Schweiz
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Logo der Kindes- und Erwachsenenschutzbehoerde (KESB) in Winterthur am Samstag, 3. Januar 2015. Eine 27-jaehrige Frau steht unter dem dringenden Verdacht, am Neujahrsabend in Flaach ihre zwei Kinder getoetet zu haben. Nach Medienberichten hatte die Kinderschutzbehoerde (KSEB) in Winterthur den Eltern die Obhut entzogen. Die Kinder waren bis zum 19. Dezember in einem Heim und konnten nur ueber die Feiertage nach Hause. Seit 1. Januar 2013 gibt es in der Schweiz keine Vormundschaftsbehoerden mehr. Deren Aufgaben wurden von den regionalen Kindes- und Erwachsenenschutzbehoerden (KESB) übernommen. (KEYSTONE/Walter Bieri )

Nach der Doppel-Kindstötung in Flaach ZH hagelt es Kritik für die KESB Winterthur-Andelfingen Bild: KEYSTONE

Familiendrama von Flaach ZH

5 Fakten, die jeder kennen muss, der in der KESB-Debatte mitreden will

Nach dem Familiendrama von Flaach ZH gerät die zuständige Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde in die Bredouille. Es ist nicht das erste Mal, dass eine KESB in der Kritik steht. Wo liegen die Probleme und wie funktionieren die Behörden überhaupt? Die wichtigsten Fragen und Antworten.



1. Was und wer sind die KESB?

Die KESB sind das zentrale Organ im Kindes- und Erwachsenenschutz. Sie sind je nach Kanton eine gerichtliche oder eine Verwaltungsbehörde, die auf kantonaler oder (inter-)kommunaler Ebene organisiert ist. Die jeweiligen Behörden sind interdisziplinär zusammengesetzt: aus mindestens dreien nach fachlichen Kriterien gewählten Mitgliedern – Juristen, Psychologen, Sozialarbeiter, Treuhänder.

Die KESB sind eine noch junge Institution: Nachdem der Bund über eine Gesetzesänderung eine Professionalisierung der bis dahin hauptsächlich von Laien geführten Vormundschaftsbehörden anordnete, nahmen die kantonalen und regionalen KESB die Arbeit am 1. Januar 2013 auf. Sie übernahmen praktisch von einem Tag auf den anderen die Dossiers aller Fälle von den Vormundschaftsbehörden.

2. Was sind ihre Aufgaben?

Bei Erwachsenen reichen die Dossiers der KESB von Vorsorgeaufträgen, Vertretung bei Urteilsunfähigkeit, über fürsorgerischer Freiheitsentzug bis Aufenthalt in Wohn- und Pflegeeinrichtungen, bei Kindern von der Unterbringung in Pflegefamilien und Kinderheimen über erzieherische Massnahmen bis zur Verwaltung von Kindesvermögen. 

Wichtige Aufgaben der KESB sind generell die Wahl der Beistände (bzw. «Mandatsträger») und die Bestimmung derer Aufgaben. Dabei müssen die Behörden allerdings auf Wünsche von Betroffenen und Angehörigen eingehen.

3. Wann wird eine KESB eingesetzt?

Im Artikel 307 des ZGB – der das bisherige Vormundschaftsgesetz ersetzte – heisst es zum Kindesschutz: «Ist das Wohl des Kindes gefährdet und sorgen die Eltern nicht von sich aus für Abhilfe oder sind sie dazu nicht imstande, trifft die Kindesschutzbehörde die geeigneten Massnahmen zum Schutz des Kindes». 

Grundsätzlich wird eine KESB dann aktiv, wenn eine Gefährdungsmeldung bei der Behörde eingeht. Diese können von jedem gemacht werden: Lehrern, Nachbarn, Verwandten, Bekannten. Auch im Fall Flaach sind bei der zuständigen KESB mehrere solcher Meldungen eingegangen. 

4. Wo liegen die Probleme?

Seit ihrer Einführung werden die KESB harsch kritisiert: Die Behörde sei ein empathieloser Bürokratieapparat, die es oft verunmögliche, kurzfristige, pragmatische Lösungen zu finden, weit von der Lebensrealität entfernt sei und die Gemeinden massiv mehr koste, als die Vormundschaftsbehörden es getan hätten. Es fehlt den KESB deshalb vor allem vonseiten der Gemeinden an Akzeptanz.

Einen schweizweiten Überblick über die Kosten der neuen Behörden gibt es nicht. Gemäss einer Zwischenbilanz der Kantonalzürcher Direktion der Justiz und des Innern führte der Systemwechsel allerdings nicht zu einem auffälligen Anstieg der Fallzahlen und Kosten. Sicher ist aber, dass die Behördenorganisation teurer als erwartet ist: Der Mehraufwand fiel höher aus als geschätzt.

Unterschätzt wurde wohl auch der Personalaufwand: Allein für den Dossierübertrag von den Vormundschaftsbehörden auf die KESB wäre vor zwei Jahren mehr Personal nötig gewesen, als die jungen Behörden zur Verfügung gehabt hatten. Und auch seither mangelt es laut KESB an Stellenprozenten. Die von der KOKES (Konferenz der Kantone für Kinder- und Erwachsenenschutz) empfohlenen 1'300 bis 1'600 Stellenprozente pro 1'000 Massnahmen wird bei vielen KESB unterschritten.

5. Was sind die Vorteile der KESB?

Unbestritten ist die bessere fachliche Qualifikation der neuen Behörde. Jeder Entscheid, etwa über einen Beistand oder einen Obhutsentzug, muss von mindestens drei Behördenmitgliedern aus verschiedenen Bereichen abgesegnet werden. Damit sind die Entscheide juristisch grundsätzlich stichhaltig.

Die Entfernung von der Lebensrealität, wie Kritiker sie monieren, halten Befürworter für einen Vorteil: Die Fachbehörde könne mit etwas Distanz bessere Entscheide fällen. (dwi)

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13Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • papipapo 27.04.2017 13:21
    Highlight Highlight Dass jeder Entscheid von einem Gremium aus verschiedenen Bereichen von mindestens drei Behördenmitglieder bestimmt werden muss, war lediglich im Gespräch, bevor die KESB's geschaffen wurden. Es war nur eine sehr gute Idee, die sich leider nicht durchgesetzt hat aber noch heute in jedem Pro-Artikel als Argument verwendet wird. Belegt diese Aussage bitte. Dankeschön.
  • klugundweise 06.01.2015 12:40
    Highlight Highlight 6. Die vormaligen Vormundschaftsbehörden wurden z.T. auch heftig kritisiert.
    7. Das den KESB zu Grunde liegende Gesetz wurde vom damaligen BR Blocher imitiert und durchgesetzt.
    8. Dauernde Forderungen von weiteren Sparmaßnahmen, undifferenzierte Kritik von Sozialschmarotzern, Verspottung der "Gutmenschen" sind die Rahmenbedingungen für die KESB.
  • Hugo Wottaupott 06.01.2015 05:40
    Highlight Highlight Warum der Frau nicht vorübergehend eine Betreuperson für sie und ihre Kinder 2 x wöchentlich bereitstellen? NEIN sie wird geächtet weil ihr Alder im Knast ist und man denkt man könne alles mit ihr machen...
  • Bruno Wüthrich 05.01.2015 20:18
    Highlight Highlight Die Ausführungen entlasten die KESB nur teilweise. Darüber, ob die «Entfernung von der Lebensrealität» gut oder schlecht ist, scheiden sich die Geister. Im vorliegenden Fall war sie schlecht! Das beweist das Resultat eindrücklich. Die zuständige KESB kann sich dem Vorwurf der Mitschuld am Tod dieser Kinder nicht entziehen. Doch Mitschuld ist eine Teilschuld. Ob die Mutter überhaupt schuldfähig ist, und wer denn sonst noch eine Mitschuld trägt (z.B. die Politik, welche sich gegen den Pikettdienst entschied), werden wohl weitere Abklärungen ergeben müssen.
    • Joshzi 05.01.2015 21:10
      Highlight Highlight Aber den Mord an den Kindern in direkter Linie am KESB abzuhandeln ist einfach nicht zulässig. Mir ist diese Allmacht der Behörden auch ein Dorn im Auge, einzelne Akteure müssen einfach zu mehr Verantwortlichkeit gezwungen werden. Wer sich hinter abstrakter Bürokratie verstecken kann, der steht seinem Feierabend/Wochenende vielleicht näher als seiner Verantwortung.
      Trotzdem ist dieser Mord der Person anzulasten, welche tötet. Ich weiss auch nicht ob jemand schuldfähig sein kann, der seine Kinder tötet. Ich hoffe für die Mutter, dass sie es nicht war.
    • Bruno Wüthrich 06.01.2015 00:35
      Highlight Highlight Da haben Sie recht. Ich will jedoch nicht auf der Mutter herum trampeln. Ist denn die dauernde Kritik and der KESB unberechtigt? Kalte Bürokratie, Fallbeurteilung vom Schreibtisch aus, realitätsfremde Entscheide statt Menschlichkeit. Wenn das Resultat ausfällt wie in diesem Fall, hat die Behörde (bzw. deren Mittel) versagt. Der Verzweiflung der Mutter wurde offenbar «übersehen». Hüst- und Hot-Entscheidungen kurz vor den Festtagen, fehlende Informationen für die Anwältin, keine Antwort an die Grosseltern und mangelhafte Erreichbarkeit trotz der Brisanz des Falles sprechen eine klare Sprache.
    • Hugo Wottaupott 06.01.2015 05:35
      Highlight Highlight >>Trotzdem ist dieser Mord der Person anzulasten, welche AUS EINEM GRUND (KESB) tötet.<<
      besser so?
  • wag0 05.01.2015 20:06
    Highlight Highlight Der Fall passt perfekt in unsere CH Gesellschaft - man sucht den Fehler überall nur nich bei sich selber. Die gleichen Leute die hier die Täterin zum Opfer machen (Blick und 20min Kommentare: Arme Mutter etc...) jammern massiv warum man Betrüger und Mietnomaden mit Samthandschuhen anfässt. Schlussendlich hat sich die Famile selber ins Abseits gestellt - ohne wenn und aber.
  • Monti_Gh 05.01.2015 20:00
    Highlight Highlight Eine Kindstötung ist ein schreckliches Verbrechen. Nichts gerechtfertigt diesen Kindesmord.
    Was ich besonders schlimm finde ist, dass sich Politiker im Wahljahr 2015 durch dieses Verbrechen profilieren wollen!
  • teab 05.01.2015 19:33
    Highlight Highlight Ich danke Ihnen, dass Sie die Öffentlichkeit mit der Aufgabe des KESB informieren - denn teilweise sind ganz andere Vorstellungen in der Öffentlichkeit.
  • Joshzi 05.01.2015 18:55
    Highlight Highlight Eine Mutter tötet ihre beiden unschuldigen Kinder, weil sie ein Problem mit den Behörden hat. Was für eine abscheuliche und unverständliche Tat. Sie darf weiterleben während ihre Kinder tot sind, wie kann man so grausam handeln. Alleine schon diese Tat zeigt, dass diese Familie zurecht unter Beobachtung stand.
  • felixJongleur 05.01.2015 17:57
    Highlight Highlight watson, Kompliment für diese nüchterne Information zu den facts. wohltuend in einer Zeit des shitstorms.
    • Brainwash 05.01.2015 19:55
      Highlight Highlight Ja auch von mir ein grosses Danke für die neutrale Berichterstattung . -> AdBlock für watson -off-

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