DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
epa04628626 Ski enthusiasts enjoy a day on the slope in the Davos Klosters Ski resort in Davos, Switzerland, 20 February 2015.  EPA/GIAN EHRENZELLER

Immer weniger Schweizer finden Gefallen an Wintersport. Bild: EPA/KEYSTONE

Wenn nicht mehr alles Ski fährt: Warum es im Wintersport ein Umdenken braucht

Eine neue Studie sagt, dass sich Berggebiete vom Schneesport emanzipieren müssen. Schweiz Tourismus probiert es jetzt mit einer neuen Kampagne, die direkt auf die Familien zielt.

Niklaus Vontobel / az



Es war der Skisport, der dem Wintertourismus eine Wachstumsexplosion ermöglichte. Nach den Fünfzigerjahren schienen Ski und Winter ohne einander nicht mehr denkbar. Alles fuhr Ski in den Sechzigern, die Zahl der Seilbahnen vervielfachte sich, in den Neunzigern wurden in den Alpen acht von zehn Tourismusfranken im Winter verdient. Doch 2018 behaupten Professoren von der Universität St. Gallen Unerhörtes: Wintertourismus geht ohne Ski, es muss sogar ohne gehen.

Diese These stellt der St. Galler Professor Pietro Beritelli in einer Studie auf, die gestern von der Marketingorganisation «Schweiz Tourismus» veröffentlicht wurde. «Der Berg» – also die Schweizer Alpenlandschaft – sei eine «touristische Destination, die sich unabhängig vom Wintersport vermarkten lässt.»

A musher in action with his dog-sled on a green field without snow, in the Swiss Alps, during Christmas holydays, in Leysin, western Switzerland, December 24, 2015. The snow has melted as a result of the mild temperatures throughout the last few days. (KEYSTONE/Laurent Gillieron)

Gerade tief gelegene Wintersportorte müssen wegen des Klimawandels zunehmend umsteigen. Bild: KEYSTONE

Wintersport und Wintertourismus seien bis jetzt Synonyme gewesen, nun brauche es ein Umdenken. «Auch wenn die Assoziation zwischen Winter und Skisport heute noch dominiert», sagt Beritelli – wohl weil er weiss, dass er trennt, was sich in den Köpfen über Jahrzehnte verknüpft hat.

Seine These begründet Beritelli mit einer gesellschaftlichen Entwöhnung vom Wintersport. Diese werde sich in den einzelnen Familien über künftige Generationen hinweg nur noch beschleunigen und in den nächsten Jahrzehnten erst richtig «schmerzhaft in den Wintersportgebieten durchschlagen». Beritelli hat sich für seine Studie auf 42 vertiefte Interviews gestützt und 636 ergänzende Onlinebefragungen. Dereinst wachse in der Schweiz eine Generation heran, bei der das Skifahren kaum noch als Breitensport gelte.

Lieber Sandstrand als Pulverschnee

Eine oder zwei Wochen Skiferien gehörte in den Achtziger und Neunzigern für die meisten Kinder und Jugendlichen zu ihrem Winter dazu. Dieser Generation war der Wintersport jedoch oft verleidet, als sie erwachsen wurde: Es muss Pulverschnee und Sonne sein, sonst bleibt man lieber daheim; die Ausrüstung ist zu schwer, zu teuer, zu umständlich; so viele Ferien dafür hergeben mag man nicht.

Mancher sonnt sich lieber gleich an thailändischen Stränden. Diese Entwöhnung vom Wintersport greift in der Folge auch auf die nächsten Generationen über. Und die Kinder von heute werden vielleicht nur mit winterlichen Städtereisen oder Strandurlaub gross.

Verknüpft mit der Entwöhnung von Familien über Generationen hinweg ist der Klimawandel. Die Schweiz sei wie der übrige Alpenraum überdurchschnittlich von der globalen Erderwärmung betroffen. So sind die durchschnittlichen Temperaturen seit 1850 in der Schweiz um 1.8 Grad gestiegen, weltweit hingegen «nur» um 0.85 Grad.

Dadurch würden schneearme Winter häufiger in tieferen Lagen. Weiter oben verkürze sich die Schneesaison. Im Vergleich zu 1970 fängt die Schneesaison bereits zwölf Tage später an, 25 Tage früher hört sie auf. Im Unterland werden die Nebeltage weniger, die Nebelflucht in die Berge wird seltener.

Grand Tour of Switzerland:

1 / 10
Grand Tour of Switzerland
quelle: keystone / gaetan bally
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Schleichende Abkehr

Diesen Trends wird der Wintertourismus irgendwie begegnen müssen. Gegen die Entwöhnung vom Wintersport werden jedoch Schullager und Skisportlager wenig helfen, so die St. Galler Studie. Diese Erkenntnis dürfte den Bergbahnen nicht gefallen. Mit der Initiative «Gosnow» versuchen sie, Skilager wieder populärer zu machen.

Schweiz Tourismus probiert es mit einer neuen Kampagne, die direkt auf die Familien zielt. Rund 12'000 Wochenskipässe sollen gratis an Kinder verlost werden. «Kids4free» heisst die Aktion. Ungleich bedeutender dürfte langfristig sein, dass die St. Galler Studie gerade tief gelegenen Winterdestinationen zum Umsatteln rät: Wandern oder Biken in den Vordergrund stellen; Gesundheits- oder Bildungstouristen ansprechen. Die Bergbahnen sollen sich neu als «Zubringer zu Erlebnissen» verstehen. Es ist die schleichende Abkehr vom Wintersport.

Dass der Wintertourismus sich derart grundlegend von St. Galler Professoren hinterfragen lässt, hat mit unschönen Langfristtrends zu tun. In den Berggebieten liegt die Zahl der Übernachtungen noch immer zehn Prozent tiefer als in der Wintersaison 2008/2009. Das ist ein verlorenes Jahrzehnt für den Wintertourismus in der Schweiz.

Bergsteiger überrennen den Mont Blanc – Polizei handelt

Video: srf

Indessen boomt der Tourismus weltweit, und manche Destinationen kämpfen gar mit einen Überfluss an Gästen. Geht man noch weiter zurück in der Zeit, zeigt sich: der Schweizer Wintertourismus hat schon zwei verlorene Jahrzehnte hinter sich.

Selbst in den kriselnden Neunzigerjahren wurden mehr Logiernächte verzeichnet. Noch härter als die Hotels traf es die Bergbahnen: an sogenannten «Skierdays» – Ersteintritte in ein Skigebiet – hatte es zuletzt gar 23 Prozent weniger als im Winter 2008/2009.

Immerhin wurde zuletzt der Abwärtstrend der letzten Jahre gestoppt. Dem Schweizer Wintertourismus geht es nicht mehr ganz so schlecht wie ein oder zwei Jahre zuvor. Gemäss den Zahlen des Bundesamts für Statistik verbuchte die Hotellerie in den Berggebieten dank eines schneereichen Winters über 5 Prozent mehr Logiernächte als in der Vorsaison.

Und für den kommenden Winter sind die Aussichten nicht schlecht, wenn das Wetter einigermassen mitspielt. Ein Zuwachs von 1.6 Prozent wird für die kommende Saison vorhergesagt. Dabei hilft dem hiesigen Wintertourismus, dass die Konkurrenten in Österreich zuletzt ihre Preise kräftig erhöht haben. Die Schweiz ist preislich konkurrenzfähiger als auch schon. (aargauerzeitung.ch)

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Link zum Artikel

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Link zum Artikel

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Link zum Artikel

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

Link zum Artikel

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben

Link zum Artikel

Wie ansteckend sind Kinder wirklich? Was die Wissenschaft bis jetzt dazu weiss

Link zum Artikel

Das iPad kriegt Radar? Darum ist der Lidar-Sensor eine kleine Revolution

Link zum Artikel

Lasst meinen Sex in Ruhe, ihr Ehe- und Kartoffel-Fanatiker!

Link zum Artikel

So lief Tag 1 nach Bekanntgabe der «ausserordentliche Lage» für die Schweiz

Link zum Artikel

Corona International: EU beschliesst Einreisestopp ++ Italien mit 345 neuen Todesopfern

Link zum Artikel

Die Schweiz befindet sich im Notstand – die 18 wichtigsten Antworten zur neuen Lage

Link zum Artikel

Urteil gegen Ex-Polizist wegen Tötung George Floyds

Link zum Artikel

Ein Virus beendet Jonas Hillers Karriere: «Es gäbe noch viel schlimmere Szenarien»

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Langweilige Touristenbilder mal anders:

1 / 25
Langweilige Touristenbilder mal anders
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Für Weihnachten: So begegnest du den «Fakten» deines Onkels, dem Klimawandel-Skeptiker

An Weihnachten gibt's Geschenke, Völlerei und Besinnlichkeit. Womit sich aber einige ebenfalls jedes Jahr wieder konfrontiert sehen, ist die Skepsis einiger älterer Familienmitglieder gegenüber dem Klimawandel.

Gerade als das Fondue Chinoise angeworfen wird, platzt deinem Onkel der Kragen: «Das ist doch alles nur ein Hype!» Doch im Gegensatz zu Oliver Baroni meint er nicht das Fondue Chinoise, sondern die Angst vor dem Klimawandel. Damit du deinem Onkel etwas entgegen kannst, hier die neun häufigsten Aussagen von Klima-Skeptikern im Faktencheck:

«Manchmal ist es halt kalt und manchmal warm!» Mit dieser einfachen Aussage versuchen Klimaskeptiker immer wieder, den Klimawandel zu widerlegen. Doch: Das …

Artikel lesen
Link zum Artikel