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Nicht nur durch Fernbusse, auch durch ausländische Bahnunternehmen könnte der SBB Konkurrenz erwachsen.
Nicht nur durch Fernbusse, auch durch ausländische Bahnunternehmen könnte der SBB Konkurrenz erwachsen.Bild: KEYSTONE

Aus fürs SBB-Monopol – diese 7 Dinge zum Fernbus-Markt musst du jetzt wissen

Der Bundesrat will nationale Fernbuslinien zulassen – allerdings nur für Anbieter aus der Schweiz. Auf der Schiene hingegen könnte die SBB bald Konkurrenz durch Deutsche Bahn & Co. bekommen. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.
19.10.2017, 20:0520.10.2017, 09:03

Worum geht es?

  • Das Bundesamt für Verkehr (BAV) stellte heute einen Bericht des Bundesrats zum internationalen Personenverkehr bei Bahn und Bus vor. Das sind die zentralen Aussagen:
  • Es gibt zwar keine vollständige Liberalisierung des Fernbusmarktes, aber Fernbuslinien im Inland werden im Rahmen des geltenden Rechts generell zugelassen. Sie erhalten eine Konzession, wenn die dafür nötigen Voraussetzungen erfüllt sind.
  • Zusätzlich prüft der Bundesrat, ausländischen Bahnen neu auch ohne Kooperation mit der SBB den Transport von Passagieren innerhalb der Schweiz zu erlauben. Bedingung dafür ist, dass die Verbindung ins Ausland das Hauptziel der Anbieter bleibt. Die SBB würde das gleiche Recht in EU-Ländern erhalten.

Das musst du wissen:

Rollt jetzt die grosse Fernbuswelle auf die Schweiz zu?

Bald auch im Inland: Passagiere in Zürich steigen in einen Fernbus ein.
Bald auch im Inland: Passagiere in Zürich steigen in einen Fernbus ein.Bild: KEYSTONE

Zunächst wohl eher nicht. Ausländischen Anbietern ist es aufgrund des Kabotageverbots weiterhin verboten, Passagiere innerhalb der Schweiz zu befördern. Bisher steht lediglich der Anbieter Domo Reisen aus Glattbrugg ZH in den Startlöchern. Er will sich zunächst auf den frequenzstarken Strecken der Nord-Süd-Achse (Basel-Brig und Basel-Chiasso) und Ost-West-Achse (St. Gallen-Genf) konzentrieren. Gemäss Blick prüft allerdings auch Flixbus, gemeinsam mit einem lokalen Partner, ein Schweizer Tochterunternehmen zu gründen, um so in den Markt einzusteigen.

Gemäss Verkehrsexperte Thomas Sauter-Servaes von der Fachhochschule ZHAW in Winterthur sind Prognosen darüber, was sich mit der Zulassung von nationalen Fernbuslinien für den Konsumenten konkret ändert, derzeit schwierig. In Deutschland habe es nach der quasi vollständigen Liberalisierung des Fernbusverkehrs sehr rasch Fernbus-Angebote sowohl auf frequenzstarken als auch auf von der Bahn unvollständig abgedeckten Strecken gegeben. Im Gegensatz zur Schweiz besteht dort allerdings keine Konzessionspflicht.

Kann ich jetzt zu Dumping-Preisen von Zürich nach Genf fahren?

Panoramastrecke am Lac Léman.
Panoramastrecke am Lac Léman.Bild: KEYSTONE

Über die Tarifgestaltung von Anbietern wie Domo Reisen ist derzeit noch nichts bekannt. Schliesslich steht der Konzessionsentscheid des BAV noch aus. Der Bund wird Konzessionen nur dann erteilen, wenn die Anbieter GA und Halbtax anerkennen. Diese Bedingung sei für die privaten Anbieter sicherlich «ein Wermutstropfen», sagt Verkehrsexperte Sauter-Servaes. «Es ist aber gut vorstellbar, dass sie auf ihren Strecken den Halbtax-Tarif der SBB sowieso preislich unterbieten werden.»

«Auf frequenzstarken Strecken in Deutschland wird vor allem die Zielgruppe der sogenannten ‹Time rich, money poor› angesprochen», sagt Sauter-Servaes. Auf dieses Kundensegment werden sich auch die Schweizer Anbieter fokussieren. Damit gemeint sind Rentner oder Jugendliche, die wenig Geld zur Verfügung haben, denen dafür eine etwas längere Reisezeit nichts ausmacht. Dafür würde den Passagieren die Reisezeit etwa mithilfe schneller WLAN-Verbindungen nutzbar gemacht, meint Suter-Servaes.

Wie reagiert die SBB auf die Konkurrenz durch Fernbusse?

Der SBB-Hauptsitz in Bern.
Der SBB-Hauptsitz in Bern.Bild: KEYSTONE

Bei der SBB betrachtet man Fernbusse im nationalen Verkehr –wie es im internationalen Markt bereits der Fall sei – als Konkurrenz, sagt Sprecher Oliver Dischoe. Er verweist darauf, dass der Konzessionsentscheid des Bundes noch ausstehend sei. Wichtig für die SBB sei, dass «faire und gleiche Rahmenbedingungen» für alle Anbieter einen echten Wettbewerb ermöglichten. Dies gelte insbesondere bei den Arbeitsbedingungen, der Sicherheit und der Einhaltung des Behindertengleichstellungsgesetzes.

Für die SBB stellen parallele Fernbus-Angebote «im gut ausgebauten und eng abgestimmten ÖV-System keinen echten Mehrwert dar». Es werde an der Solidarität der Tarifsysteme im Schweizer ÖV gerüttelt, wenn ein Anbieter Rosinen herauspickt, indem «nur profitable Leistungen und für gewisse Linien Billigstpreise angeboten werden».

Kann ich bald überall in der Schweiz mit der Deutschen Bahn hinfahren?

Nein, der Bundesrat prüft lediglich, ob ausländische Bahnunternehmen im grenzüberschreitenden Verkehr zukünftig auch ohne Kooperation mit der SBB Passagiere auf Schweizer Schienen transportieren dürfen. So könnte man etwa in Interlaken einen Zug der Deutschen Bahn (DB) nehmen, der weiter nach Hamburg fährt, und in Basel wieder aussteigen. Anders als bisher müsste die DB diesen Zug nicht mehr in Kooperation mit der SBB betreiben. Umgekehrt könnten die SBB theoretisch etwa die Verbindung Zürich-Mailand ohne Kooperation mit den italienischen Staatsbahnen FS betreiben.

Was bringt mir die Marktöffnung im grenzüberschreitenden Schienenverkehr?

Züge der Deutschen Bahn in München.
Züge der Deutschen Bahn in München.Bild: EPA/DPA

Noch hat der Bundesrat in dieser Frage nicht entschieden. Für die SBB braucht es dazu erst eine politische Diskussion. Auf jeden Fall brauche es gleich lange Spiesse für alle. Eine Öffnung dürfe die Errungenschaften des Bahnverkehrs nicht gefährden, sagt SBB-Sprecher Dischoe: «Vor weitergehenden Entscheiden sind deshalb die Chancen und Risiken und möglichen Auswirkungen auf den gesamten ÖV in der Schweiz ganz genau auszuleuchten.» Grundsätzlich nehme man jede Art von Wettbewerb ernst und sei bereit, sich diesem zu stellen. 

Verkehrsforscher Sauter-Servaes glaubt, dass die Öffnung dem Konsumenten helfen könnte: «Wettbewerb tut dem Markt grundsätzlich gut.» Es sei vorstellbar, dass etwa die Deutsche Bahn auf der Strecke zwischen Interlaken und Basel tiefere Preise anbieten wird als die SBB oder regelmässige Kunden mit Rabatten oder anderen Reduktionsmöglichkeiten lockt. «Auch bei Dienstleistungen wie etwa Gastronomie oder WLAN haben die Anbieter die Gelegenheit, sich gegenüber der Konkurrenz zu profilieren.» Auch für die SBB eröffneten sich Marktlücken in den Nachbarländern.

Kommt nun das Ende von Kooperationen zwischen SBB und ausländischen Bahnen wie dem TGV Lyria?

Bild: KEYSTONE

Die bestehenden Kooperationen funktionierten gut und werden weiter ausgebaut, heisst es bei der SBB. Es sei laufend in den internationalen Verkehr investiert und ein attraktives Angebot mit täglichen Verbindungen nach Deutschland, Frankreich, Italien und Österreich geschaffen worden. Dieses Angebot wird gemeinsam mit den Partnerbahnen weiterentwickelt und ausgebaut. Thomas Sauter-Servaes kann sich dennoch vorstellen, dass die SBB künftig gewisse Kooperationen mit ausländischen Partnern aufgebe und die grenzüberschreitenden Verbindungen im Alleingang anbiete.

Was bedeutet die Marktöffnung für das gesamte Verkehrssystem?

Verkehrsexperte Thomas Sauter-Servaes zieht ein insgesamt positives Fazit zu den Ankündigungen des Bundesrats. Mehr Wettbewerb könne zu einem besseren Angeboten für die Konsumenten führen. Wichtig sei, dass der Wettbewerb fair bleibe und alle Anbieter gleich lange Spiesse hätten – indem etwa Dumpinglöhne durch ausländische Anbieter verhindert würden. Auch die Frage der Infrastruktur-Kosten der verschiedenen Anbieter auf Schiene und Strasse müsse miteinbezogen werden.

Auch für die Umwelt sieht Sauter-Servaes positive Effekte: «Je attraktiver der öffentliche Verkehr insgesamt ist, desto mehr Leute nutzen ihn und desto nachhaltiger und umweltfreundlicher wird das Verkehrssystem als Ganzes.» (cbe)

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46 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Wasmeinschdenndu?
19.10.2017 20:57registriert April 2015
Funktioniert nicht! Weder in England noch in Schweden, wo man ebenfalls den ÖV liberalisiert hat, bringt das System Vorteile. Ganz im Gegenteil, die SBB wird geschwächt durch dumpingpreis-Konkurrenz und unrentable Linien werden gar nicht mehr berücksichtigt, für den Kunden also denkbar schlecht...
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mein Lieber
19.10.2017 20:55registriert November 2015
Briefkastenfirmen ahoi...
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Gustav.s
20.10.2017 05:11registriert September 2015
In ein paar Jahren wird die Privatwirtschaft rentable Strecken aussaugen und der Steuerzahler zahlt noch mehr für den Rest.
Oder es gibt keinen Rest mehr.
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