Schweiz
Zürich

Zürcher Linke verlässt Kantonsratssaal wegen SVP-Rede zu Antisemitismus

«Neuer Tiefpunkt» – Linke verlässt Kantonsratssaal wegen SVP-Rede zu Antisemitismus

Im Zürcher Kantonsrat wurde am Montagmorgen der Messerangriff eines 15-Jährigen auf einen orthodoxen Juden verurteilt. Weil die SVP mit dem Finger auf eine bestimmte Gruppe zeigte, verliess die Linke den Ratssaal.
04.03.2024, 10:5504.03.2024, 15:29
Folge mir
Mehr «Schweiz»

Am Samstagabend passierte in Zürich Schreckliches: Ein 15-Jähriger stach mit einem Messer auf einen 50-jährigen orthodoxen Juden ein, dass dieser lebensbedrohlich verletzt ins Spital gebracht werden musste.

«Die Hintergründe und der Tathergang sind unklar. Die laufenden Ermittlungen der Kantonspolizei Zürich sowie der zuständigen Jugendanwaltschaft gehen in alle Richtungen und schliessen explizit auch die Möglichkeit eines antisemitisch motivierten Verbrechens mit ein», schrieb die Stadtpolizei Zürich in einer Mitteilung.

Gemäss mehreren Zeitungsberichten äusserte sich der 15-jährige Schweizer vor dem Angriff klar antisemitisch. Laut des jüdischen Wochenmagazins Tachles.ch soll der Jugendliche zu ankommenden Passanten «Ich bin Schweizer. Ich bin Muslim. Ich bin hier, um Juden zu töten» gerufen haben. Wie die NZZ schrieb, hätten Zeugen berichtet, dass der Jugendliche kurz vor der Tat «Allahu Akbar» (arabisch: Gott ist gross) und «Tod allen Juden» gerufen habe.

Zusammenstehen gefordert

Die schreckliche Tat hielt die ganze Schweiz am Wochenende in Atem. Auch an einer Mahnwache am Sonntag beim Bahnhof Selnau erschienen mehrere Hundert Personen. Ihre Botschaft ist klar: «NeverAgainIsNow».

In einer Mitteilung schrieb Ralph Lewin, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes, dass der «Druck auf die jüdische Gemeinschaft» bereits seit dem 7. Oktober gross sei. «Die jetzige Attacke reisst ein grosses Loch in das empfindlich gestörte Sicherheitsgefühl. Das jüdische Leben muss aber weitergehen. Angst und Verunsicherung dürfen nicht überhandnehmen. Hier sind die Behörden, die Politik und die gesamte Gesellschaft gefragt. Ein Zusammenstehen ist unabdingbar.»

Thema war der Angriff vom Samstagabend deshalb auch am Montagmorgen im Zürcher Kantonsrat. Justizdirektorin Jacqueline Fehr verurteilte die Tat aufs Schärfste. Antisemitismus und alle Formen von Rassismus hätten in der Gesellschaft keinen Platz, so Fehr. Für Aufregung gesorgt hat im Kantonsrat aber eine Erklärung der SVP.

«Grundfalsch und verwerflich»

Wie Thomas Forrer, Fraktionspräsident der Grünen auf X (ehemals Twitter) schrieb, habe die SVP die «Linke für die schreckliche Messerattacke auf einen Juden in Zürich verantwortlich gemacht». Daraufhin hätten Grüne, SP und AL den Saal verlassen.

Auf Nachfrage von watson erklärt Forrer: «Es ist grundfalsch und demokratisch verwerflich, dass die SVP die antisemitische Messerattacke für ihr politisches Programm instrumentalisiert». Nun sei es Zeit, um zusammenzuhalten und gegen Antisemitismus und Rassismus generell zu sensibilisieren.

Tobias Weidmann, SVP-Fraktionspräsident, sagt zu watson:

«Wir haben den antisemitischen Vorfall in aller Form verurteilt. Wir wollen aber auch aufzeigen, wo das Problem liegt. Heutzutage geht Antisemitismus vor allem von kleinen Gruppierungen im Islambereich aus, von Migranten und von antikapitalistischen Linken.»

Konkret sagte Weidmann im Ratssaal: «Mit dem völlig aus dem Ruder laufenden Asylchaos importieren wir teilweise eine ganz neue Generation an Antisemiten.» Und: Der heutige Antisemitismus trage «meist keine Springerstiefel, sondern Arafat-Tuch oder Che-Guevara-T-Shirt.»

Gegen den Vorwurf, den schrecklichen Angriff politisch auszunutzen, wehrt sich Weidmann:

«Uns geht es nicht darum, die Linke anzugreifen, sondern Probleme zu eruieren. Aus dem Ratssaal zu laufen ist keine Lösung.»

Grüne fordern Aktionsplan

Die Grünen stellten fest, dass sie schon seit zwei Jahren einen Aktionsplan Rassismus und Antisemitismus forderten. Die zunehmenden Vorfälle zeigten, dass es einen solchen dringend brauche, teilten die Grünen Schweiz am Montag mit.

Ein entsprechender Vorstoss sei von mehr als der Hälfte der Nationalratsmitglieder unterschrieben worden. «Der Bundesrat wollte aber untätig bleiben», kritisieren die Grünen. Aufgerüttelt durch die zunehmenden Vorfälle habe die Staatspolitische Kommission des Nationalrats (SPK-N) im November den Ball schliesslich aufgenommen und einen zusätzlichen Vorstoss eingereicht. Dieser werde am Donnerstag im Nationalrat diskutiert. Es brauche dringend die Zustimmung, um Antisemitismus und Rassismus in unserer Gesellschaft endlich wirksam zu bekämpfen.

Mit Material der Nachrichtenagentur SDA.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
309 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Dub_SF
04.03.2024 11:16registriert Mai 2020
Genauso sehr wie Antisemitimus nervt mich das Verhalten der Politiker: aus allem und jenen wird versucht Profit zu schlagen: die eine Seite diskreditiert den politschen Gegner, die andere regiert über und macht einen auf Empörung.
Nur noch Kindergarten und festhalten an der eigenen Position anstatt Dialog, Kompromisse und Konsens. 🤮
38337
Melden
Zum Kommentar
avatar
RichiZueri
04.03.2024 11:31registriert September 2019
Wie wäre es, wenn irgendjemand unserer Volksvertreter anstelle eines "neuen Tiefpunktes" mal einen "neuen Höhepunkt" liefert, indem konkrete Vorschläge zur Problemlösung erarbeitet werden, anstelle bloss dauernd gegen die Gegenseite zu schiessen?
32211
Melden
Zum Kommentar
avatar
T13
04.03.2024 11:21registriert April 2018
Wie im Kindergarten.
Die Aufgabe der Politik sollte es doch sein solche Punkte zu analysieren und entsprechend zu handeln.
Nicht nur mit dem Finger auf etwas zu zeigen oder strikt alles abzublocken und sich die Ohren zuzuhalten wenn einem etwas nicht passt.
20821
Melden
Zum Kommentar
309
Schweiz betreibt zu wenig Klimaschutz: «Politiker haben im Bahnausbau falsche Prioritäten»
Die Schweiz muss dringend in den Fernverkehr investieren, sagt Guido Schoch. Der ehemalige Direktor der Verkehrsbetriebe Zürich findet, in der Politik würden falsche Prioritäten gesetzt.

Herr Schoch, der Europäische Menschengerichtshof hat die Schweiz gerügt, zu wenig für den Klimaschutz zu machen. Nun stimmen wir im Herbst über einen Autobahnausbau ab und gleichzeitig steckt der Bahnausbau fest. Was ist los in der Politik?
Guido Schoch:
Die Politikerinnen und Politiker setzen falsche Prioritäten. Gerade was den Klimaschutz angeht, bin ich überzeugt, dass man viele Menschen zum Wechsel vom Auto auf den Zug bewegen könnte. Vorausgesetzt, man baut das Bahnangebot kundenorientiert aus.

Zur Story