Und nun einfach mal 14 unglaublich coole Bilder aus der Musikgeschichte
Der «Clash» der Kulturen
Shea Stadium, New York, Oktober 1982
The Clash trifft Andy Warhol: Das Treffen im Oktober 1982 war kein Zufall, sondern ein PR-Geniestreich von Susan Blond (2. v.l.). Die Epic-Records-Vizepräsidentin und ehemalige Warhol-Vertraute wollte Punk als moderne Kunst adeln. Während Warhol die Band fasziniert als Kunstobjekte betrachtete, blieb Clash-Sänger Joe Strummer skeptisch. Er sah in dem «High-Society-Typ» (Zitat Strummer) Warhol einen «kulturellen Vampir», der sich an rebellischen Subkulturen labte, um relevant zu bleiben. Dennoch erreichte Blond ihr Ziel: Das Foto ging um die Welt und zementierte den Moment, in dem Punk, Pop-Art und Stadion-Rock im kulturellen Zentrum verschmolzen.
«Engel trifft Bär»
Capitol Studio, Los Angeles, August 1956
Die Collab von Ella Fitzgerald und Louis Armstrong gilt als Sternstunde des Jazz. In den damals brandneuen Capitol Studios in Los Angeles vereinten sich zwei absolute Giganten des Genres für das Album «Ella and Louis». Die Begleitband war niemand Geringerer als das Oscar Peterson Trio zusammen mit Schlagzeuger Buddy Rich, die den Sängern ein perfekt eingespieltes Fundament boten, sodass auf Proben komplett verzichtet wurde. Die Chemie war so unmittelbar, dass die meisten Tracks nach nur wenigen Takes im Kasten waren. «Engel trifft Bär», schrieben die Kritiker begeistert – Ellas kristallklare Perfektion traf auf Louis’ markantes, kiesiges Timbre – eine Paarung, die bis heute fasziniert.
Und jetzt alle: «Jööö!»
Disney-MGM Studios Theme Park, Orlando, Florida, 22. Oktober 1994
Erkannt? Richtig – das sind Britney Spears (damals 12 Jahre alt) und Christina Aguilera (13). Bevor sie als Pop-Erzrivalinnen der Jahrtausendwende die Charts dominierten, waren sie Kolleginnen im «Mickey Mouse Club» gewesen – jenem legendären Disney-Bootcamp, das als Varieté-Show in die Wohnzimmer einer ganzen Generation flimmerte. Was von aussen wie stimmiges Kinder-TV rüberkam, war letztlich eine knallharte Kaderschmiede, die Kindheit gegen eiserne Disziplin tauschte – nicht ohne Erfolg, wie sich zeigen sollte: Nebst Britney und Christina sollten auch ihre Klassenkameraden Justin Timberlake, Ryan Gosling, JC Chasez und Keri Russell sich zu erfolgreichen Showbiz-Grössen mausern. Haha: «mausern» mit Mickey Mouse – OK, Schnauze, Oliver!
Als Reggae noch «rude» war
Studio One, Kingston, Jamaica, 1964
Okay, der ganz harte Rude-Boy-Style mit Pork-Pie-Hüten und Hochwasserhosen ist das hier noch nicht. Vielmehr präsentieren sich Bob Marley, Peter Tosh, Beverly Kelso und Bunny Wailer (v.l.) als glamouröses Doo-Wop-Quartett – was sie damals irgendwie auch waren (zumindest im musikethnologischen Sinne). Dieses Promofoto entstand zur Zeit ihres ersten grossen Ska-Hits «Simmer Down». Hinter dieser polierten Fassade aus der Kaderschmiede von Produzenten Coxsone Dodd brodelte jedoch schon die Energie, die wenig später die Weltmusik revolutionieren sollte. Dieses Bild fängt den Augenblick ein, in dem der amerikanische Rhythm'n'Blues seinen jamaikanischen Vibe entdeckte – und zum Reggae mutierte.
«Da oben steht mein Name – Miles Davis»
Birdland Club, New York, 26. August 1959
Wenige Wochen nach den Aufnahmen zu seinem legendären Album «Kind of Blue» steht Trompeter Miles Davis vor dem New Yorker Jazzklub Birdland. Als er in einer Spielpause frische Luft schnappt, fordert ihn ein Polizist auf, weiterzugehen. Miles antwortet: «Ich arbeite hier. Da oben auf der Leuchtreklame steht mein Name: Miles Davis.» Die Situation eskaliert brutal, ein herbeieilender NYPD-Detective schlägt ihm ohne Vorwarnung den Kopf blutig und Miles wird verhaftet und zum Revier mitgenommen. Davis erinnerte sich später: «Blut lief mir über den Anzug. Aber ich sass einfach da, nahm alles in mich auf und beobachtete jede ihrer Bewegungen.» Sein Stolz blieb zeitlebens ungebrochen. Jahre später, als er regelmässig von der Polizei angehalten wurde (weil er als Schwarzer einen Ferrari fuhr), installierte er ein Autotelefon, um bei jedem Stopp sofort seinen Anwalt live mitschalten zu können. Er hatte gelernt, dass seine Berühmtheit ihn nicht schützte – seine Wachsamkeit hingegen schon.
Schicksalslinien: Django und Édith
Théâtre de l'ABC, Paris, Januar 1947
Man nannte ihn le gitan («der Zigeuner»), sie la môme («das Spätzchen»). Django Reinhardt, Erfinder des Gypsy Jazz, des Jazz Manouche, jene virtuose Verschmelzung aus Sinti-Tradition und Swing, und zu jenem Zeitpunkt der grösste lebende europäische Jazzmusiker, besucht Édith Piaf, die Seele des französischen Chansons, in ihrer Garderobe im Théâtre de l'ABC. Beide stammten von der Strasse, beide waren Autodidakten und beide hatten die Musik ihrer Zeit revolutioniert. Es war das Aufeinandertreffen zweier Instinktmusiker, die keine Noten lesen konnten, aber das Leben in all seiner Härte und Schönheit in Poesie zu verwandeln verstanden. Welche Zukunft wohl Édith da aus Djangos Hand lesen konnte?
Raw Power
Whisky A-Go-Go, West Hollywood, 30. Oktober 1973
«Raw Power» – rohe Kraft – so der Titel des 1973er-Albums von The Stooges. Raw power ist auch die beste Beschreibung für den Auftrittsstil ihres Sängers Iggy Pop: ungebändigt, exzessiv, leidenschaftlich und ohne jegliche Angst vor Verlusten. Er war Punk, bevor Punk überhaupt existierte – und er ist es auch heute noch, mit 78 Lenzen – und weiterhin auf Tour. Das, liebe Kinder, nennt man Rock'n'Roll.
Strand-Yoga wider die Rassentrennung
Durban, Südafrika, 1958
Eartha Kitt war weit mehr als nur Sängerin oder Schauspielerin; sie war eine Naturgewalt, bekannt für ihr exzentrisches Auftreten und ihre einzigartige, rauchige Stimme, die sich regelrecht wie das Schnurren einer Katze anhörte. Letzteres spielte sie bewusst aus, indem sie in hautengen Catsuits das «katzenhafte» Element in ihren Tanzchoreografien zur Schau stellte – ohne Zweifel der Hauptgrund, weshalb man sie 1967 für die Rolle als Catwoman in der TV-Serie «Batman» verpflichtete. Kitts Südafrika-Tournee anno 1958 war damals hochgradig umstritten. Die Apartheid hatte das Land fest im Griff, doch Kitt weigerte sich, vor einem ausschliesslich weissen Publikum aufzutreten, und setzte integrierte Zuschauerreihen als strikte Vertragsbedingung durch. Das südafrikanische Regime wertete dies als massiven Affront. Derweil warfen Kritiker ihr vor, durch ihre blosse Anwesenheit das System zu legitimieren. Letztendlich war dies bloss eines von vielen Beispielen, die Kitts Bereitschaft zeigten, Missstände aktiv anzugehen – so auch anno 1968, als sie an einem White House Dinner unverblümt ihre Meinung zum Vietnamkrieg äusserte, was ein Blacklisting und eine CIA-Überwachung zur Folge hatte.
«Ein trauriger Tag für die Musik und ein trauriger Tag für mich»
Gold Star Studio, Hollywood, November 1963
Das Leid von Ronnie Spector, der gewaltigen Stimme der Ronettes, ist durch ihre schonungslose Autobiografie über die missbräuchliche Ehe mit dem megalomanischen Phil Spector (im Foto hinten) wohlbekannt. Umso mehr überraschte ihr Facebook-Post zu seinem Tod am 16. Januar 2021 – Spector sass zu diesem Zeitpunkt wegen Mordes an der Schauspielerin Lana Clarkson im Gefängnis: «It’s a sad day for music and a sad day for me.» Zurückblickend fühlten sich die Anfänge an «wie ein Märchen», schrieb sie; er war als Produzent «der absolut Beste», aber «ein lausiger Ehemann». Letzteres ist wohl die Untertreibung des Jahrhunderts – seine Misshandlungen sind gut dokumentiert. Doch Ronnie hatte abgeschlossen. Mit ihren Worten erinnerte sie uns – vielleicht unbewusst – an eine fundamentale Wahrheit: Spectors «Wall of Sound» und seine viel gerühmte Genialität wären NICHTS wert ohne die Gesangsstimmen auf seinen Aufnahmen. Die Stimmen der Ronettes, der Crystals, von Darlene Love oder Tina Turner, die unser aller Herzen berührten. Als Ronnie nur ein Jahr später, im Januar 2022, verstarb, wurde sie von Musikfans auf der ganzen Welt betrauert. Als Phil im Gefängnis starb, vergoss die Welt keine Träne. Im Gegenteil, man war froh, ihn los zu sein. Ronnies Stimme indes wird ewig weiterleben.
Königin, Joker, Ass
New Musical Express, London, 1991
Das Kartendeck mit dem Titel «Leader of the Pack» wurde 1991 vom britischen Musikmagazin NME veröffentlicht. Die Karten lagen damals als Sammlerbeilage den wöchentlichen Ausgaben bei. Und ja, natürlich war Shane MacGowan von den Pogues der Joker.
«Es macht etwas mit den Menschen.»
Monument Records, Nashville, 1965
Ein paar Statistiken zu Dolly Parton? Bitte sehr: 100 Millionen verkaufte Tonträger, 110 Singles in den Charts (davon 25 Mal die Nummer 1 der Billboard Country Charts), 8 Grammys, 46 Grammy-Nominationen, 2 Oscar-Nominationen, 10 Country Music Association Awards, 7 Academy of Country Music Awards, 3 American Music Awards, 3000 selbst komponierte Songs, ein eigener Freizeitpark (Dollywood), 2 Kochbücher und ein Klonschaf, das nach ihr benannt wurde. Doch anno 1965 stand Dolly noch am Anfang ihrer Karriere … obwohl ganz am Anfang auch wieder nicht, hatte sie doch bereits mit 11 Jahren ihre erste Platte veröffentlicht und war danach über Jahre regelmässig in lokalen Radio- und Fernsehsendungen im Osten Tennessees aufgetreten. Und in Nashville war sie bereits seit mehreren Jahren eine erfolgreiche Songwriterin gewesen, bevor Monument Records 1965 beschloss, ihre Gesangskarriere zu starten. «Monument's new star, Dolly Parton», steht da auf der Werbung, welche das Label schaltete. «She sings ‹Happy Birthday, Baby›. It does things to people.» Wie wahr: Es macht was mit den Menschen, wenn sie singt.
«Danke, Nashville. Danke für nichts.»
Nashville, Tennessee, April 1994
Obwohl längst eine lebende Legende, hatte Johnny Cash Anfang der 90er-Jahre seit Langem keine Erfolge mehr feiern können – dies nicht zuletzt, weil seine Plattenfirma Mercury Records seine Alben kaum mehr bewarb. Auftritt Rick Rubin, ein Produzent mit Hip-Hop- und Metal-Vergangenheit. Er setzte Johnny Cash allein mit seiner Gitarre vor ein einzelnes Mikrofon und liess ihn ein Album aufnehmen, das jeglichen Konventionen zu trotzen schien. Dennoch wurde es ein überragender Erfolg – nicht zuletzt bei einer völlig neuen Generation junger Fans. Diese «American Recordings», benannt nach Rubins Label, zeigten Johnny und seine Gitarre bei der Interpretation uralter Mordballaden und Coverversionen von Grunge-Songs. Für die Promo wurde ein altes Live-Foto hervorgekramt und mit der ironischen Widmung versehen, «American Recordings und Johnny Cash möchten dem Nashville-Musik-Establishment und dem Country-Radio für ihre Unterstützung danken».
Du bist vielleicht cool, aber ...
Warner Brothers Studio, Burbank, Kalifornien, 1964
... aber bist du so cool wie Frank Sinatra, in Anzug, Krawatte und Hut, der mit einem Glas Jack Daniels in der Hand einem Helikopter entsteigt? Wohl kaum. Wohl kaum. Ausser, du bist ...
... James Brown.
«Black Excellence»
Los Angeles, 1969
Nein, Frank Sinatra, nicht einmal du bist so cool wie James Brown, The Godfather of Soul, der da in seinem Massanzug vor seinem brandneuen Lincoln Continental und seinem eigenen Privatjet posiert – und danach wohl zu einem Gig fährt, wo er wieder einmal eine seiner crazy energiegeladenen Performances gibt, die bis heute ihresgleichen suchen. James Brown schrieb 1966 Geschichte als erster Afroamerikaner, der einen Privatjet besass. Er kaufte einen Learjet 23, der seine Tourneen und den Kontakt zu seinen Fans grundlegend veränderte. Der Jet wurde zu einem starken Symbol für Freiheit und Möglichkeiten der Schwarzen in einer Zeit, die von starker Rassentrennung geprägt war. Ein Symbol für herausragende Fähigkeiten und Leistungen – für Black Excellence.
