Rohner leidet, Lehmann doziert, Gottstein telefoniert – das machen die CS-Chefs heute
Vor einem Jahr mussten Bund, Nationalbank und UBS gemeinsam die Credit Suisse retten. Die Verantwortlichen der einstigen Traditionsbank hatten immer viel versprochen - und wenig gehalten. Milliarden-Pleiten und eine nicht enden wollende Reihe an Skandalen haben das Vertrauen in die Bank zerstört, ein Bankrun gab ihr den Rest. Für die Verantwortlichen ist das CS-Kapitel abgeschlossen, die meisten von ihnen sind aus der Öffentlichkeit verschwunden. Eine Spurensuche.
Axel Lehmann: Der Untergangspräsident
Nicht gereizt oder verbittert, sondern mit ruhiger Stimme nimmt der letzte CS-Verwaltungsratspräsident, Axel Lehmann, das Handy ab. Ein Interview könne er nicht geben, sagt er. Der parlamentarischen Untersuchung (PUK), die er begrüsse, stehe er aber selbstverständlich zur Verfügung. «Je mehr Transparenz» zu den Vorgängen bei der Credit Suisse geschaffen werde, «umso besser», sagt Lehmann. Dann könnten auch die richtigen Lehren gezogen werden.
Lehmann kam von der UBS, erst im Oktober 2021 wechselte er zur Credit Suisse in den Verwaltungsrat. Dessen Präsidium übernahm er im Januar 2022, also ein gutes Jahr vor dem CS-Untergang. Aus seinem Umfeld ist zu hören, Lehmann sehe sich nicht als «Untergangspräsident». Im Gegenteil, er sage im kleinen Kreis, als VR-Präsident habe er schnell gemerkt, dass er beinahe eine «mission impossible» bekommen habe, so schlecht sei der Zustand der Bank gewesen. Dazu will Lehmann aktuell nichts sagen, immerhin deutet er an, womöglich nach der PUK seine Sicht der Dinge an die Öffentlichkeit zu tragen.
Aktuell ist der Berner, der bald seinen 65. Geburtstag feiert, mit kleineren Mandaten beschäftigt, und er engagiert sich in der Akademie: einerseits an der Universität St. Gallen, andererseits an der Westschweizer Businessschule IMD.
Gesichtet wird Lehmann immer wieder in der stilvollen Villa Rosau des privaten Clubs Baur au Lac, wo er offensichtlich gerne zu Mittag isst. Und auch an der Herbsttagung der wirtschaftsnahen Denkfabrik Avenir Suisse hat er teilgenommen.
Ulrich Körner: Der Überlebenskünstler
Ulrich Körner, der es wie Axel Lehmann in den früheren Jahren nie an die Spitze geschafft hatte, wurde im Sommer 2022 auf den Chefposten der bereits arg in Schieflage geratenen Credit Suisse gesetzt. Körner pendelte während seiner Karriere mehrmals zwischen den beiden Grossbanken hin und her. Er gilt als analytisch stark und kommunikativ schwach. So hat er zwar Ende Oktober noch die neue Strategie für die CS vorgelegt, doch die Märkte konnte er nicht überzeugen und die Bank nicht retten.
Seine eigene Karriere hingegen schon. Der 61-Jährige ist der Einzige, der sich nach dem CS-Zusammenbruch in die UBS-Geschäftsleitung retten konnte. Dort amtet er seit Juni 2023 als Chef der UBS-Tochter Credit Suisse, die er nun ins Mutterhaus integrieren muss. Und damit ist er wieder dort, wo er lange war: in der zweiten Reihe.
Urs Rohner: Der Langzeitpräsident
Für viele ist der frühere Chefjurist der Credit Suisse einer der Hauptverantwortlichen für den CS-Untergang. Er wurde 2009 zum Vizepräsidenten gewählt und amtete ab 2011 bis 2021 als Verwaltungsratspräsident. Rohner «leidet wie ein Hund», sagt ein langjähriger Weggefährte. Deshalb zeigt sich Rohner kaum mehr an öffentlichen Anlässen, die er früher als VIP stets genossen hat - meist zusammen mit seiner Partnerin Nadja Schiltknecht, der glamourösen ehemaligen Filmfestivalchefin.
Die CS-Krise hat die private Beziehung überlebt, exklusive Anlässe wie kürzlich die Geburtstagsfeier eines bekannten Schweizer Unternehmers besuchen sie gemeinsam. Dort traf Rohner auch auf einen anderen alten CS-Bekannten, den früheren CEO Lukas Mühlemann (73).
Der 64-jährige Rohner sei innerhalb eines Jahres um mindestens zehn Jahre gealtert, die Schuldzuweisungen setzten ihm massiv zu. Die Haare hat er gefärbt, und er trägt einen weissen Stoppelbart. In der Öffentlichkeit wird er mit dem neuen Look kaum erkannt. Gegenüber Vertrauten gibt Rohner zu erkennen, er fühle sich mitnichten verantwortlich für den CS-Untergang. Als er im April 2021 als Präsident zurücktrat, sei das Institut stabilisiert gewesen.
António Horta-Osório: Der Kurzzeitpräsident
Sein Gastspiel bei der Credit Suisse war kurz. António Horta-Osório wollte ein Vorbild sein, einer, der Sätze sagte wie: «Jeder Banker muss im Herzen ein Risikomanager sein». Bei sich selbst war er dann weniger streng und musste deshalb auch gleich wieder einen Abflug machen. Er hatte mehrfach die Covid-Quarantäneregeln gebrochen, unter anderem für einen Flug ans Wimbledon-Finale.
Ende Dezember 2023 tauchte der Name des 60-jährigen Portugiesen plötzlich wieder in der Finanzpresse auf: Es soll sich mit dem Private-Equity-Unternehmen Warburg Pincus zusammengetan haben, um den portugiesischen Telekomanbieter für 6 Milliarden Euro aus der Altice-Gruppe herauszukaufen. Das jedenfalls vermeldete die «Financial Times». Ob das gelingt, ist fraglich. Mittlerweile heisst es, der saudische Telekomanbieter habe mehr geboten. Das Rennen ist aber noch nicht beendet.
Thomas Gottstein: Der glücklose Ex-Chef
Seit dem 1. März 2024 kann Thomas Gottstein wieder arbeiten, die vertraglich mit seiner ehemaligen Arbeitgeberin CS vereinbarte Sperre ist abgelaufen. Ins Banking hingegen kann Gottstein vorerst aber nicht zurück, schliesslich ist die Untersuchung der Finanzmarktaufsicht (Finma) gegen ihn noch nicht abgeschlossen, die im Nachgang des Milliardendebakels um das Lieferkettenvehikel Greensill eingeleitet wurde. Kaum eine Bank wird jetzt einen Banker anstellen, der im Fokus der Finma steht. Dabei sei Gottstein, der heuer 60 wird, noch «voll im Saft», wie es ein Vertrauter sagt. Er wolle arbeiten.
Deshalb hat er sich jetzt selbstständig gemacht und ein Beratungsunternehmen gegründet: Thopago Advisory, eine Wortkreation aus den Anfangsbuchstaben seines vollen Namens Thomas Patrick Gottstein. Die Firma mit Sitz im Zürcher Seefeldquartier bezweckt laut Handelsregister «das Erbringen von Finanz-Beratungsdienstleistungen für natürliche und juristische Personen sowie Personengesellschaften in den Bereichen Fusion und Übernahme, Bewertung, Durchführbarkeitsstudie und Strategie, Finanzierung und Kapitalmarktlösung, Börsengang und Umstrukturierung».
Mit Thopago will Gottstein nun beim Börsengang von Sunrise mitmischen. Er sucht Investoren, die sich für die Aktien des Schweizer Telekomanbieters interessieren, der heute der US-Beteiligungsgesellschaft Liberty gehört. In wessen Auftrag genau Gottstein hier handelt, wollte sein Sprecher nicht sagen.
Ansonsten verbringe Gottstein viel Zeit mit seiner Familie - und auf dem Golfplatz Zumikon. Mit seinem Handycap von 0,7 hält er viele Neider aus der Schweizer Wirtschaftswelt noch immer auf Distanz.
Tidjane Thiam: Der spionageerprobte Ex-Chef
Kurz nach der CS-Rettung wusch sich der frühere Bankchef Tidjane Thiam prophylaktisch schon mal seine Hände in Unschuld. In einem Gastbeitrag in der «Financial Times» hielt er fest, dass die Credit Suisse - als er als Chef zurücktrat - «nach einer tiefgreifenden Restrukturierung gerade den höchsten Gewinn seit zehn Jahren erzielt» hatte. Und dass in den «folgenden Jahren einiges schiefgelaufen» sei, wie der französisch-ivorische Doppelbürger betonte.
Thiam, unter dessen Ägide die Risikokontrolle bei der CS nochmals merklich geschwächt wurde, musste letztlich seinen Chefposten im Februar 2020 räumen, weil er seinen damaligen Untergebenen und Nachbarn, den heutigen UBS-Banker Iqbal Khan, hatte beschatten lassen.
Seine Ambitionen hat das unrühmliche CS-Ende nicht gebrochen, im Gegenteil: Der 61-jährige Thiam will sich 2025 zum Staatspräsidenten der Elfenbeinküste wählen lassen und tourt als Chef der Oppositionspartei schon mal fleissig durchs Land.
André Helfenstein: Der zurückgestutzte Schweiz-Chef
André Helfenstein hatte gehofft, dass seine Credit Suisse Schweiz eigenständig bleibt. Doch das war nie der Plan der UBS. Der 56-jährige Banker ist aber dennoch an Bord geblieben und muss nun als Chef der CS Schweiz diese in die Schweizer UBS integrieren. Die Übung dürfte sich über mehrere Jahre hinziehen. Ab April werden die ersten Filialen zusammengelegt, Ende 2026 soll die Integration der Schweizer Einheit gemäss Fahrplan abgeschlossen sein.
Nebenbei ist Helfenstein Vorstandsmitglied beim Wirtschaftsdachverband Economiesuisse und der Zürcher Volkswirtschaftlichen Gesellschaft. (aargauerzeitung.ch)
