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Nach vier Jahren beim SCB sucht Mark Arcobello in Lugano eine neuen Herausforderung.
Nach vier Jahren beim SCB sucht Mark Arcobello in Lugano eine neuen Herausforderung.
Bild: PPR
Eismeister Zaugg

Die SCB-Titanic blind im Nebel – und das Problem heisst nicht etwa Arcobello

Der SC Bern verliert per Ende Saison seinen Leitwolf Mark Arcobello. Wieder einmal zeigt sich: nichts ist für ein Sportunternehmen so schwierig zu meistern wie eine ruhmreiche Vergangenheit. Ist Biel bald die Nummer 1 im Kanton?
10.10.2019, 17:2511.10.2019, 10:46

Money talks. Mark Arcobello (31) wechselt für die letzten Jahre seiner Profikarriere dorthin, wo er am meisten verdienen kann. Nach Lugano. So ist das Geschäft. Mark Arcobello ist ein Musterprofi. Er wird weiterhin ein Maximum für den SCB leisten. Bis zur letzten Sekunde, die er das SCB-Dress trägt.

Dem Gegner die besten Ausländer ausspannen hat längst Tradition. Zuletzt wechselte Garrett Roe von Zug nach Zürich. Mit diesen frühzeitigen Transfermeldungen haben alle längst leben gelernt – Leonardo Genoni hat seinen Wechsel zu Zug auch vor seiner letzten SCB-Saison angekündigt und hat dann den SCB zum Titel gehext.

Hätte der SCB Luganos Offerte kontern müssen? Nein. Einen Schweizer Schlüsselspieler (wie Leonardo Genoni) kann auf dem Transfermarkt nicht ersetzt werden, ein ausländischer Star hingegen schon. Es lohnt sich nicht, sich beim ausländischen Personal auf Lohntreiberei einzulassen.

Hätte der SCB diese Offerte kontern können? Ja. Die populistische Ausrede der Berner, man habe halt keinen milliardenschweren Mäzen ist eine faule Ausrede. Der SCB-Hockeykonzern macht mehr als 50 Millionen Umsatz und hat in seiner letzten Erfolgsrechnung eine Million Abschreibungen «versteckt». Geld ist nicht das Problem. Der Abgang von Mark Arcobello, der seinerzeit von Alex Chatelains Vorgänger Sven Leuenberger (heute Sportchef beim ZSC) entdeckt worden ist, auch nicht. Auch Leitwolf Andrew Ebbett (36) ist noch von Sven Leuenberger geholt worden.

Die Wagenburgen-Mentalität

Das Problem in Bern ist ein anderes. Der Erfolg – vier Jahre, drei Titel – und die Allmacht von Manager und Klub-Mitbesitzer Marc Lüthi haben zu einer für ruhmreiche Sportunternehmen oft typische Wagenburgen-Mentalität geführt. Loyalität zum Chef ist inzwischen beim SCB oberstes Gebot und zählt mehr als Kompetenz. Und mit Kritik setzt man sich nicht mehr auseinander (was jahrelang eine der besonderen Qualitäten der Berner war). Man erachtet inzwischen Kritik als «Netzbeschmutzung».

Die tägliche Auseinandersetzung mit neuen Ideen, mit Kritik oder Anregung, die Suche nach neuen Lösungen, all das, was die innere Dynamik eines Sportunternehmens ausmacht, ist beim SCB in den letzten zwei Jahren zu einem beunruhigend grossen Teil verloren gegangen. Die Erfolge haben zu Erstarrung im Inneren geführt. Verständlich: wir müssen uns doch nichts sagen lassen! Wir sind in vier Jahren dreimal Meister geworden! Wir machen alles richtig! Punkt!

SCB-Sportchef Alex Chatelain ist nach dem Arcobello-Abgang gefordert.
SCB-Sportchef Alex Chatelain ist nach dem Arcobello-Abgang gefordert.
Bild: KEYSTONE

Die alles entscheidende Frage: ist die sportliche Führung unter diesen Voraussetzungen dazu fähig, den Umbruch zu managen? Gelingt es, für nächste Saison einen (oder besser: zwei) ausländische Stürmer zu verpflichten, die in Mark Arcobellos Fussstapfen treten können?

Auf den ersten Blick neigen wir zur Antwort: Ja, kein Problem. Der SCB ist eine der besten Hockey-Adressen Europas, Bern gehört zu den Städten mit der höchsten Lebensqualität weltweit und der SCB kann auch die Saläre bezahlen, die ausländische Stars verlangen. Auf den zweiten Blick kommen allerdings erhebliche Zweifel. Inzwischen mahnt der SCB im sportlichen Bereich an eine Titanic, die blind durch den Nebel fährt.

Unter den ausländischen Arbeitnehmern, die in den letzten drei Jahren verpflichtet worden sind, gibt es eine beunruhigende Zahl von Flops: Mika Pyörälä, Adam Almquist und Miika Koivisto. Auch Jan Mursak ist bei weitem nicht der nächste Mark Arcobello.

Zu viele SCB-Ausländer erfüllten zuletzt die Erwartungen nicht so wie erhofft.
Zu viele SCB-Ausländer erfüllten zuletzt die Erwartungen nicht so wie erhofft.
Bild: KEYSTONE

Beunruhigend ist auch das Versagen im Schweizer Transfermarkt. Der SCB braucht beispielsweise dringend eine Erneuerung der Abwehr. Aber Yannick Rathgeb (23) verteidigt seit seiner Rückkehr aus Nordamerika bei Biel. Der SCB kann jungen Spielern, die sich weiterentwickeln wollen, zu wenig klare Perspektiven anbieten.

Die Mühe mit dem Kurs

Nun feiert der SCB die Vertragsverlängerung mit Torhütertalent Philip Wüthrich (21). Kein Schelm, wer diese Prolongation in direkten Zusammenhang mit dem Gerücht bringt, Langenthals Meistergoalie von 2019 könnte nach Biel wechseln. Vor einem Jahr wäre eine vorzeitige Vertragsverlängerung zum halben Preis machbar gewesen. Wenn man Philip Wüthrichs Potenzial (er ist ein SCB-Junior!) rechtzeitig erkannt hätte. Aber kein anderes vergleichbares Hockey-Unternehmen hat eine so schwache Scouting-Abteilung wie der SCB. Auch da: die SCB-Titanic, die blind durch den Nebel fährt.

Zur aktuellen sportlichen Führung passt das bereits wochenlange Hin-und-Her in der Trainerfrage (soll Kari Jalonen bleiben oder gehen?). Es ist offensichtlich, dass die sportlichen Steuermänner auf der SCB-Titanic Mühe haben, sich auf einen Kurs zu einigen.

Der SCB steckt nicht in einer Krise. Er steckt nur in einer Umbruch- und Erneuerungsphase, die jedes Sportunternehmen nach ein paar Jahren des Ruhmes zu meistern hat. Der SCB ist eines der führenden Hockeyunternehmen Europas und hat alles, um diese Herausforderung erfolgreich zu meistern. Auch das Geld.

Aber der SCB hat nicht die sportliche Führung, die es in einer solchen schwierigen Phase braucht. Deshalb kann aus einem sportlichen Umbruch unverhofft eine echte Krise werden. Und dann ist auf einmal der EHC Biel das führende Hockeyunternehmen im Kanton.

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