacht eine Entzündung der Leber. Hepatitis B ist eine der häufigsten und schwersten Infektionskrankheiten, die durch Viren verursacht werden. Die WHO schätzt, dass weltweit 260 Millionen Menschen mit dem Hepatitis-B-Virus infiziert sind, mehr als 780'000 Menschen sterben jedes Jahr an den Folgen. In der Schweiz, wo 40’000 Betroffene vermutet werden, gilt seit 1997 die Empfehlung, alle Kinder gegen Hepatitis B zu impfen.

Auch die Zahl der Hepatitis-C-Betroffenen in der Schweiz wird auf rund 40’000 geschätzt. Hierzulande sterben etwa fünfmal mehr Menschen an den Folgen einer Hepatitis C als an HIV. Oft bemerken Betroffene nichts von der Erkrankung, bis sich nach mehreren Jahren oder Jahrzehnten eine Leberzirrhose entwickelt. Die WHO spricht deshalb von einer «stillen Epidemie». Eine Impfung gegen Hepatitis C existiert nicht, die Krankheit kann jedoch mit Medikamenten geheilt werden.

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