Beinahe-Crashs und neue Gefahr aus Russland: Was ist im Schweizer Himmel los?
Der Luftraum über der Schweiz gilt als einer der meistgenutzten Europas. Die Passagierzahlen der Fliegerei steigen Jahr für Jahr an, und auch die Zahl der Drohnen und Freizeitpiloten nimmt zu. Das zeigt sich in der Statistik des Bundesamts für Zivilluftfahrt (Bazl) zu den Vorfällen in der Aviatik. Praktisch in allen Kategorien verzeichnete das Amt im Jahr 2025 mehr Meldungen als im Vorjahr.
In der kommerziellen Luftfahrt und in der Freizeitfliegerei wurden gemäss einer Mitteilung vom Montag mit 14'972 rund 7 Prozent mehr Vorfälle gemeldet. Das Bazl registrierte mehr Kratzer an Flugzeugen und am Boden falschrollende Piloten, mehr falsch beladene Flugzeuge, mehr Beinahe-Zusammenstösse in der Luft, mehr Luftfraumverletzungen, mehr Konflikte zwischen Flugzeugen, Helikoptern und Drohnen, mehr GPS-Störungen, aber auch mehr fluchende und gewalttätige Passagierinnen und Passagiere.
Bei diesen sogenannten «unruly passengers» war vergangenes Jahr sogar eine Zunahme um 17 Prozent zu beobachten, wie CH Media berichtete. Über 2000 Passagiere pöbelten oder randalierten auf Flügen von Schweizer Airlines.
Mehr Vorfälle, weil mehr gemeldet wird
Einen Rückgang gab es nur bei den Laserattacken und Vorfällen bei der Arbeit mit Helikoptern. Immerhin: Im Jahr 2025 gab es kein einziges Todesopfer in der kommerziellen Luftfahrt, also beispielsweise unter dem Bodenpersonal von Flughäfen wie Zürich und Genf oder bei Airlines wie der Swiss. In der Freizeitfliegerei kam es zu vier Unfällen mit sechs Todesopfern. Ein Todesopfer ist auch infolge eines Helikopterunfalls zu beklagen.
Laut Bazl nehmen die Vorfallmeldungen bereits seit 2019 zu. Das klingt unerfreulich, ist es aber nicht: Als eine der Hauptursachen hat die Behörde eine bessere Meldekultur identifiziert, dass also an Vorfällen beteiligte Stellen diese auch melden. Die Luftfahrt ist wie kaum eine andere Branche von diesen Meldungen abhängig. Ihre ganze Sicherheitskultur baut darauf auf, dass kritische Vorfälle bekannt werden, die richtigen Schlüsse daraus gezogen werden und sie so in Zukunft verhindert werden können.
Stört Russland die GPS-Signale?
Als weitere Ursachen für die Zunahme von Vorfällen sieht das Bazl die Zunahme des kommerziellen Luftverkehrs und «mehr Konfliktregionen mit grossflächig gestörten GPS-Signalen in Flugzeugen», wie das Amt festhält.
Diese Formulierung ist äusserst diplomatisch gewählt in Anbetracht der mutmasslichen Hintergründe. In den vergangenen Monaten kam es in Europa immer wieder zu Störungen der GPS-Navigation im Luftverkehr. Neben Pilotinnen und Piloten berichtete etwa auch die Deutsche Flugsicherung von mehreren Fällen. Sicherheitsexperten vermuten in vielen Fällen Russland als Täter.
Die EU-Aussenbeauftragte Kaja Kallas spricht gegenüber dem Sender NDR von einem «hybriden Angriff» Russlands. Der Sicherheitsexperte Nico Lange wird damit zitiert, Russland versuche gezielt zu manipulieren. Die Störungen gehörten für das Land «ganz sicher in den Bereich der Kriegsführung». Die Störungen könnten mehr sein als Provokation, sagt Lange. Möglicherweise deuteten sie darauf hin, dass sich Russland Gedanken zu militärischen Operationen im Ostseeraum mache. Dieser ist von solchen Störaktionen nämlich besonders betroffen.
Laut dem NDR können spezialisierte Daten-Anbieter lokalisieren, wo die GPS-Störungen auftreten. In Europa ist die Ostsee demnach ein Hotspot. Forschende einer polnischen Universität hätten aber auch in der russischen Exklave Kaliningrad eine grosse Störanlage lokalisiert – und nun tauchen die Aktionen auch in den Statistiken einer Schweizer Behörde auf. (aargauerzeitung.ch)

