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Wie schlagen sich Ambris Neuzugänge und Trainer Luca Cereda?
Wie schlagen sich Ambris Neuzugänge und Trainer Luca Cereda?
Bild: KEYSTONE/TI-PRESS
Eismeister Zaugg

National-League-Vorschau Teil 1 – auf der Suche nach einer neuen Identität

watson-Eismeister Klaus Zaugg schaut voraus auf die neue Saison in der National League. Im ersten Teil geht es um die Klubs, die eine neue Identität suchen – Genf, Kloten und Ambri.
04.09.2017, 18:00

Servette ohne Chris McSorley – aber mit der Schwiegermutter im Schlafzimmer

Chris McSorley wird in Genf als «Jesus Chris» verehrt und seine Amtszeit als Trainer schien ewiglich. Die Ewigkeit ist im letzten Frühjahr nach16 Jahren zu Ende gegangen. Hat sein Nachfolger Craig Woodcroft überhaupt eine Chance?

Chris McSorley wurde vom Trainer zum Sportchef degradiert.
Chris McSorley wurde vom Trainer zum Sportchef degradiert.
Bild: KEYSTONE

Zum ersten Mal seit 2001 heisst Servettes Trainer nicht mehr Chris McSorley. Der charismatische Kanadier hat vor drei Jahren seine Aktien (und damit die Macht) an Präsidenten Hugh Quennec verkauft und ist im Nachgang einer enttäuschenden Saison im letzten Frühjahr entmachtet worden. Die zwei ehemaligen NHL-Generäle Mike Gillis und Lorne Henning sind nun die Einflüsterer des Präsidenten.

Chris McSorley fällt zwar weich in den Polstersessel eines Sportchefs. Sein Vertrag läuft zu gleichen Bezügen mindestens sieben Jahre weiter. Aber in seiner neuen Position ist seine Gestaltungskraft arg eingeschränkt. Zur Anstellung des neuen Trainers hatte er nichts zu sagen. Über Budget, Strategie und Personalfragen entscheiden die neuen Herren die soeben auch durchgesetzt haben, dass Kultverteidiger Goran Bezina nach einer Auszeit in der KHL im Alter von 37 Jahren bei Servette einen neuen Vertrag erhält. 

Wie schlägt sich Craig Woodcroft an der Bande von Servette?
Wie schlägt sich Craig Woodcroft an der Bande von Servette?
Bild: KEYSTONE

Zum ersten Mal seit seiner Ankunft in Genf vor 16 Jahren muss Chris McSorley im Hockeygeschäft ausführen, was andere ihm vorgeben. Zum ersten Mal hat er in Genf in Hockeydingen nicht mehr das letzte Wort. Pessimisten sagen, seine Entmachtung sei der Anfang vom Ende der Genfer Hockeykultur. Optimisten, die etwas anderes sagen, haben wir noch keine gefunden.

Kein Schelm also, wer sagt, der neue Trainer Craig Woodcroft werde wahrscheinlich nicht so lange im Amt bleiben, bis er als «Jesus Craig» verehrt wird. Es ist nicht einmal sicher, dass er seinen Dreijahresvertrag erfüllen wird. Als er zu Verhandlungen nach Genf anreiste, wurde sein Hotelzimmer unter falschem Namen gebucht. Diskretion war das höchste Gebot, um seinen Arbeitgeber Dinamo Minsk (KHL) nicht aufzuschrecken. Stoff für einen Agenten-Thriller? Ja, wenn der Trainer Ralph Krueger, Mike Babcock oder Scotty Bowman heissen würde. Aber es ist «nur» Craig Woodcroft.

Servettes neuer Trainer hätte ruhig unter seinem Namen im Hotel absteigen können. Niemand hätte ihn erkannt. Ein Kanadier, der als Spieler durch europäische Operettenligen (DEL, 2. Bundesliga, Italien) tingelte und kaum Erfahrung als Cheftrainer hat. 2015 wurde er mit Mannheim Deutscher Meister – als Assistent von Cheftrainer Geoff Ward. Nach der Entlassung von Greg Ireland durfte er im Februar in Mannheim 2016 kurz Cheftrainer sein. Letzte Saison betreute er Dinamo Minsk und assistierte den weissrussischen Nationaltrainer Dave Lewis.

Aber Craig Woodcroft ist gut vernetzt. Seine Brüder Jay (Edmonton Oilers) und Todd (Winnipeg Jets) stehen als Assistenten in der NHL in Lohn und Brot und er hat beim kanadischen Nationalteam ein Pösteli fürs olympische Turnier ergattert.

Die alles entscheidende Frage: Kann Craig Woodcroft Erfolg haben, wenn Chris McSorley immer noch präsent ist? Seine Situation lässt sich etwas frivol mit einem Mann vergleichen, der seine ehelichen Pflichten erfüllen sollte, aber die Schwiegermutter im Schlafzimmer sitzt, strickt und alle fünf Minuten frage, ob sie etwas helfen könne.

Was ist neu?

Der Wechsel auf der Trainerposition ist mit grossem Abstand die wichtigste Neuerung.

Was sind die Stärken?

Nominell ist die Mannschaft leicht besser einzustufen als vor einem Jahr. Anders als vor einem Jahr sind jetzt gleich beim Saisonstart vier Ausländer verfügbar.

Wo lauern Gefahren?

Auf dem Eis ist die Frage: Wie schnell wird Nationaltorhüter Robert Mayer wieder gesund? Neben dem Eis: Kann Craig Woodcroft aus dem Schatten von Chris McSorley treten?

Prognose

Rang 9 – auch als Anerkennung für die Leistungen von Chris McSorley wäre es respektlos, unter seinem Nachfolger die gleiche Rangierung wie im Vorjahr (6.) zu prognostizieren. Aber Servette hat genug Talent, um die Playoffs zu erreichen.

Was ist Servette diese Saison zuzutrauen?

Die letzte Saison der «Belle Epoque» in der Klotener Hockey-Kultur

Viele grosse Namen sind nach wie vor wie vor da. Aber bald nicht mehr. Die Klotener haben wahrscheinlich auf Jahre hinaus die letzte Chance, im Frühjahr die Playoffs zu erreichen.

Im Portemonnaie ist der EHC Kloten ein bescheidenes Hockeyunternehmen geworden. In den Köpfen und Herzen ist Kloten hingegen nach wie vor ein Spitzenteam. Die letzten Finals (2009, 2011, 2014) sind noch in bester Erinnerung. Viele Namen mahnen nach wie vor an eine ruhmreiche Epoche: Denis Hollenstein, Patrick von Gunten, Matthias Bieber, Tommi Santala oder Romano Lemm. Bis im Ende November 2016 segelte Kloten auf Playoff-Kurs und fiel erst durch sieben Niederlagen in den letzten sieben Spielen des Jahres 2016 aus den Playoff-Rängen.

Tommi Santala ist zurück in Kloten.
Tommi Santala ist zurück in Kloten.
Bild: KEYSTONE

Was ist nun das wahre Kloten? Das ruhmreiche Kloten, das uns im Herbst mit zügigem Offensivspektakel begeisterte und sich im Februar noch einmal aufraffte und mit einer Leidenschaft sondergleichen im Cupfinal gegen Servette triumphierte? Oder das Kloten, das nach dem Wegzug von Leitwolf Tommi Santala und vor allem in der letzten Saisonphase nach den verpassten Playoffs resignierte und zeitweise beschämend spielte? Dieser Frage wird im Laufe der Saison beantwortet.

Eine zentrale Rolle spielen die Torhüter – bei einem nominell durchschnittlichen Team wie Kloten erst recht. Vertraut Kloten auf sein nominell schwächstes Goalie-Duo seit Einführung der Playoffs? Ja. Ist das ein Grund zur Sorge? Ja. Mag sein, dass wir uns täuschen und uns in einem Jahr vor Luca Bolsthauser und Dennis Saikkonen tief verbeugen müssen. Was wir gerne tun würden.

Luca Boltshauser ist durchaus talentiert und bereits Nationaltorhüter (2 Länderspiele). Aber ihm alleine die Verantwortung als Nummer 1 aufzubürden ist Klotens waghalsigste Goalie-Experiment seit Einführung der Playoffs. Das Problem ist die «billige» Besetzung der Nummer-2-Position. Dennis Saikkonen ist in Bern, Zürich, Ambri und Fribourg gewogen und für die NLA als zu leicht befunden worden. Er kann Luca Boltshauser nicht entlasten – und die Gefahr, dass Luca Boltshauser durch Blessuren ausfällt, ist nicht gering. Dabei hat gerade Langnau in den letzten zwei Jahren bewiesen, dass zwei verhältnismässig günstige, aber gleichwertige und solide Torhüter (Caccio/Punnenovs) ein nominell eher schwaches Team gemeinsam durch eine ganze Saison tragen können.

Wie schlägt sich Luca Boltshauser ohne Martin Gerber als Backup?
Wie schlägt sich Luca Boltshauser ohne Martin Gerber als Backup?
Bild: KEYSTONE

Die neue Saison wird auch die Frage beantworten, ob Pekka Tirkkonen ein grosser Trainer ist. Der Mann, der ein wenig aussieht wie Supermann, wenn er im Privatleben Clark Kent ist, wurde im letzten Herbst als grosser Taktiker, vorbildlicher Ausbildner, strenger, aber einfühlsamer Chef und überhaupt als fleissig gelobt. Dann verlor Kloten 18 von 22 Partien und seither melden sich die Kritiker: Klotens Trainer sei zu stur und beharre auf seinem taktischen Schema. Gut, ist sein Vertrag noch rechtzeitig um eine weitere Saison bis 2018 verlängert worden.

Was ist neu?

Alles ist praktisch so wie vor einem Jahr. Sportchef Pascal Müller konnte auf dem Transfermarkt die Substanz bewahren und hat soeben mit der Vertragsverlängerung von Vincent Praplan ein positives Zeichen gesetzt. Tommi Santala ist auch wieder da. Aber aus Kostengründen wird vorerst auf die Besetzung des vierten Ausländerpostens verzichtet.

Was sind die Stärken?

Mit Denis Hollenstein, Vincent Praplan, Daniele Grassi, Morris Trachsler und Matthias Bieber überdurchschnittliche offensive Leitwölfe.

Wo lauern Gefahren?

Bisher war Luca Boltshauser ein zerbrechlicher Torhütertitan.

Prognose

Platz 10 – mit dem Potenzial die Playoffs zu erreichen, wenn alles stimmt und genug Talent, um den Absturz in die Playouts zu verhindern

Was ist Kloten diese Saison zuzutrauen?

Ambris Versuch, mit Romantik die bittere Realität zu überwinden

Ambri ist in der finanziellen und sportlichen Not zu seinen Ursprüngen zurückgekehrt. Der neue Sportchef und der neue Trainer sind Söhne der Leventina. Können Paolo Duca und Luca Cereda Ambri eine neue Identität geben?

Der Hockeytempel Valascia ist ein Hockey-Wallfahrtort der Hoffnung. Bei den Sozialromantikern auf den Rängen der Curva Sud, die von einer besseren, gerechteren Welt träumen und Che Guevara verehren. Und auf dem Eis, wo Jahr für Jahr das spirituelle Erbe von Asterix & Obelix zelebriert wird: die Valascia als letzte Trutzburg der «anderen», der «besseren» Hockeywelt. Ambri als «gallisches Dorf» unseres Hockeys, unbeugsam und unbesiegbar im Imperium des Profihockeys.

Wie lange bleibt die Hoffnung in der Valascia bestehen?
Wie lange bleibt die Hoffnung in der Valascia bestehen?
Bild: KEYSTONE

Nun, unbeugsam mögen in Ambri im Herzen alle sein. Aber unbesiegbar? Ambri hat in den letzten Jahren nicht nur viel zu viele Spiele verloren. Zuletzt hat der Klub unter nordamerikanischen «Desperados» ohne tiefen Bezug zur ganz besonderen Kultur der Leventina (Laporte, Constantine, Pelletier, Kossmann, Zanatta) auch einen Teil seiner Identität eingebüsst. Diesen Fehler hat Präsident Filippo Lombardi mit dem Engagement der Lokalgrössen Paolo Duca (Sportchef) und Luca Cereda (Trainer) im letzten Moment korrigiert.

Ach, es ist die Rückkehr zur wahren Hockey-Romantik. Zurück zu den Ursprüngen. Zurück zu den Sönnen des Tals. Zurück zum Vertrauen in die eigenen Junioren, das mit der Ernennung des erst 21-jährigen Verteidigers Michael Fora spektakulär demonstriert wird. Das Ziel ist nicht mehr, besser, sondern authentischer, ehrlicher und «tessinerischer» zu sein als Lugano. Ambri ist vom Wahn geheilt, Lugano übertreffen zu müssen und hat Frieden in der eigenen, unverwechselbaren Identität gefunden. Romantik gegen bittere sportliche und wirtschaftliche Realität. Die finanziellen Probleme aber sind geblieben und die sportlichen auch.

Die Valascia ist also mehr denn je ein Ort der Hoffnung. Sie ist der Ort der letzten Hoffnung für die letzten Unbeugsamen, die letzten wahren Romantiker des europäischen Profihockeys. Dabei spielt der Trainer in einer zentralen Rolle. Luca Cereda gilt als grösstes Trainertalent im Schweizer Hockey. Als Assistent arbeitete der smarte, ruhige ehemalige Erstrunden-Draft für verschiedene Junioren-Nationalteams. Er war Cheftrainer bei Ambris Elite-Junioren und führt letzte Saison in der NLB das Farmteam «Ticino Rockets». Alle, die mit ihm gearbeitet haben, sind voll des Lobes. Sie rühmen seine Detailversessenheit und sein Einfühlungsvermögen, seine Begabung, Talente zu erkennen und zu fördern.

Luca Cereda steht bei Ambri vor einer schwierigen Aufgabe.
Luca Cereda steht bei Ambri vor einer schwierigen Aufgabe.
Bild: TI-PRESS

Es gibt für Luca Cereda durchaus Parallelen zwischen der Situation bei den Rockets im Vorjahr und jener nun in Ambri: Wieder führt er die nominell schwächste Mannschaft der Liga. Und wieder wird es von ihm abhängen, ob und wann diese Mannschaft konkurrenzfähig wird. Bei den Rockets begann er letzte Saison mit 15 Niederlagen in Serie und gewann immerhin 6 der letzten 15 Partien – ohne Ausländer.

Luca Cereda ist ein Mann mit Erfahrung in schwierigen Situationen. Aber wir sind nicht ganz sicher, ob Präsident Filippo Lombardi, seine Verwaltungsratskollegen und die Tessiner Operetten-Medien in schwierigen Zeiten loyal zu Luca Cereda stehen werden. Die Versuchung, in Zeiten der Krise ins alte Verhaltensmuster zurückzufallen und den Trainer zu feuern, ist nach wie vor beunruhigend gross.

Was ist neu?

Ambri hat eine zentrale Position neu besetzt. Sandro Zurkirchen hat Ambri nach vier Jahren verlassen (zu Lausanne) und nun kommt mit Benjamin Conz ausgerechnet die statistisch schwächste Nummer-1 der letzten Saison. Er ist bei Gottéron aus einem laufenden Vertrag heraus nach Ambri transferiert worden. Die Kritik: mental zu wenig robust, zu wenig Biss und nicht bereit, alles seiner Karriere unterzuordnen. Deshalb ist ein so talentierter Torhüter nun in Ambri gelandet. Er war einst der beste Goalie der U 20-WM und ein schon fast vergessener Held der einzigen NLA-Playoffs der SCL Tigers. Er ist also talentierter als sein Vorgänger Sandro Zurkirchen. Ist er auch besser? Wir schliessen nicht aus, dass er im familiären Umfeld Ambris zu alter Stärke zurückfindet. Aber mehr als eine Hoffnung ist es nicht. Die übrigen Transfers haben kaum Einfluss auf das Leistungsvermögen.

Was sind die Stärken?

Die Kraft der Hoffnung, die Kraft, die aus dem Mythos Ambri kommt, der Glaube an Trainer Luca Cereda – und die starke Persönlichkeit Luca Ceredas.

Wo lauern die Gefahren?

Die alles entscheidende Frage ist, ob der Präsident, ein Politiker, der die Meinung schneller ändern kann als Ambri einen Gegenangriff auszulösen vermag, auch die Standfestigkeit hat, seinen Sportchef und Trainer in schwierigen Zeiten im Amt zu halten. Möge der grosse Vorsitzende nicht vom rechten Weg abzukommen, den er eingeschlagen hat und seines Amtes wie ein guter Präsident und nicht wie ein Politiker zu walten.

Prognose

Platz 11 – und durchaus das Potenzial, um wenigstens bis Weihnachten um die Playoffs spielen zu können.

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Höchste Zeit, dass auch sie sich wandeln upgraden und ihre HC, SC und EV durch zeitgemässe Namen ersetzen!

* Update: User weisen darauf hin, dass der richtige Plural «mice» lautet. Das ist natürlich korrekt. Da ein kleiner Fehler zum …

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