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Hochpreisinsel Schweiz: Warum Digitec-Dobler nun Zahnpasta an den Internet-Pranger stellt

Den Kampf gegen Hochpreisinsel und Einkaufstourismus will Marcel Dobler politisch gewinnen. Dafür bedient sich der Digitec-Gründer eines mittelalterlichen Instruments, das er in ein digitales Gewand gekleidet hat.
05.10.2015, 07:2905.10.2015, 08:28
Fabian Hock / Aargauer Zeitung

Haben Sie am Wochenende in Deutschland eingekauft? Fleisch zum Beispiel, oder Handcreme? Dann waren Sie nicht alleine. Für stolze 11 Milliarden Franken kaufen Schweizerinnen und Schweizer dieses Jahr im Ausland ein.

Oder aber Sie sind hart geblieben und haben sich nicht von den vermeintlichen Schnäppchen über die Grenze locken lassen. Dann haben Sie sich vermutlich einmal mehr über die zum Teil unverschämt hohen Preise für einzelne Produkte geärgert – sofern Sie sich noch nicht damit abgefunden haben, für Ihr Duschgel drei Franken und mehr auf den Tisch zu legen.

Marcel Dobler jedenfalls hat sich damit nicht abgefunden. Im Gegenteil: Der Schweiz-Zuschlag bei einzelnen Produkten ärgert ihn so sehr, dass er diese an den Pranger stellt. Im Internet. Vielsagender Name seiner Seite: preispranger.ch. Seit einem Monat ist sie online. Darauf vergleicht Dobler die Preise einzelner Produkte mit denen im Ausland – und kommt auf teilweise gravierende Abweichungen: Mehr als das Dreifache wird von Schweizer Kunden zum Teil verlangt, kritisiert Dobler.

Auf seiner Website vergleicht Marcel Dobler die Preise einzelner Produkte in der Schweiz und im Ausland.<br data-editable="remove">
Auf seiner Website vergleicht Marcel Dobler die Preise einzelner Produkte in der Schweiz und im Ausland.
bild: nordwestschweiz

Von Digitec in die Politik

Dabei könnte es sich Marcel Dobler gut leisten, den einen oder anderen Franken mehr für den Wochenendeinkauf auszugeben. Er ist einer der drei Gründer des Online-Elektronikhändlers Digitec. Als Co-CEO machte er den Internetshop hierzulande zum grössten seiner Art. Letztes Jahr hat das Unternehmen in der Schweiz mehr als eine halbe Milliarde Franken umgesetzt – mehr als Amazon und Nespresso. Dobler stieg nach der Übertragung von 30 Prozent der Firmenanteile an die Migros aus. Aus dem Verkauf soll jeder der drei Digitec-Gründer einen zweistelligen Millionenbetrag erhalten haben.

bild: pr

Nach dem Erfolg mit Digitec zieht es Dobler nun in den Kampf gegen die Hochpreisinsel – und in die Politik. Für die FDP St. Gallen kandidiert er für einen Sitz im Nationalrat. Hinter seinem Preispranger steht denn auch eine politische Motivation: «Es ist ein Projekt, um die Initiative von Ständerat Hans Altherr zu unterstützen», sagt Dobler. Diese widmet sich den überhöhten Importpreisen und plädiert für die «Aufhebung des Beschaffungszwangs im Inland».

Für Dobler liegt hier das Hauptproblem. Die Hersteller zwängen die Händler, die Produkte zu überteuerten Preisen vom jeweiligen Schweizer Tochterunternehmen zu kaufen und blockierten den günstigeren Parallelimport. «Es fehlt die gesetzliche Grundlage, um den Parallelimport erzwingen zu können», sagt Dobler. Die Beschaffungsfreiheit sei der entscheidende Hebel im Kampf gegen zu hohe Preise — und damit letztlich auch gegen den Einkaufstourismus. 

Kommt hinzu, dass die Hersteller sehr unterschiedlich vorgingen: «Einige verlangen einen Schweiz-Zuschlag, andere nicht», sagt Dobler. Er kenne das aus seiner Zeit bei Digitec: «Die Elektronikbranche ist hier vorbildlich», so der Ex-CEO. Hersteller wie etwa Canon verzichteten bei Elektronikprodukten vollständig auf einen Schweiz-Zuschlag.

Über alle Branchen hinweg

Die Elektronikbranche bleibt jedoch die Ausnahme. Auf seiner Seite hat Dobler Beispiele aus den Bereichen Nahrungsmittel, Kleidung, Kosmetik und Pharma zusammengetragen – und angeprangert. Aktueller Spitzenreiter ist die Zahnpasta «Dentagard» von Colgate Palmolive. Sie kostet beim Onlinehändler LeShop satte 265 Prozent mehr als im Onlineshop der deutschen Drogerie Rossmann. Ohne Mehrwertsteuer: Fr. 2.39 zu Fr. 0.66 Franken.

Dominique Locher ist Geschäftsführer der Migros-Tochter LeShop. Er sagt: «Wir wollen generell in der Schweiz einkaufen.» Den Preisunterschied bei «Dentagard» erklärt er so: «Das ist ein Randartikel, den es im Sortiment der Migros nicht gibt. Deshalb profitieren wir hier nicht vom grösseren Einkaufsvolumen der Migros.» Ein Parallelimport würde für den Kunden bei solchen Randprodukten kaum Vorteile bringen, sagt Locher. Bei den kleinen Volumina sei der administrative Aufwand zu gross. «Von unseren rund 13'000 Produkten gibt es nur rund zehn Prozent bei der Migros nicht, bei allen anderen profitieren wir vom günstigeren Einkauf.» Locher weiter: «Übrigens kostet dieser Artikel bei uns im Drive gleich viel wie bei unserem Basler Mitbewerber.»

Jetzt auf

Für den LeShop-Chef hätte die Öffnung für Parallelimporte im konkreten Fall keine Auswirkungen – die Hersteller sehen sie gar als gefährlich an. Die Initiative von Ständerat Altherr habe «nachweislich schädliche Auswirkungen für den Wirtschaftsstandort Schweiz», sagt Anastasia Li, Direktorin des Schweizerischen Markenartikelverbands Promarca. Die Initiative sei ein untaugliches Mittel gegen die Hochpreisinsel Schweiz. «Es wäre weiser, wenn man sich konsequent auf den Abbau von Handelshemmnissen konzentrieren und die Wettbewerbskommission einen Blick auf die Marktmacht des in der Schweiz tätigen Duopols werfen würde», so die Promarca-Direktorin.

Dass der Beschaffungszwang nicht der einzige Grund für die hohen Verkaufspreise in der Schweiz ist, bestätigt auch Marcel Dobler. Im Moment sei es jedoch das drängendste Problem. Wenn dieses gelöst sei, blieb jedoch genug zu tun, sagt er. Aber: «Irgendwo muss man nun einmal anfangen.» (aargauerzeitung.ch)

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