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In der Psychiatrie in Münsterlingen (TG) wurde an Patienten Antidepressiva getestet.

In der Psychiatrie in Münsterlingen (TG) wurde an Patienten Antidepressiva getestet. foto: keystone

Medikamententests in Thurgauer Psychiatrie waren umfangreicher als angenommen

Die Medikamentenversuche in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen (TG) ab den 1950er Jahren haben ein grösseres Ausmass als erwartet. Zu diesem Zwischenresultat kommt ein Forscherteam um Historikerin Marietta Meier, das die Vorgänge untersucht.



«Es waren erstens mehr Patienten betroffen, es wurden zweitens mehr Substanzen getestet, und drittens ist auch der Zeitraum der Medikamentenversuche länger», sagte die Studienleiterin Marietta Meier in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» und dem «Bund» vom Montag. Bislang wurden maximal 1600 betroffene Patienten vermutet. «Doch es sind bestimmt mehr», sagte Meier.

«Er trat 1980 als Klinikdirektor zurück, führte die Versuche jedoch auch nach seinem Rücktritt weiter.»

Studienleiterin Marietta Meier über Roland Kuhn

Bild

Roland Kuhn war für die Tests hauptverantwortlich. foto: Archiv thurgauer zeitung

Versuche nach Rücktritt weitergeführt

Es seien Dutzende Substanzen getestet worden bis in die 1980er Jahre hinein. Für die Versuche verantwortlich war der damalige Direktor der Klinik, Roland Kuhn (1912-2005). Er soll zusammen mit seinem Oberarzt Patienten mit nicht zugelassenen Medikamenten behandelt haben. «Er trat 1980 als Klinikdirektor zurück, führte die Versuche jedoch auch nach seinem Rücktritt weiter», sagte Meier.

Nach kritischen Medienberichten hatten Kuhns Erben dem Kanton Thurgau den Nachlass vor drei Jahren übergeben, damit die Vorwürfe auf einer möglichst breiten Quellenlage geklärt werden können. Die Staatskanzlei teilte im vergangenen Dezember mit, der Kanton habe einen Forschungsauftrag vergeben, der die klinische Psychopharmaka-Forschung in der Klinik in Münsterlingen und die Verantwortlichkeit der vorgesetzten Behörden und der pharmazeutischen Industrie beleuchten soll.

«Der Psychiater war der Meinung, die Wirkung von Antidepressiva lasse sich am besten im Alltag testen.»

Studienleiterin Marietta Meier über Roland Kuhn

Auch an ambulanten Patienten getestet

Wie Meier im Interview ausführt, wurden die Medikamente, insbesondere Antidepressiva, nicht nur an stationären, sondern auch an ambulanten Patienten getestet. Demnach sei Psychiater Kuhn der Meinung gewesen, die «Wirkung von Antidepressiva lasse sich am besten im Alltag testen».

Meier geht davon aus, dass man auch ausserhalb der Klinik um die Versuche wusste, «zum Beispiel bei der kantonalen Gesundheitsdirektion – damals Sanitätsdepartement genannt – sowie bei der Aufsichtsbehörde der Klinik». Damit stelle sich über Roland Kuhn und die Klinik hinaus die Frage der Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten.

Bereits 2014 hatte die Beratungsstelle für Landesgeschichte (BLG) Zürich in einem Bericht zu Vorgängen im ehemaligen Heim St. Iddazell des Klosters Fischingen TG Hinweise aufgeführt, wonach die Psychiatrische Klinik Münsterlingen an Zöglingen aus Fischingen Versuche mit Medikamenten durchgeführt habe. (sda/rwy)

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    Alle Leser-Kommentare
  • pamayer 31.10.2016 08:19
    Highlight Highlight Gerade mal sprachlos.
  • lilie 31.10.2016 07:34
    Highlight Highlight Danke für den Artikel.

    Ich möchte jedoch gerne darauf hinweisen, dass die wichtigsten Aspekte dieser Tragödie nicht erwähnt wurden. Denn selbstverständlich werden neue Medikamente auch heute noch an Patienten getestet. Nur geschieht das mit der ausdrücklichen Einwilligung des Patienten, der zuvor darüber aufgeklärt wird, dass es sich um ein neues Medikament handelt.

    Kuhn aber hat seine Patienten nicht aufgeklärt, hat Nebenwirkungen verharmlost, und selbst eine ganze Reihe von Todesfällen haben ihn nicht abgeschreckt.

    http://mobile2.tagesanzeiger.ch/articles/556750b387da8b9c6c000004
  • herschweizer 31.10.2016 07:28
    Highlight Highlight Ich habe dort täglich LSD geklaut...
  • saukaibli 31.10.2016 07:21
    Highlight Highlight Jeder Psychiater führt solche Tests mit seinen Patienten durch, denn wie welches Psychopharmakum bei welchem Patienten wirkt, wissen die selber nicht. Habe das bei mehreren Bekannten erlebt. "Ach, wenn das nicht wirkt, dann verschreiben wir halt mal etwas anderes und schauen..." Psychiatriepatienten sind immer noch reine Versuchskaninchen und kein Psychiater hat je einen seinen Patienten geheilt. Wie Schmerzmittel können Psychopharmaka kurzfristig einen Nutzen gegen Symptome haben, gegen die Ursachen nützen sie aber Null und nichts.
    • lilie 31.10.2016 08:18
      Highlight Highlight @saukaibli: Ja, leider haben auch Psychopharmaka oft starke Nebenwirkungen, und oft bringen sie zu wenig Nutzen, um langfristig eine Verbesserung der Lebensqualität zu bringen. Die Pröbeleien, um (vielleicht) ein passendes Medikament zu finden, können nervenaufreibend und demotivierend sein.

      In dem Artikel geht es aber um etwas anderes, das aber leider nicht ausgeführt wurde: Kuhn hat seinen Patienten nicht zugelassene Medikamente verabreicht, ohne sie darüber aufzuklären. Selbst Todesfälle haben ihn nicht abgeschreckt.

      Ich habe weiter oben einen Artikel verlinkt, der das genauer erklärt.

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