Schweiz
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Schreiberling auf Bühnenbrettern

Wie schwer ist eigentlich Theaterspielen? Ein Selbstversuch mit viel Angst und Schweiss



«Fluchtweg freihalten» steht auf dem Schild der eisernen Tür, die zum Hinterhof des BLVD-Theaters in der Albisriederstrasse in Zürich führt. «Passt ja», lache ich bitterlich in mich hinein. «Was habe ich mir bloss dabei gedacht, hier zuzusagen?» Ein Journalist, der Theater machen will, das völlig spontan ist und keinem Drehbuch folgt. Das kann ja bloss ein blamables Drama werden!

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Ambiente im BLVD-Theater.  bild: flickr

Zumindest wird es wenig Zeugen geben, tröste ich mich. Mein lachhaftes Versagen fest vor Augen habe ich kaum jemandem von dem Vorhaben erzählt und erst spät einen «gschämigen» Hinweis auf Facebook gepostet. Von der Schauspieltruppe kenne ich allein Gerald Weber, einen der zwei Regisseure des Abends, weil watson bereits über Schweizer Improvisationstheater berichtet hat.

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Schauspieler stärken sich vor dem «Aufwärmen».  bild: flickr

Als ich den Hinterhof betrete, weicht meine Nervosität schnell. Das Ensemble kommt drei Stunden vor der Vorstellung bei einem bescheidenen Buffet zusammen. Es sind allesamt alte Hasen. Die lockere Stimmung beruhigt und weil bei den «Maestro»-Aufführungen dann und wann auch «Zivilisten» dabei sein können, fällt meine Anwesenheit den Profis auch gar nicht weiter auf. Mit dem «Aufwärmtraining» vor dem Match vor Zuschauern schöpfe ich neuen Mut. 

Hosen voll? Showtime!

Spielerisch stellt sich die Gruppe darauf ein, spontan zu reagieren. Wir stellen uns im Kreis auf und werfen uns imaginäre heisse Steine zu, dann werden in Gedanken Bumerangs geworfen und wir springen der Reihe nach hoch. Wortspiele, bei denen wir auf Kommando einen Vortrag des anderen fortführen müssen, machen dem Gehirn Beine. Einminütige Zweierszenen werden geprobt, und dann naht auch schon – für mich immer noch ein wenig unerbittlich – die «Showtime». 

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Vor dem Auftritt werden im Kreis kollektiv die Sinne gestärkt und das Hirn auf Trab gebracht. bild: flickr

Im Keller ziehen sich elf Personen um und bei manchen möchte man sagen: Sie verwandeln sich. So wie Melanie Baumann, die den Abend moderiert. Eine nette, nicht besonders extrovertierte Person, die mit Schminke und Kostüm aber auch eine tüchtige Portion Chuzpe aufträgt. Ich staune, wie überzeugend die Dame die Bühne betritt, um uns mit solch mitreissendem Charme anzukündigen, dass ich fast selbst Lust auf meinen Auftritt bekomme. 

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Melanie Baumann und Simone Schwegler. bild: flickr

«Alles klar?», flüstert Emilia Meincke und ich murmle zurück: «Ja, klar!» Dabei habe ich die Hosen voll und bin dankbar, dass diese Leute so pfleglich miteinander umgehen. Und schon greift Christian Käser in die Keyboardtasten: Zehn Menschen und ein Undercover-Schreiberling, alle mit dicken Nummern versehen, laufen auf die Bühne. Wie bin ich bloss hierhergekommen?

Ecopop-Blödsinn im Rampenlicht

Das Rampenlicht blendet. Zum Glück, denn sonst würde ich den vollbesetzten Saal sehen und gleich wieder umkehren. Nachdem wir unseren Applaus abgeholt und uns gesetzt haben, erklären die Regisseure Gerald Weber und Niggi Hégelé die Spielregeln. 

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Gerald Müller und Niggi Hégelé. bild: flickr

Jeder Schauspieler spielt in der ersten Halbzeit drei Szenen. Seine Mitspieler werden ausgelost, das Thema spontan vorgegeben. Das Publikum vergibt nach den Szenen per Applaus eins bis fünf Punkte. Dann wird aussortiert. In der zweiten Halbzeit müssen peu à peu weitere Darsteller ausscheiden, bis der Gewinner feststeht. 

Und schon finde ich mich mit drei Kollegen im Mittelpunkt des Geschehens wieder. Einer muss den Reporter spielen und fragt uns nach der Ecopop-Initiative. Wir anderen drei sollen eine Person repräsentieren, dürfen nacheinander aber immer nur je ein Wort sagen. Dem Thema angemessen kommt dabei nur Blödsinn heraus. Und drei Punkte.

Kollateral: Deine Hand in meinem Schweiss 

Weil ich nicht ausgelacht werde, also nicht bösartig, gehe ich meinen zweiten Aufruf voller Elan an, doch die Szene wird nicht die beste dieses Abends sein. Ich stehe neben einem anderen Darsteller mit den Händen in den Hosentaschen auf der Bühne. Hinter uns positionieren sich zwei weitere Mitspieler, die ihre Arme neben unsere stecken und unsere Gestik übernehmen. 

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Showtime.  bild: flickr

Eigentlich sollte die Konversation dann den Gesten folgen und lustig sein, aber das klappt nur bedingt. Innerlich leide ich mit Veronika Pammer mit, die zu meinen Armen und Händen geworden ist und das Pech hat, in mein schweisstriefendes Gesicht fassen zu müssen. Peinlich für mich, doof für sie. Na ja, Kollateralschaden halt.

Mein letzter Auftritt ist eine Szene mit Rainer Zawozki. Ganz spontan, ohne Vorgabe. Licht an, der Österreicher dreht sich um, rollt wild die Augen und fragt, ob ich ihn verfolge. Ich fasel' etwas von Klopapier an seinen Hacken und am Ende der Minute habe ich eine nicht besonders originelle Geschichte darüber entsponnen, dass unsere Väter von Beruf Kloputzer gewesen waren und meiner seinen verehrt hatte. Sie merken schon: Nach dieser ersten Halbzeit bin ich zu Recht ausgeschieden. 

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Rainer Zawozki und Gerald Müller.  bild: flickr

Zweite Halbzeit: Profi, übernehmen Sie!

Anders gesagt: Die Spreu wird vom Weizen getrennt und die Profis machen den Theater-Battle unter sich aus. Im Publikum sitzend, staune ich nun noch mehr über die Leistung, die diese Improvisationskünstler da aufs Parkett legen: Ich weiss jetzt, wie sehr man auf Zack sein muss, um auf Knopfdruck kreativ loszulegen, sich gleichzeitig ein Drehbuch auszudenken und das Ganze dann noch locker rüberzubringen.

Ich sehe wunderbare Szenen. Simone Schwegler und Emilia Meincke glänzen mit einer Pariser Liebesgeschichte, die die anderen, wartenden Schauspieler herrlich mit «französischen Lauten» unterlegen, Christian Käser erdichtet spontan ein famoses Gerry-Weber-Lied, wobei er launig vom Keyboard begleitet wird. 

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Christian Käser und Melanie Baumann.  bild: flickr

Eine Matrix-mässige Schiesserei bringt Leben ins Theater, bald erwischt es auch Zawozki und als es aufs Finale zugeht, zeigen Sven Sticklin und Simone Schwegler noch einmal grosse Kunst. Die Szene wird schwach eingeleitet, als er sich beschwert, sie habe ja seinen Goldfisch getötet. Simone Schwegler greift den Faden auf, spielt die hartherzige, böse Fee. Puh, wie banal. 

Scharfsinniger, bissiger Schweizer Humor – Es gibt ihn doch!

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Simone Schwegler.  bild: flickr

Doch in den folgenden Minuten entsinnen die beiden eine Geschichte, in der sich am Ende alles umkehrt. Eine Geschichte mit Sinn und einer Moral, die aus dem Nichts entstanden ist. «Wie haben die beiden das hingekriegt?», frage ich im mich im Publikum, das mit seinem Applaus den König des Abends krönt. 

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Sven Sticklin. bild: flickr

Er heisst Rafael Haldenwang und ist auch so ein Verwandlungskünstler. Wieder so ein netter, «normaler» Kerl, der auf der Bühne plötzlich mit Jim-Carrey-artiger Mimik auftrumpft und scharfsinnigen, bissigen Schweizer Humor aufblitzen lässt. Es gibt ihn doch!

Als ich in der zweiten Halbzeit das Können auf der Bühne bewundere und mich vor Lachen einnässen könnte, muss ich an Leute denken, die am Samstagabend vielleicht vor dem Fernseher nach Ablenkung suchen. Warum in die Ferne schweifen? Gute Unterhaltung ist ganz nah – und Improvisationstheater gibt es nicht nur in Zürich.

Die nächste «Maestro»-Veranstaltung beginnt am 1. November um 20 Uhr im BLV-Theater in Zürich. Mehr Informationen hier.

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Gewinner des symbolischen Krönchens: Rafael Haldenwang. bild: flickr

(Alle Bilder: Flickr)

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