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Tötungsversuch in Uster ZH: «Die Frau war in Panik und hat geschrien»

Ihr Mann wollte sie töten, darum flüchtete die Frau ins erstbeste Haus – eine Moschee in Werrikon. Die Angehörigen der Ustermer Glaubensgemeinde retteten ihr wohl das Leben. Sie fordern eine konsequente Bestrafung des Täters.

Raphael Brunner / Zürcher Oberländer



«Camimiz çok şükür bir hayat kurtardı – Unsere Moschee konnte Gott sei Dank ein Leben retten.» Dieser Satz steht seit gestern Morgen auf der Facebook-Seite der Moschee Diyanet in Werrikon.

Bei einem Tötungsversuch in Nänikon (Gemeinde Uster) ist am Dienstagabend (1.3.2016) eine Frau schwer verletzt worden. Der mutmassliche Täter konnte im Verlaufe der Fahndung festgenommen werden.



 Bei einer Auseinandersetzung versuchte kurz vor 19.00 Uhr ein 40-jähriger Iraker an der Zürichstrasse seine 38-jährige Frau mit dem Auto zu überfahren. Diese konnte sich in die nahe gelegene Moschee flüchten. Dort wurde sie von ihrem Mann eingeholt und mit einem Messer schwer, jedoch nicht lebensgefährlich verletzt. Während der mutmassliche Täter flüchtete, wurde das Opfer von Angehörigen der Kulturgemeinschaft bis zum Eintreffen der Rettungssanität betreut. Im Verlaufe der grossangelegten Fahndung konnte der Iraker gegen 20.30 Uhr in Zürich verhaftet werden.



 Der genaue Tathergang sowie das Motiv bilden Gegenstand der laufenden Ermittlungen durch die Kantonspolizei Zürich und die Staatsanwaltschaft IV für Gewaltdelikte. Zudem standen die Stadtpolizei Uster sowie Spezialisten des Forensischen Instituts Zürich (FOR) im Einsatz.

Die Kantonspolizei vor der Moschee in Werrikon.
Bild:

Geschrieben hat ihn Nedim Coskun, der Sekretär der Ustermer Religionsgemeinde. «Wir sind glücklich und stolz, dass wir einem Menschen in Not helfen konnten», sagt er. «Das Gotteshaus war am richtigen Ort.»

Die Tat geschah am Dienstagabend: Aus unbekanntem Motiv versuchte ein 40-jähriger Mann an der Zürichstrasse in Werrikon seine 38-jährige Frau mit dem Auto zu überfahren. Sie flüchtete in die nahe gelegene Moschee, wurde aber von ihrem Ehemann eingeholt und mit einem Messer am Oberkörper schwer verletzt, wie die Kantonspolizei schreibt.

Daraufhin ergriff der Mann die Flucht. Angehörige der Diyanet-Moschee fanden die blutende Frau, leisteten Erste Hilfe und verständigten Ambulanz und Polizei.

Handtuch gegen Blutung

Fünf bis zehn Leute seien im Gotteshaus gewesen, erzählt Coskun. Diese hätten die Frau im Treppenhaus aufgefunden und den Imam verständigt, der selber auch im Haus wohnt. «Weil er nicht so gut Deutsch spricht, hat er zuerst mich angerufen und gesagt, ich solle einen Krankenwagen und die Polizei alarmieren.»

Der Frau habe der Imam ein Handtuch an den Hals gedrückt, um die Blutung zu stoppen. «Die Frau war in Panik und hat geschrien: ‹Wo bin ich? Wo bin ich?›. Als sie hörte, dass sie sich in einer Moschee befinde, hat sie sich ein wenig beruhigt – so hat es mir unser Imam erzählt.»

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Der Innenraum der Moschee Diyanet.
bild: facebook

Hilfe beim Nachtgebet

Gemäss Angaben der Polizei handelt es sich bei der Frau und ihrem Mann, dem mutmasslichen Täter, um Schweizer, die aus dem Irak stammen. Sie wohnen in der Region und haben zwei Kinder.

Wie Coskun sagt, kenne niemand aus seiner Ustermer Religionsgemeinde das Paar. In der Moschee würden vor allem Leute mit türkischem Hintergrund verkehren. «Es ist purer Zufall, dass die Frau gerade bei uns Zuflucht gesucht hat.»

«Positive Schlagzeilen»

Vom Tathergang selbst habe niemand aus der Moschee etwas mitbekommen, sagt Coskun, der in Uster bei einer Versicherung arbeitet. Er könne sich nur vorstellen, dass die Frau nach einem Streit aus dem Auto herausgerannt und ins nächstbeste Haus geflohen sei. «Zum Glück war ­jemand da. Wäre die Tat eine Stunde später passiert, nach dem Nachtgebet, hätte sie an verschlossene Türen geklopft.»

Nedim Coskun sagt, er sei glücklich, dass eine Moschee auch einmal positiv in den Schlagzeilen stehe. Nach den Anschlägen in Paris habe seine Gemeinde einen Drohbrief erhalten. Den Tötungsversuch des Ehemannes verurteile er als Mensch und Muslim aufs Schärfste. Inzwischen ist der mutmassliche Täter gefasst. «Wir fordern seine konsequente Bestrafung.»

Tatort Werrikon: Ein Unort zwischen Bahngeleisen und Sümpfen

Der Dorfeingang von Werrikon, dort, wo der Tötungsversuch am Dienstagabend geschah, würde sich auch als Kulisse für einen «Tatort» eignen. Die Aussenwacht liegt abgeschieden, ein grosses Naturschutzgebiet trennt sie von der Stadt Uster.

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Wäre die Frau ein wenig später gekommen, hätte sie in dem Gotteshaus niemanden mehr angetroffen.
bild: facebook

Wären gestern Vormittag nicht zahlreiche Medienvertreter vor Ort, die emsig auf der Jagd nach Stimmen potenzieller Augenzeugen sind, hätte die Gegend das Prädikat «ausgestorben» verdient. Viele Häuser sind teils vergilbt, teils mit Graffiti bemalt.

Vor einem von Russspuren befleckten Gebäude mit bräunlicher Fassade preist ein Gesundheits- und und Diätcoach seine Dienste an – anzutreffen ist er jedoch nicht. Dies gilt auch für die Vertreter einer Firma, die sich gemäss Türschild auf Einbruchschutz spezialisiert hat.

Auch im Haus nichts gehört

Auch sonst sind fast sämtliche Gewerbebetriebe vor Ort geschlossen. Eine Ausnahme ist die Autogarage De Pasquale im selben Haus wie die Moschee. «Ich war am Dienstagabend aber schon zu Hause und habe von der Tat nichts mitbekommen», sagt Francesco De Pasquale.

«Zum Glück haben andere helfen können.» Vlado Peter, Angestellter der Hufschmiede im hinteren Hausteil, wohnt zwar im Gebäude, hat aber von der Tat ebenfalls nichts mitbekommen, «erst als die Polizei bei mir läutete und mich befragt hat».

Noch nie dagewesen

Ähnlich ging es den Bewohnern der Wohnsiedlung auf der anderen Seite der Zürichstrasse. Einige haben am Dienstagabend vom grossen Polizeiaufgebot Notiz genommen. «Ich sah mindestens fünf Polizeifahrzeuge mit Blaulicht und einen Krankenwagen. Später kamen noch Beamte in zivil dazu», sagt ein Anwohner, der anonym bleiben will.

Auch das Opfer hat der Mann gesehen. «Die Frau wurde von zwei Sanitätern gestützt und zum Krankenwagen geführt», sagt er. Etwas Vergleichbares habe er, der seit mehreren Jahren in Werrikon wohnt, in dieser Gegend noch nie gesehen. «Man hört und liest immer wieder von solchen Verbrechen. Und plötzlich passiert es vor der eigenen Haustür.» 

(aargauerzeitung.ch)

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