Schweiz
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Flug in den Tod: Wird der Swissair-Absturz in Würenlingen endlich aufgeklärt?

Eine Bombe an Bord einer Swissair-Maschine riss im Februar 1970 47 Menschen in den Tod. Es war der blutigste Terroranschlag in der Geschichte der Schweiz. Das Verfahren wurde ergebnislos eingestellt. Nun könnte es neu aufgerollt werden.



Terroranschlag von Würenlingen

Der Funkspruch dauert ganze zwei Sekunden und lässt niemanden kalt: «Goodbye everybody», sagt Co-Pilot Armand Etienne mit schluchzender Stimme. Es sind die letzten Worte eines todgeweihten Menschen. Wenige Augenblicke später zerschellt Swissair-Flug 330 an diesem 21. Februar 1970 um 13.34 Uhr im Unterwald bei Würenlingen AG. Alle 47 Insassen sterben.

Es ist der blutigste Terroranschlag in der Geschichte der Schweiz. Die Urheber sind weitgehend bekannt, wurden aber nie zur Rechenschaft gezogen. Jetzt kennt man den Grund: Der damalige SP-Aussenminister Pierre Graber schloss ein geheimes Stillhalteabkommen, um die Schweiz vor weiteren Attentaten durch palästinensische Terroristen zu schützen.

Die letzten Worte des Co-Piloten.
quelle:Srf

Dabei war der Terrorakt von Würenlingen gar nicht gegen die Schweiz oder die Swissair gerichtet. Die in München aufgegebene Paketbombe sollte eine Maschine der israelischen Gesellschaft El Al zum Absturz bringen. Weil sie kurzfristig nach Köln umgeleitet wurde, gelangte die Postsendung via Zürich auf den Swissair-Flug nach Tel Aviv. Wenige Minuten nach dem Start an diesem nasskalten Samstag explodierte die mit einem Höhenmesser gekoppelte Bombe.

«Notfall, wir haben Feuer und Rauch an Bord, ich kann nichts sehen!»

Karl Berlinger, Pilot

Um 13.21 Uhr setzt Karl Berlinger, der Pilot der Coronado «Baselland», einen ersten Notruf ab: «Zürich, Swissair 330, wir haben Probleme mit dem Kabinendruck, wir müssen zurück nach Zürich.» Über Brunnen SZ wendet er das Flugzeug. Eine Minute später meldet sich Berlinger erneut: «Zürich, von Swissair 330, wir vermuten eine Explosion im hinteren Gepäckraum.»

Die Funksprüche offenbaren das Drama, das sich an Bord abgespielt haben muss: «Zürich, Swissair 330, wir haben Feuer an Bord, ersuchen um eine sofortige Landung.» Dann schreit Berlinger, möglicherweise durch eine Sauerstoffmaske: «Notfall, wir haben Feuer und Rauch an Bord, ich kann nichts sehen!» Als nächstes meldet sich Co-Pilot Armand Etienne: «330 stürzt ab!» Es folgen die besagten letzten Worte, dann kommt es zum Crash.

Pilot Karl Berlinger meldet Feuer an Bord.
quelle:srf

Als einer der Ersten erreicht der heute 74-jährige Arthur Schneider den Unglücksort. Er war damals Gemeinderat und später während 16 Jahren Gemeindeammann von Würenlingen. Ihm bietet sich ein Bild des Grauens: Der Aufprall mit vollen Treibstofftanks hatte das Flugzeug sowie die 38 Passagiere und neun Besatzungsmitglieder in kleinste Teile zerrissen. Als erstes sieht Schneider eine menschliche Hand. Der Anblick verfolgt ihn bis heute.

Trümmerteile und Wertsachen geklaut

Er wird aber auch Zeuge weiterer hässlicher Szenen: Das Unglück lockt zahlreiche Gaffer an, die teilweise ungeniert Trümmerteile als «Souvenirs» und sogar Wertsachen mitgehen lassen. Arthur Schneider schilderte diese Episoden in einem letztes Jahr erschienenen Buch mit dem bezeichnenden Titel «Goodbye everybody». Weil es damals noch keine DNA-Tests gab, wurden die menschlichen Überreste beliebig auf die Särge verteilt, vermischt mit Erde.

Schweizer Terrorjahre

Gleichzeitig hatte die Schweiz Glück im Unglück: Der Absturz ereignete sich nur wenige hundert Meter entfernt vom Atomkraftwerk Beznau und vom Eidgenössischen Institut für Reaktorforschung, dem heutigen Paul Scherrer Institut (PSI). Weil die Bombe in Kloten an Bord gelangte, führte die Bezirksanwaltschaft Bülach die Untersuchung durch. Bereits im Dezember 1970 lieferte sie ihren Bericht bei der Bundesanwaltschaft in Bern ab.

Seit Jahren spurlos verschwunden

Danach geschah genau gar nichts, obwohl man die mutmasslichen Täter kannte. Zwei Tage nach dem Anschlag ging bei der Swissair ein anonymer Anruf ein, in dem sich die radikale Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) zur Tat bekannte. Sufian Radi Kaddoumi, ein Palästinenser mit jordanischer Staatsbürgerschaft, soll die Bombe in München aufgegeben haben.

Interview mit dem mutmasslichen Attentäter.

Der Journalist Gregor Henger spürte Kaddoumi wenige Wochen nach dem Attentat in Jordanien auf. In einem Radiointerview bestritt er wortreich, in den Anschlag verwickelt zu sein. Sufian Kaddoumi ist seit Mitte der 1990er Jahre spurlos verschwunden. Ist er gestorben? Haben ihn die Israelis beseitigt? Oder die eigenen Leute? Als Hintermann des Würenlinger Anschlags gilt Ahmed Dschibril, Chef einer PFLP-Splittergruppe. Er soll gemäss der NZZ heute in Syrien leben und im Bürgerkrieg an der Seite von Präsident Baschar Assad kämpfen.

Del Pontes juristischer Kniff

Obwohl es sich um eine ungeheuerliche Tat handelte, ist der Terrorakt von Würenlingen strafrechtlich seit 1990 verjährt. Die damalige Bundesanwältin Carla Del Ponte versuchte 1995 mit einem «juristischen Kniff», so die NZZ, das Verfahren erneut aufzurollen. Im November 2000 beschloss die Bundesanwaltschaft jedoch die endgültige Einstellung, klammheimlich, ohne die Öffentlichkeit oder die Angehörigen der Opfer zu informieren.

Palestinian Liberation Organization, PLO, political chief Farouk Kaddoumi chairs his delegations at the opening of the 16th ordinary session of Arab Summit in Tunis, Saturday May 22, 2004. Tunis hosts a two-day Arab Summit to discuss the situation in Iraq, the recent escalation of violence in the Palestinian territories and reforming of the Arab League as well as a response to a U.S. proposal for political reform in the Middle East. (AP Photo/Amr Nabil)

PLO-«Aussenminister» Faruk Kaddoumi verhandelte mit der Schweiz. Er könnte mit dem Attentäter von Würenlingen verwandt sein.
Bild: AP

Das Motiv für die Untätigkeit dürfte das Abkommen mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) bilden, das der NZZ-Journalist Marcel Gyr in seinem Buch Schweizer Terrorjahre enthüllt hat. Pikantes Detail: Bundesrat Graber verhandelte damals via SP-Nationalrat Jean Ziegler mit Faruk Kaddoumi, dem «Aussenminister» der PLO. Er trägt den gleichen Namen wie der mutmassliche Attentäter von Würenlingen und soll im gleichen Dorf aufgewachsen sein. Es gibt Mutmassungen, wonach er sogar der Bruder von Sufian Kaddoumi sein soll.

Lückenlose Aufklärung gefordert

Der ehemalige Würenlinger Gemeindeammann Arthur Schneider zeigte sich gegenüber der «Aargauer Zeitung» nicht überrascht. Er habe immer gewusst, dass es «Abmachungen gegeben haben musste, die nicht an die Öffentlichkeit gelangen durften». Nun fordern Politiker eine lückenlose Aufklärung. «Das schulden wir den Opfern der palästinensischen Terrorakte und deren Hinterbliebenen», sagte Corina Eichenberger, Aargauer FDP-Nationalrätin und Präsidentin der Gesellschaft Schweiz–Israel, der NZZ.

Auch Ruedi Berlinger, der Sohn des Coronado-Piloten, hofft nach Erscheinen des Buches, dass «sich endlich aufklärt, warum es nie zu einem Gerichtsverfahren gekommen ist». Würden die Schuldigen beim Namen genannt, könnte die Gerechtigkeit doch noch siegen, sagte er dem «Migros-Magazin».

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