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Ambri feiert vor eindrücklicher Kulisse den Sieg gegen Ajoie.
Ambri feiert vor eindrücklicher Kulisse den Sieg gegen Ajoie. Bild: keystone
Eismeister Zaugg

«…dann brennen wir Lugano nieder» – der Mythos Ambri im 21. Jahrhundert

Der Mythos Ambri lebt auch in der neuen Valascia. Die neue Arena wird zum Schmelztiegel zwischen Geld und Geist. Noch nie in der Geschichte kamen so viele Zuschauerinnen und Zuschauer zu Ambris Heimspielen. Ein Augenschein vor Ort und ein paar Tage vor dem Derby der Unversöhnlichen.
19.11.2021, 11:2019.11.2021, 12:22

Ein Wunder! Ja, es ist ein Wunder. 5'482 Männer, Frauen und Kinder sind am Dienstag, am Abend eines heiligen Werktages, nach Ambri geeilt, um Ajoie die Aufwartung zu machen. Also nicht einem berühmten, zugkräftigen Gegner. Sondern dem Tabellenletzten. Den Miserablen. Oder, etwas gnädiger: den letzten wahren Romantikern unseres Hockeys.

Wer an diesem düsteren Dienstag die Reise nach Ambri unternommen hat, versteht erst recht, was diese Zahl von 5482 bedeutet. Die lange Fahrt vom Flachland hinauf ins Kerngebirge unserer Eidgenossenschaft und durch einen der längsten Tunnel der Welt hat gerade an einem dunklen Novemberabend etwas Mythisches. Aber diese Reise freiwillig unternehmen? Nur um eines von 52 Qualifikationsspielen zu besuchen? Eher nicht.

Mit Aufsteiger Ajoie war kein prominentes Team zu Gast in Ambri.
Mit Aufsteiger Ajoie war kein prominentes Team zu Gast in Ambri.Bild: keystone

Und doch sind es mehr als 5000, (!) die hinauffahren. Vom Süden, durch die Leventina hinauf und vom Norden her, durchs Urnerland. Und am Ziel wähnt sich der Reisende wie in der Kulisse eines Science-Fiction-Filmes. Still, verlassen, ja gespenstisch liegt das Dorf Ambri da. Die meisten Wirtshäuser geschlossen. Die Fensterläden fast alle verriegelt.

Und auf einmal öffnet sich, von Norden her, links neben dem Dorf das enge Tal der Leventina für den alten Militärflugplatz. Unversehens rollen wir auf den grössten Gratis-Parkplatz der Schweiz. Nirgendwo sonst ist das Parkieren beim Besuch eines Hockeyspiels so bequem. Wie ein Raumschiff – oder wer es mystischer mag: wie eine Arche Noah oder wie die grosse Himmelsmaschine, mit der einst der rüstige Gottesmann Henoch im Alter von 365 Jahren direkt ins Paradies aufgefahren ist – steht der hell erleuchtete Hockeytempel auf dem alten Flugfeld unserer tapferen Luftwaffe.

Die Zeiten, in welchen die Sonne noch regelmässig die Leventina erleuchtete, sind in diesem Jahr vorbei.
Die Zeiten, in welchen die Sonne noch regelmässig die Leventina erleuchtete, sind in diesem Jahr vorbei.Bild: keystone

Dass es beim ersten Spiel in dieser nigelnagelneuen Hockey-Kultstätte am 11. September, an einem freundlichen Samstagabend, gegen Gottéron rockte, war zu erwarten. Eine rauschende Party. Nach einer Saison ohne Publikum endlich, endlich, endlich wieder ein Hockeyspiel erleben! Gegen einen so berühmten Gegner! Aber nun ist der Alltag ins Hockey und der November ins Tal gezogen. Der Gegner heisst – wie schon gesagt – bloss Ajoie. Eine Pflichtübung. Ruhm ist wahrlich keiner zu ernten. Und trotzdem begehren 5482 Einlass.

Im Schnitt sind bisher 6'053 pro Heimspiel gekommen. Ambri ist nach Zuschauerinnen und Zuschauern die Nummer 5 der Liga! Ambri hat mit 89,34 Prozent nach dem meisterlichen Zug (92,14 %) die zweithöchste Stadionauslastung im Land! Noch nie in seiner ganzen Geschichte hat Ambri so viel Publikum mobilisiert! Die bisherige Rekordmarke steht bei 5631 pro Partie (2013/14). Selbst in der sportlich erfolgreichsten Saison der Geschichte, mit dem Qualifikations-Sieg plus verlorenen Final gegen Lugano im Frühjahr 1999, waren es «nur» 4130 im Schnitt. Ambri rockt auch im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts!

Die Begeisterung in Ambri ist so gross wie selten.
Die Begeisterung in Ambri ist so gross wie selten.Bild: keystone

Die Befürchtungen, Ambri könnte seine Magie im neuen Tempel verlieren und zum gewöhnlichen Hockeyunternehmen werden, erweisen sich als unbegründet. Und eigentlich war ja die Fragestellung ungeheuerlich, ob Ambri auch im neuen Stadion funktionieren werde. Wer so fragte, ging ja davon aus, dass es die bröckelnden Mauern einer alten Arena waren, die Ambris Seele ausgemacht haben. Nun zeigt sich: Der Mythos Ambri geht viel tiefer. Der Mythos kommt aus dem Leben in der Abgeschiedenheit, die nie auf eine so bedrückende und doch magische Art und Weise fühlbar wird wie an einem kalten, dunklen Novemberabend.

Rekord-Publikum in Ambri
Die Zuschauerzahlen der letzten zehn Jahre (in Klammer: Schlussklassierung in der Qualifikation):
- 2010/11 (12.) 3'657
- 2011/12 (11.) 3'707
- 2012/13 (10.) 4'859
- 2013/14 (7.) 5'631
- 2014/15 (11.) 5'154
- 2015/16 (10.) 5'298
- 2016/17 (12.) 4'955
- 2017/18 (11.) 4'730
- 2018/19 (5.) 5'489
- 2019/20 (11.) 4'996
- 2020/21 (11.) kein Publikum
- 2021/22 (7.) 6'053

Daran hat wohl Trainer Luca Cereda gedacht, als er sich im Spätsommer Sorgen machte, ob es wohl gelingen werde, den Geist aus der alten Valascia hinüber in die neue zu retten. «Denn hier ist nun alles grösser, breiter, einfacher, bequemer... und wärmer. Gerade vor dem Spiel gegen Ajoie bin ich vom Parkplatz hinüber zum Stadion gelaufen und ich spürte für einen kurzen Moment den eiskalten Wind. Früher wehte dieser Wind durchs ganze Stadion.»

Nun ist Luca Cereda froh, dass Ambri auch ohne Durchzug im Stadion so geblieben ist, wie es vorher war. Dass es seine Seele bewahrt hat. Das Spiel gegen Ajoie zeigt es. Ambri feiert einen Arbeitssieg (2:0). Das Talent hätte nicht für drei Punkte gereicht. Luca Cereda sagt: «Wir können nur bestehen, wenn wir in jedem Training und in jedem Spiel an unsere Grenzen gehen. Und manchmal darüber hinaus.»

Ur-Leventiner Luca Cereda weiss, welche Tugenden von seinen Mannen gefragt sind.
Ur-Leventiner Luca Cereda weiss, welche Tugenden von seinen Mannen gefragt sind. Bild: keystone

Der Trainer lebt diese Einstellung vor. Luca Cereda ist kein charismatisches Alphatier mit einem Auftreten, das einen Raum füllt. Er wirkt eher unscheinbar, wenn er durch den Kabinengang der neuen Arena schreitet. Viel ruhiger als sein Sportdirektor, der impulsive, flamboyante Paolo Duca. Aber wenn er spricht, dann verwandelt er sich. Zieht die Zuhörer in seinen Bann. Seine Wortwahl ist einfach, geradlinig und überzeugend. Es ist die ehrliche, geerdete Art der Ur-Leventiner.

Den Geist haben auch die Fans aus der alten in die neue Arena hinübergebracht. Die alten Hymnen und Schmähgesänge tönen schöner denn je. Weil die Akustik viel besser ist als im alten Stadion. Am Samstag ist Derby in Lugano. Schon wird fleissig geübt. Damit die Abordnung, die ihre Mannschaft auf dem schweren Gang in die Resega, heute Cornèr Arena, begleiten wird, stimmlich in Form ist. «Lugano Merda» echot es immer wieder durch die Arena.

Bei den Spielen zwischen Ambri und Lugano ist nicht nur auf den Tribünen richtig Feuer drin.
Bei den Spielen zwischen Ambri und Lugano ist nicht nur auf den Tribünen richtig Feuer drin. Bild: keystone

Einen mitreissenden Gesang während des Schlussdrittels kann ich einfach nicht verstehen. Mein Italienisch reicht nicht aus. Ein Kollege übersetzt: «Sie singen, dass wir ganz Lugano niederbrennen werden.» Wirklich? So martialisch? «Ja, ja. Du weisst doch: Am Samstag ist Derby …» Da wird wohl der rebellische Geist von Giornico vom 28. Dezember 1478 beschworen. 100 Urner, je 25 Luzerner, Schwyzer und Zürcher sowie 400 Einheimische (was ungefähr der heutigen Zusammensetzung des Publikums in der neuen Valascia entsprechen dürfte) haben an diesem Tag oberhalb von Bellinzona auf einem vorher eisig gemachten Schlachtfeld ein 10'000-köpfiges Heer der Herzöge von Mailand in die Flucht geschlagen.

Da gefällt mir die Siegeshymne «La Montanara», dieses melancholische, friedvolle Lied der ewigen Berge, das die Seele berührt, halt besser. «La Montanara» wird erst in der Schlussminute intoniert, als die Sekunden auf der Uhr des mächtigen Videowürfels schon davoneilen. Erst jetzt ist der Sieg sicher. Auch das mag zeigen, wie hart Ambri selbst gegen das Schlusslicht arbeiten musste.

Pure Freude für Hockey-Romantiker: die erste «Montanara» in der neuen Valascia. Video: YouTube/MySports

Nach 13 Heimspielen dürfen wir wohl sagen: Die Investitionen in die neue Arena (rund 50 Millionen) haben sich gelohnt. Sie ist ein Schmelztiegel zwischen Moderne und Vergangenheit, Kommerz und Romantik, Geld und Geist. Aber auch Deutschschweiz und Tessin. Einerseits die hochmoderne Infrastruktur, der Komfort fürs Publikum. Die viel besseren Möglichkeiten, dieses Publikum zu bewirtschaften. Und andererseits die Pflege des alten Brauchtums. Der ewigen Kultur dieses Hockeyunternehmens. Wahrlich, der Mythos Ambri lebt auch in der neuen Valascia. Und bringt nun erst noch mehr Geld.

Nationalverteidiger Yanik Burren hat mit dem SC Bern Derbys in Langnau und Biel gespielt. Nun steht er mit Ambri bereits vor dem 4. Derby. Er sagt: «Wer einmal ein Derby in Ambri oder in Lugano erlebt hat, kann kein anderes Spiel mehr als Derby bezeichnen.» Der Lärm während des Spieles sei einfach unbeschreiblich. «Wir kommunizieren während des Spiels auf dem Eis laufend miteinander. Aber wenn du in Lugano oder Ambri hinter dem Tor vor der Fankurve stehst und einen Angriff auslösen willst, ist das unmöglich. Du verstehst kein Wort mehr. Es ist einfach zu laut. Das gibt es in keinem anderen Stadion.»

Das Tessiner Derby, das laute, das einzige, das einmalige, das wahre, das ewige Derby der Unversöhnlichen.

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Impressionen vom ersten Spiel in Ambris neuer Valascia

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Impressionen vom ersten Spiel in Ambris neuer Valascia
quelle: keystone / alessandro crinari
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