SBB bauen ihren «Schüttelzug» um – so ruhig ist der neue FV-Dosto wirklich
Bei der Abfahrt aus dem Bahnhof Bern muss sich Reto Liechti kurz festhalten. Der SBB-Manager steht im Oberdeck eines FV-Dosto und verspricht vor den Medien, dass die Bahn «ein neues Kapitel» beim ewigen Problemzug aufschlägt. Es ruckelt. «Dieser Zug ist nicht der ruhigste», stellt der Leiter Produktion Personenverkehr der SBB trocken fest.
Die Szene ist kalkuliert. Denn auf der Fahrt von Bern nach Zofingen möchte Liechti bei einem herkömmlichen Dosto zeigen, wo die Probleme liegen. Und diese machen sich kurz nach der Abfahrt bemerkbar. Die ursprünglich als bahnbrechend angepriesene Wankkompensation sorgt in den Zügen des Herstellers Alstom für erhebliche Schwankungen. «Das ist nicht das, was wir uns für die Kundschaft wünschen», sagt Liechti.
Die Kundschaft ist tatsächlich wenig begeistert. Nicht umsonst hat der Volksmund dem Dosto den wenig schmeichelhaften Übernamen «Schüttelzug» verpasst. Ein Pendler fasst es im SBB-Forum treffend zusammen:
Auch beim Personal ist der Frust gross. Die Zugbegleiter klagen über Hüft- oder Knieprobleme und lassen sich teilweise von der Arbeit im FV-Dosto dispensieren.
Bessere Federung und Dämpfung
Deshalb haben die SBB kürzlich angekündigt, die 62 Dosto-Züge umzubauen. Die Bahn entfernt dazu in Zusammenarbeit mit Alstom die sogenannte Wankkompensation und baut die Drehgestelle um. Das soll insbesondere die Federung und die Dämpfung verbessern. Die Übung lassen sich die SBB 90 Millionen Franken kosten. Unter dem Strich, so die Rechnung, soll der Umbau diese Investition wieder reinspielen. Dies, weil die Drehgestelle einfacher zu warten seien. Die Arbeiten erfolgen in der Schweiz innerhalb der ohnehin vorgesehen Zyklen. In der Regel kommt der Dosto alle acht Jahre in die reguläre Revision.
Der Umbau ist der Versuch, das Dosto-Debakel doch noch in die richtige Bahn zu lenken. Die Beschaffung verfolgt die SBB nämlich seit Jahren. Nicht nur lieferte der Hersteller Bombardier – heute Alstom – die Züge 2018 mit massiver Verspätung aus. Auch ein Kernversprechen konnte er nicht einlösen.
Die SBB hatten die FV-Dosto-Züge eigentlich spezifisch wegen der Wankkompensationstechnologie für rund 2 Milliarden Franken gekauft. Sie sollte eine neue Ära einläuten. Der Zug sollte in den Kurven schneller fahren und die Reisezeit zwischen Bern und Lausanne verkürzen. Durch diese Zeitgewinne hätte der Fahrplan derart optimiert werden können, dass milliardenteure Investitionen in die Infrastruktur hinfällig geworden wären. Doch dieser Plan löste sich in Luft auf.
Erste Verbesserungen sind spürbar
Auf der Rückfahrt von Zofingen nach Bern ist denn auch keine Rede mehr von schnellen Kurvenfahrten und Zeiteinsparungen. Die SBB sind heute froh, wenn die Züge möglichst schüttelfrei ans Ziel kommen.
Dass sich der angekündigte Umbau lohnt, will Reto Liechti nun im ersten aufgerüsteten FV-Dosto überhaupt demonstrieren. Nach der Hinfahrt von Bern nach Zofingen lädt er zur Testfahrt zurück nach Bern. Dieser nachgebesserte Zug darf noch nicht kommerziell verkehren, dafür fehlt noch die Bewilligung des Bundesamts für Verkehr. Diese wird voraussichtlich im Sommer vorliegen.
Tatsächlich fährt der Zug mit den optimierten Drehgestellen spürbar sanfter, insbesondere bei der Einfahrt in den Bahnhof Bern. Auch davor verhält er sich in den Kurven weniger «nervös». Und das notabene im Oberdeck, der notorischen Problemzone des «Schüttelzugs». Die Frage ist: Reicht das, damit der Schüttelzug seinen Übernamen loswird?
Die SBB sind davon überzeugt, dass auch die Kundschaft die Verbesserungen bemerken wird. Die Bahn hat im ersten Testzug Messungen durchgeführt. Diese zeigen: Die «seitlichen Beschleunigungen» reduzierten sich im Schnitt um gut einen Drittel. Die Rückmeldungen von Zugbegleitern oder Bistro-Mitarbeitenden seien dementsprechend positiv gewesen, heisst es.
Alstom muss nicht zahlen
Für die Bundesbahnen steht viel auf dem Spiel. Schliesslich handelt es sich beim Dosto nicht nur um eine Milliardenbeschaffung. Der Zug ist auch das Flaggschiff des Fernverkehrs. Umso grösser wäre der Ärger, wenn das Schütteln trotz Umbau nicht aufhören würde.
Doch so sicher sich die SBB dabei sind, den Fahrkomfort spürbar verbessern zu können: Der Umbau erfolgt nicht überstürzt. Erst wird Mitte Jahr ein zweiter Zug aufgerüstet, um die Serienproduktion vorzubereiten. Der schrittweise Umbau erfolgt dann ab Ende Jahr. Bis die Fahrgäste flächendeckend auf mehr Komfort zählen können, dauert es noch bis Anfang der 2030er-Jahre.
Bemerkenswert ist, dass der Hersteller Alstom sich finanziell nicht am 90-Millionen-Paket zur Aufrüstung der Züge beteiligt. Allerdings finanziert Alstom im Rahmen eines Kompensationspakets «die Aktivitäten bis und mit Erteilung der Zulassung des umgebauten Drehgestells».
SBB-Chef Vincent Ducrot äusserte sich kürzlich im Interview mit CH Media selbstkritisch zur damaligen Beschaffung: Obwohl man damals die Wanktechnologie intensiv getestet habe, sei man von der Realität eingeholt worden.
Diese Entscheidung wirkt also weiterhin nach. Bis alle Züge umgerüstet sind, heisst es deshalb: Im Zweifelsfall festhalten. (aargauerzeitung.ch)
