Punk ist gesund
Ach, war das schön! Endlich wieder mal so ein richtiges Punkkonzert.
Also, ein richtiges.
Ergo in einem besetzten Haus.
Nichts da mit Toten Hosen im Letzigrund schauen gehen für 100 Schtutz das Ticket. Ich rede hier von einem Konzertabend mit drei Bands in einem kleinen Clubraum in einem Oldschool Squat.
Wo die Musik laut und schnell ist. Und wütend. Und einem direkt ins Gesicht knallt.
Und wo die Leute alle freundlich und lieb und gutgelaunt sind. Und das Bier kostet zwei Franken.
«Eintritt: 5.-, 10.- oder 15.-», steht da bei der Kasse. «Du kannst selbst wählen», so die Erläuterung der netten Leute hinter dem Tresen, «wie es für dich gut ist».
Aber es geht mir hier nicht um den Preis. Live-Musik soll ihren verdienten Wert haben – Geld dafür reut mich nicht. Noch geht es mir hier um irgendwelche Nostalgie, obwohl das Post Squat – so der Name des autonomen Sozialzentrums und Veranstaltungsorts im unbenutzten Postgebäude am Wipkingerplatz – doch einige alte Erinnerungen an Nächte in der Wohlgroth wachrief. (Ja. Die Wohlgroth. That's how old I am.) Scheinbar sind auch die jungen Leute der Besetzerszene sich ihres kulturellen Erbes bewusst, schliesslich steht «ZUREICH» auf dem Flyer.
Mir geht es hier schlicht um das persönliche Erlebnis und um die Erkenntnis, wie wichtig solche Erlebnisse für das emotionale Wohlbefinden und die psychische Gesundheit sind.
Ich gehe eigentlich nicht oft auf Konzerte wenn ich nicht auf Reisen bin, aber wenn ich es doch mal tue, möchte ich, dass die Musik geil ist. Und Mann, haben diese Bands abgeliefert! Leider verpasste ich die erste Band – Nothing Works aus Berlin –, aber es wurde mir gesagt, sie seien super gewesen. Als Nächstes waren Shöck aus Bilbao an der Reihe, mit der schlicht grossartigen Micky Paiano am Leadgesang. Laut und schnell. Immer wieder mal ein catchy Mitsing-Refrain. Keine Gefangenen.
Wow. Lässt sich dieses Level an Energie und Intensität überhaupt noch steigern? «Hold my beer», sagen uns Dummy Toys aus Qingdao (passenderweise die Bierhauptstadt der Volksrepublik China … haha gecheckt?).
BÄM – es ist ein regelrechter Schlag in die Magengrube, den einem die vier Damen versetzen. Wütendster Screamo-Punk. Keine Pausen zwischen den Songs. Und nach dem letzten Song gibt's keine Zugabe. Because fuck you I won't do what you tell me. Die hässigsten Frauen ganz Chinas (sind sie natürlich nicht, sondern, wie wir alle nach dem Gig feststellen durften, die nettesten, lustigsten Girls ever.)
Ach, wisst ihr, das Ganze hat einfach etwas wunderschön … Seelenreinigendes. Ja, genau – das ist es. Kathartisch.
Hey, uns wird ja immer gesagt, wir sollen auf uns achten. Nicht zu viel trinken. Das Gehör schonen. Früh ins Bett gehen, weil am nächsten Morgen ein voller Arbeitstag ansteht. Einfach generell vernünftig und verantwortungsbewusst sein.
Jap, das ist alles sinnvoll und gesund.
Aber wisst ihr, was auch gesund ist? Das Leben in vollen Zügen zu geniessen. Etwas für die Seele zu tun.
Ich bin fest davon überzeugt, dass die positiven Auswirkungen auf die emotionale Gesundheit, die das multisensorische und soziale Erlebnis eines Konzertbesuchs mit sich bringt, jegliche körperlichen Bedenken bei weitem überwiegen – sei es wegen des einen Bieres, auf das man hätte verzichten sollen, des Ohrensummens am nächsten Morgen oder der Stunde Schlaf, die man verpasst hat.
Punk ist gesund, könnte man direkt sagen.
Oder allgemeiner: Leute, geht raus. Geht an die kleinen bis mittelgrossen Veranstaltungen. Schnappt euch ein Bier und zieht euch Live-Musik rein (welcher Stil euch auch am besten gefällt). Und geht nach dem Gig mit den Musikern und Musikerinnen kurz schwatzen. Und wenn ihr dann feststellt: Ui, jetzt ist es aber später geworden als ursprünglich geplant – macht nichts. Ihr tut etwas für eure psychische Gesundheit.
Bonus:
Meine lausigen Handy-Videos einzubinden, geht nicht (Reklamationen bitte an unsere IT richten). Deshalb stellvertretend: Hier andere lausige Handy-Videos von anderen Gigs, um einen Eindruck zu bekommen. Hier ist Shöck:
Hier die Dummy Toys:
Und hier noch zwei offizielle Videoclips. Shöck mit «No son para mi» …
… und Dummy Toys mit «S.O.S.»
Keep on rockin', allerseits.
