«Fühlt sich mies an»: watson-Journalistin wird in Fake-Brief mit Ausschaffung gedroht
Der Brief kommt mit dem offiziellen Logo der Eidgenossenschaft, dem korrekten Briefkopf des Staatssekretariats für Migration (SEM) und in einwandfreiem Deutsch daher.
Adressiert ist er an eine watson-Journalistin, die vor mehreren Jahren in die Schweiz zugewandert ist. Sie hat eine gültige Aufenthaltsbewilligung bis ins Jahr 2028. Im Brief steht:
In anderen Worten: Der Brief informiert die watson-Journalistin darüber, dass sie die Schweiz per Ende Jahr verlassen muss.
Zur Verdeutlichung ist dem Brief ein zweites Dokument angehängt: «Leaving Switzerland. The complete checklist», heisst es. Eine Anleitung, die Schweiz zu verlassen.
Der Brief ist ein Fake.
Das bestätigt das SEM gegenüber watson. Der Fake sei daran zu erkennen, dass die Referenznummer der adressierten Person nicht stimme und das Schreiben nicht dem grafischen Auftritt des SEM entspreche.
SEM-Mediensprecher Reto Kormann sagt: «Solche Briefe sind uns bekannt, sie zirkulieren schon seit mehreren Jahren.» Dabei werde jeweils einfach der erste Satz des Schreibens angepasst, um dem jeweils politisch aktuellen Thema zu entsprechen.
Der Brief, den die watson-Journalistin erhalten hat, behauptet, sie müsse die Schweiz wegen der «Keine 10-Millionen-Schweiz»-Initiative verlassen. In der Vergangenheit haben die Verfasser des Fake-Briefs auch schon mit den laufenden Neuverhandlungen der Bilateralen Verträge argumentiert.
«In den letzten vier Jahren sind uns mindestens 1500 Schreiben bekannt», sagt Kormann. Die Dunkelziffer dürfte höher sein. «Es scheint eine neue Welle zu geben derzeit»
Wer sind die Verfasser des Fake? «Wir haben keine Kenntnisse über die Urheber dieser Briefe», sagt SEM-Sprecher Kormann.
Das SEM hat 2024 Strafanzeige gegen Unbekannt eingereicht. «Wir prüfen diesen Schritt auch im aktuellen Fall», sagt Kormann. Betroffenen rät das SEM zum gleichen Vorgehen.
Zur Aufklärung arbeite das SEM mit der Bundesanwaltschaft und den Kantonspolizeien zusammen. Bisherige Anstrengungen, die Urheber der Fakes ausfindig zu machen, verliefen erfolglos. Dafür hat das SEM einen Warnhinweis auf seiner Homepage publiziert.
Menschen melden sich am Schalter
Die watson-Journalistin hat Wohnsitz im Kanton Zürich. Bei der Kantonspolizei Zürich sind bis jetzt keine Meldungen bezüglich solcher Fake-Briefe eingegangen, sagt Sprecher Roger Bonetti gegenüber watson. Auch er verweist auf den Warnhinweis auf der SEM-Website und fügt an: «Das Schreiben hat für den jeweiligen Aufenthaltsstatus der angeschriebenen Personen keine Bedeutung.»
Im Fake-Schreiben steht, dass sich die Adressaten innert 30 Tagen beim Einwohneramt zu melden haben. Im Fall der watson-Journalistin wäre dies das der Stadt Zürich.
Dort weiss man vom Fake. «Das Personenmeldeamt der Stadt Zürich hat tatsächlich Kenntnis von zwei Personen, die ein solches Schreiben erhalten haben», sagt Sprecherin Nadine Marwalder gegenüber watson. «Diese haben sich aufgrund des Schreibens am Schalter gemeldet.»
Die Stadt Zürich informiert aktuell seine Mitarbeitenden über den Fake und plant einen Warnhinweis auf den entsprechenden Websites der Stadt Zürich.
«Bin verunsichert»
Im vorliegenden Fall argumentiert der Fake-Brief damit, dass die Schweiz wegen der «Keine-10-Millionen-Schweiz»-Initiative der SVP die Ventilklausel zum Freien Personenverkehr aktiviere.
Diese Ventilklausel existiert zwar tatsächlich. Sie wurde mit Annahme der Masseneinwanderungs-Initiative im Jahr 2014 in die Schweizer Bundesverfassung geschrieben.
Es ist aber falsch, dass die Schweiz diese Klausel aktuell anwendet – und sie wird das erst recht nicht vor der Volksabstimmung am 14. Juni tun.
Unser Erklärvideo zur «Keine-10-Millionen-Schweiz»-Initiative
Als politisch überdurchschnittlich informierter Mensch war das der watson-Journalistin schnell klar. Trotzdem ist sie erschrocken – einfach, weil der Fake-Brief so offiziell daherkommt.
«Es fühlt sich mies an», sagt die watson-Journalistin. Zum einen belastet sie der einschüchternde Inhalt, der ausdrücke: Du bist hier nicht willkommen. «Allein schon die Tatsache, dass der Absender weiss, wer ich bin und wo ich arbeite, verunsichert mich», sagt sie. Der Fake-Brief war persönlich an sie adressiert und wurde an die Postadresse von watson geschickt.
Es ist nicht das erste Mal, dass die watson-Journalistin unangenehme Post erhält. Schon im September 2024 erhielt sie einen ähnlichen Brief, auch damals schon landete er im watson-Briefkasten. «Er war beleidigend im Ton und deshalb schneller als Fake zu erkennen», erinnert sich die Journalistin. «Auch das war schlimm, aber damals konnte ich noch drüber lachen.»
Die watson-Journalistin veröffentlicht Texte unter ihrem vollen Namen. In watson-Videos ist sie auch schon aufgetreten und hat das eigentlich auch in Zukunft vor. Aber: «Auch wenn ich es nicht will: Der Brief hat mich schon eingeschüchtert», sagt sie. Im Alltag sei sie bisher keiner Fremdenfeindlichkeit ausgesetzt gewesen, bis jetzt habe sie sich wohlgefühlt in Zürich. Jetzt aber fragt sie sich: «Was kommt als Nächstes?»
