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1939/40 mussten die Eishockeyspieler, hier jene des HC Davos, in die Armee, anstatt um den Meistertitel kämpfen zu können.
1939/40 mussten die Eishockeyspieler, hier jene des HC Davos, in die Armee, anstatt um den Meistertitel kämpfen zu können.
Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV
Eismeister Zaugg

Die Saison wird abgebrochen – kostet höhere Gewalt den ZSC zum 2. Mal nach 1940 den Titel?

Erst ein einziges Mal ist wegen höherer Gewalt kein Meister erkoren worden. Wegen der Mobilmachung fiel die ganze Saison 1939/40 aus. Sie kostete den ZSC damals wohl den Titel. Eine verblüffende Parallele zur Gegenwart.
12.03.2020, 10:0913.03.2020, 05:20

Die Schweizer Eishockey-Meisterschaft wird in den höchsten beiden Ligen per sofort abgebrochen, wie der TV-Rechteinhaber MySports via Twitter verkündete. Die Absage beschlossen die Klubs der National League und Swiss League an einer Telefonkonferenz.

Selbst in 100 Jahren werden die Historiker keine Mühe haben, Überlegungen, Reaktionen und Folgen rund um den Abbruch der Meisterschaft 2019/20 gründlich zu erforschen. Über das Geschehen in diesen Tagen gibt es unzählige Dokumente in Wort und Ton. Dank der neuen, bunten Medienwelt ist das Ende der Meisterschaft besser dokumentiert als die Gründung des Bundesstaates 1848. Der Sport im Allgemeinen und das Eishockey im Besonderen sind eben wichtig geworden.

Ganz anders ist es bei der bis heute einzigen Saison ohne Meister. 1939/40 fällt die Meisterschaft ganz aus. Der Grund ist höhere Gewalt. Der 2. Weltkrieg, entfesselt durch den Einmarsch der Deutschen in Polen am 1. September 1939.

Wenige Monate vor Kriegsausbruch zeigen die deutschen Eishockey-Nationalspieler an der WM in Basel den Hitlergruss.
Wenige Monate vor Kriegsausbruch zeigen die deutschen Eishockey-Nationalspieler an der WM in Basel den Hitlergruss.
Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Bereits am 28. August 1939 ordnet der Bundesrat mittels Plakaten die Mobilmachung von 80‘000 Mann des Grenzschutzes sowie am 1. September die allgemeine Mobilmachung für den nächsten Tag an. Auf der ersten Seite im Dienstbüchlein jedes Soldaten klebt ein Mobilmachungszettel, auf dem Korpssammelplatz, Mobilmachungstag und Stunde sowie die notwendigen Mobilmachungsinformationen angegeben sind. Die Materialfassungsdetachemente rücken sofort ein und am folgenden Tag 430‘000 Mann Kampftruppen, 200‘000 Hilfsdienstpflichtige und 10‘000 Frauen des neu gegründeten Frauenhilfsdienstes (FHD). Die Generalmobilmachung verläuft problemlos innert drei Tagen.

Der beste Sturm ausserhalb der NHL

Eishockey ist bereits in diesen Tagen populär. Ja, HCD-Star Bibi Torriani ist der wohl populärste Sportler im Land und geniesst die Verehrung eines Popstars. Die Schweiz ist eine der stärksten Nationalmannschaften der Welt. Länderspiele locken auf dem Dolder in Zürich und auf der Kunsteisbahn in Basel mehr als 10'000 Zuschauer an. In den späten 1920er und in den 1930er Jahren beginnt eine Eishockey-Begeisterung, die in unserem Land bis heute anhält.

1926 gewinnt die Schweiz in Davos zum ersten Mal die Europameisterschaft. 1935 verpassen die Schweizer bei der WM in Davos (mit 15 Teams) den WM-Titel ähnlich knapp wie 2018 in Kopenhagen. Sie verlieren gegen Kanada das alles entscheidende Spiel wohl nur deshalb (2:4), weil wichtige Spieler eine Grippe erwischt haben. Die Linie mit Hans Cattini, Ferdinand Cattini und Bibi Torriani («ni-Sturm») gilt als die beste ausserhalb der NHL. Bei der WM 1939 in Zürich und Basel wird die Schweiz hinter Kanada und den USA Europameister. Weil die Schweiz und die Tschechoslowakei am Ende des Turniers punktgleich sind, wird der EM-Titel erst in einem Entscheidungsspiel am 5. März in Basel vergeben. Die Schweiz gewinnt 2:0.

Full house in Basel, als die Schweiz 1939 Europameister wird.
Full house in Basel, als die Schweiz 1939 Europameister wird.
Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

«Nicht Eishockeyaner schossen aufs Tor, sondern Soldaten auf Menschen»

Und nun kann wegen der Mobilmachung keine Meisterschaft gespielt werden. Die Saison 1939/40 fällt aus und auch der Spengler Cup wird 1939 und 1940 nicht ausgetragen. Der Stillstand der populärsten Sportart überhaupt müsste eigentlich gut dokumentiert sein. Doch das ist nicht der Fall. Der Sport ist viel zu wenig wichtig. Die Tageszeitungen haben noch keinen Sportteil und keine Sportredaktion. Das Medium, das den Sport populär macht, ist Radio Beromünster, das schon 1924 zum ersten Mal ein Sportereignis live übertragen hat. Den olympischen Fussball-Final 1924 in Paris. Die Schweiz verliert 0:3. Doch jetzt steht das Radio im Dienste des Vaterlandes und Sport ist kein Thema. Die wöchentlichen Kommentare zur politischen und militärischen Weltlage auf Radio Beromünster werden den Historiker, Schriftsteller und Publizisten Jean Rudolf von Salis weltberühmt machen.

Im grossen Standardwerk «Powerplay – 100 Jahre Schweizer Eishockey» finden wir über die bisher einzige Saison, die nicht stattgefunden hat, zwei Sätze: «1939/40 schossen nicht Eishockeyaner aufs Tor, sondern Soldaten auf Menschen. Das Championat fiel aus.»

Der ZSC lockte die Bergler mit Jobs

Etwas ausführlicher wird der Ausfall der Saison 1939/40 in der Klubchronik des ZSC «50 Jahre Zürcher Schlittschuh-Club» gewürdigt: «Ein Erfolg reihte sich an den anderen, und es ist nicht abzusehen, wie sich die Zürcher weiterentwickelt hätten, wenn sich durch den ausbrechenden Weltkrieg nicht alles jäh geändert hätte. Zwar konnte der Spielbetrieb noch einigermassen aufrecht gehalten werden, jedoch waren die Bedingungen denkbar schlecht, da die Mannschaften durch den Aktivdienst in der ganzen Schweiz verstreut waren. Die Meisterschaft fiel aus, was für den ZSC insofern besonders bedauerlich war, weil er im ersten Kriegswinter wohl über die stärkste Equipe des Landes verfügte. Sie gewann drei der vier Begegnungen mit Davos.» Aber eben: Es waren nur Freundschaftsspiele. Es gab keine Meisterschaft.

Stars ihrer Zeit: Die Nationalspieler Hugo Müller, Reto Delnon, Bibi Torriani, Pic Cattini, Badrutt, Franz Geromini, Beat Rüedi, Charly Kessler, Heini Lohrer und Herbert Kessler (von links).
Stars ihrer Zeit: Die Nationalspieler Hugo Müller, Reto Delnon, Bibi Torriani, Pic Cattini, Badrutt, Franz Geromini, Beat Rüedi, Charly Kessler, Heini Lohrer und Herbert Kessler (von links).
Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Tatsächlich haben die Zürcher aufgerüstet. Der Wirtschaftsgrossraum Zürich lockt mit guten Arbeitsplätzen. Es gelingt, gute Spieler aus dem Kanton Graubünden zu verpflichten: Hertli Kessler und Charly Kessler aus Davos und Heini Lohrer aus Arosa bilden neben dem «ni-Sturm» des HC Davos die beste Schweizer Angriffsreihe, den «er-Sturm». 1936 wird der ZSC der erste Schweizer Meister aus dem Flachland. 1937, 1938 und 1939 holt wieder der HCD den Titel. Aber für die Saison 1939/40 gilt der ZSC als Titelfavorit.

«Hugo steht am Umbrail in kaltem Schneesturm, Franz hockt in einem feuchten Bunker, Stess steckt als Heerespolizist in oranger Uniform»

Die bisher einzige Meisterschaft, die nicht stattgefunden hat, wird am ausführlichsten in der Jubiläumsschrift «25 Jahre Hockey Club Davos» von Beat Rüedi behandelt.

«August 1939. Im sommerlichen Davos in ungetrübter Ruhe schmieden wir Eishockeyspieler Pläne für eine ausgedehnte Gastspielreise durch Merry Old England im frühen Herbst. Doch unterdessen funken schwerwiegende Nachrichten in Geheimcode durch die weiten Weltäther. Immer dunkler wird es am Politischen Himmel. Krieg. Mobilmachung. Alle Davoser Spieler folgen dem Ruf zu den Waffen, sie stehen an der Grenze als Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten.

Während sich der französische Hahn und der Reichsadler scheinbar untätig an der Maginotlinie gegenüberliegen und sich gegenseitig harmlose Schweine in die Minenfelder treiben, füllen wir Davoser Eishockeyspieler, allen Flüchen der Kommandanten und Feldweibel auf den Einheitsbüros zum Trotz, eifrig weisse Urlaubsgesuche aus. Wir wollen und wir werden weiterhin Eishockey spielen.

Hugo steht hoch oben am Umbrail in kaltem Schneesturm auf der Wacht, Franz hockt in einem feuchten Bunker im Engadin, Stess steckt als Heerespolizist in oranger Uniform, die drei nis (Hans und Ferdinand Cattini, Bibi Torriani – die Red.) lenken irgendwo im nebligen Unterland ihre Fahrräder über nasse Wege und Beat striegelt im Oberhalbstein vor einem Stall seinen zottigen Bastgaul. Am Sonntag aber treffen wir uns auf spiegelglatter Eisfläche und jagen der geliebten schwarzen Scheibe nach. Selten sind wir vollzählig, die Mannschafsaufstellung ist immer wieder eine andere. Doch die Resultate sind unbedeutend. Hauptsache ist: wir spielen Eishockey.»

Aber eben: eine Meisterschaft wird nicht ausgetragen.

Einen kurzen Vermerk finden wir auch in der Jubiläumschrift «50 Jahre Akademischer Eishockey-Club Zürich 1908 – 1958: «Der Ausbruch des Weltkrieges im September 1939 setzte vorübergehend auch der Tätigkeit des AECZ ein Ende. Die meisten Mitglieder standen im Militärdienst, die kurzen Urlaube mussten zum Studium verwendet werden, sodass für sportliche Betätigung wenig oder gar keine Zeit blieb.»

Der EHC St. Moritz vermerkt in seiner Chronik über die ersten 50 Jahre (1918 – 1968): «Der Zweite Weltkrieg beginnt am 1. September 1939. Der EHC gibt am 19. Dezember in der Engadiner Post folgende Erklärung heraus. «Der EHC sieht sich leider veranlasst, den aktiven Spielbetrieb diesen Winter zu sistieren. Von den Spielern befinden sich mit einer einzigen Ausnahme alle an den Grenzen im Dienste des Vaterlandes.»

Auf dem Dolder treffen sich der ZSC und der HCD.
Auf dem Dolder treffen sich der ZSC und der HCD.
Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Geschichte wiederholt sich nicht?

So war es also damals, als zum bisher einzigen Mal wegen höherer Gewalt keine Meisterschaft gespielt werden konnte. Die Geschichte wiederholt sich nicht? Das mag sein. Aber dass der ZSC 1940 Favorit war und um den Titel gebracht wurde, ist schon bemerkenswert. Weil nämlich die Meisterschaft abgebrochen wird, dürfen die Zürcher in einem Rückblick in 80 Jahren durchaus schreiben, dass ihnen damals im Frühjahr 2020 durch höhere Gewalt meisterliche Ehre verwehrt worden ist. Immerhin haben sie ja die Qualifikation 2019/20 gewonnen.

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