Sport
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Ambri Valascia

2000 Sitz- und 5000 Stehplätze bietet die Valascia – die in der Abschiedssaison nicht genutzt werden dürfen. Bild: Pius Koller

Eismeister Zaugg

Ambri und die Valascia – des Eismeisters Abschied von der steinernen Seele unseres Hockeys

Nach dieser Saison wird mit der Valascia ein Kraftort des Schweizer Eishockeys für immer von der Landkarte verschwinden. Ein letzter Rundgang durchs mythischste Stadion unseres Hockeys.



Beginnen wir unsere letzte Geschichte über die Valascia mit ein wenig Pathos. Gustave Flaubert ist ein französischer Dichter aus dem 19. Jahrhundert. Er hat einmal geschrieben: «Es gibt Orte auf der Welt, die so schön sind, dass man sie an sein Herz pressen möchte.» Wäre er ein Hockey-Chronist gewesen, dann hätte er mit diesem Satz die Valascia gemeint.

Soweit die Romantik. Aber Polemik gehört auch dazu. Es gibt ein Buch über Ambri, zusammengestellt von Ruedi Ingold. Darin gibt es eine Textstelle, die so viel über Ambri, über die Valascia und das ambivalente Verhältnis zum Kantonsrivalen sagt:

«Der HC Ambri: Das ist die einzige kulturelle Institution, die uns Tessinern eine positive Identifikation mit der Heimat bietet. Wählst du zwischen Geld und Herz das Herz, dann bis du ein Ambri-Fan. Lugano aber: Das ist die Macht. Das ist die Allianz von Geld und Politik, der Klub der Reichen, der seine Erfolge nicht erkämpft, sondern zusammenkauft. Weisst du, wieviel Ambri ausgegeben hat, als 1980 die neue Tribüne gebaut wurde? 2,2 Millionen Franken, und ein Teil des Geldes kam aus dem Investitionshilfefonds für Berggebiete, und 100'000 Franken hat der Klub gespart, weil die Gemeinde gleichzeitig eine Zivilschutzanlage einrichtete und man das neue Dach darauf abstützen konnte. Weisst du, was die neue Eishalle der Luganesi kostete? 23 Millionen Franken.»

So ist das mit Ambris Hockey-Tempel. Wir sind gegen Lugano, also sind wir. Wir haben die Valascia, also sind wird. Ein Ort für Romantiker und für Polemiker. Und um die Seele dieses Ortes zu verstehen, ist dieser Hinweis auf die Zivilschutzanlage nützlich.

Ambri Valascia

Ein Blick in die verborgenen Kammern des Stadions. Bild: Pius Koller

Die Flamme wird weitergegeben

Nun erleben wir die letzte Saison in der Valascia. Im Sommer 2021 wird der HC Ambri-Piotta nach 62 Jahren die 1959 eröffnete Kunsteisbahn Valascia verlassen. Weiterziehen, quer durchs Dorf, hinüber ins neue, von Stararchitekt Mario Botta konzipierte, fast 50 Millionen Franken teure Stadion auf dem Gelände des ehemaligen Militärflugplatzes.

Verliert Ambri ohne die Valascia die Identität? Wird es am Ende mit der neuen Arena gar wie Lugano? Nein. Es gilt, was der englische Staatsmann Thomas Morus schon vor fast 500 Jahren gesagt hat: «Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.» So ist es. Die Flamme wird weitergegeben. Hinüber in den neuen Hockey-Tempel.

Ambri Valascia

Die Baustelle des neuen Stadions auf dem Flugplatz (unten) und die Valascia auf der Schattenseite der Leventina. Bild: Pius Koller

Einmal noch wollte ich die Valascia sehen und erleben. Für einmal nicht vor oder während oder nach einem Spiel. Für einmal nicht auf der einzigen Tribüne der Hockeywelt, die bebt, wenn Wellen der Begeisterung durch die Arena brausen. Für einmal nicht in einer bitterkalten Winternacht, die diesen Hockey-Kraftort zum kältesten westlich des Urals und südlich des Polarkreises macht. Nicht in dem magischen Moment, in dem die Siegeshymne «La Montanara» erklingt. Sondern ein einziges, ein letztes Mal in der Ruhe und Stille eines späten Sommertages.

Ein Stadion für einen Roman von Dan Brown

Abschied von der Valascia. In Begleitung von Pius Koller. Offiziell Fotograf. Aber eigentlich mehr Künstler, Hockey-Romantiker und im Herzen einer von Ambri. Und wer hätte für uns ein besserer «Reiseführer» sein können als Paolo Duca. Ein Sohn der Leventina, der Ambri einst als Spieler und Captain prägte und nun als Sportdirektor durch schwierige Zeiten navigiert.

Luca Cereda, neuer Trainer des HC Ambri-Piotta, rechts, posiert zusammen mit Praesident Filippo Lombardi, Mitte und Sportchef Paolo Duca, links, einer Medienkonferenz des HC Ambri-Piotta in Bellinzona, am Freitag, 28. April 2017. (KEYSTONE/Ti-Press/Pablo Gianinazzi)

Ambris Bosse: Sportchef Paolo Duca, Präsident Filippo Lombardi und Trainer Luca Cereda (von links). Bild: TI-PRESS

Und siehe da: Still und leer übt die Valascia eine noch grössere, seltsame, beinahe unheimliche Faszination aus. Müsste Dan Brown ein Hockey-Stadion in seinen düster-magischen Geschichten einbauen – er würde die verlassene Valascia eines Spätsommertages beschreiben. Sie wirkt wie eine Mischung aus einem geheimen Rückzugsort der Tempelritter und einem Atombunker für den Bundesrat.

Fremder, tritts du ein in den Bauch der Valascia, dort, wo die Spieler das Eis betreten und verlassen, dann siehst du auf der linken Seite erst einmal den langen Gang, der direkt zum Heiligtum, zur Kabine Ambris führt. Gäbe es in der Hockeykultur eine Bundeslade – in der Kabine dieses Hockey-Tempels würde sie stehen. Ich habe unzählige Stadien gesehen, auch in Nordamerika und in Russland. Aber so etwas wie diesen Gang mit dem sterilen Charme eines Bunkers, bemalt mit den blauen Klubfarben gibt es sonst nirgendwo auf der Welt.

Ambri Valascia

In Ambri werden auch Heizkörper bemalt, wenn es sein muss. Bild: Pius Koller

Weitverzweigtes Schattenreich

Hier bin ich nach einem Spiel schon oft gestanden. Aber weiter bin ich noch nie gekommen. Und nun führt uns Paolo Duca durch ein unterirdisches Reich, wie es sonst keines im Eishockey gibt. Logisch, hier befinden wir uns ja auch in einer gigantischen Zivilschutzanlage. Mit mächtigen, dicken Mauern, die auch den Lawinen widerstehen, die von den steilen Bergflanken herabdonnern können. Die Valascia ist tatsächlich in lawinengefährdetem Gebiet erbaut worden und das ist auch ein Grund, warum sie geschlossen und dann vollständig abgebaut wird.

Weitverzweigt ist dieses Schattenreich und manchmal sucht Duca einen Lichtschalter. Auch die Suche nach dem Licht passt zu Ambri und hilft uns, die Seele des Klubs zu verstehen. Historiker vermuten, dass die Ortsbezeichnung Ambri vom Wort «Ombra» kommt: Schatten. Das Dorf und die Valascia liegen am rechten Rand des Tals. Auf der Schattenseite.

Ambri Valascia

In den Büros wird man so oft von Sonnenlicht geblendet wie in der Zürcher Bahnhofsunterführung. Bild: Pius Koller

Im November verschwindet die Sonne hinter den hohen Bergen, hinter dem 2760 Meter hohen Piz Massari, einem Gipfel der Lepontinischen Alpen. Sie geht erst im Februar wieder auf. Mehr als drei Monate lang kein Sonnenstrahl. Diese Melancholie aus der scheinbar ewigen Nacht vom November bis Februar erklärt uns ein wenig die Melancholie, die mitschwingt, bei einem Klub, der noch nie Meister geworden ist. Und vielleicht nie Meister werden wird.

Die Eckdaten

Die 1959 erbaute offene Kunsteisbahn in Ambri ist 1979 mit einer Holzkonstruktion überdacht und in ein Stadion mit einem Fassungsvermögen von 7000 Zuschauern (2000 Sitz- und 5000 Stehplätze) umgebaut worden. Die Valascia befindet sich in der Gemeinde Quinto, auf der rechten Talseite der oberen Leventina, nur wenige Kilometer nach dem Südportal des Gotthardtunnels. Der am 19. September 1937 gegründete Verein hatte bis zur Eröffnung der Valascia 22 Jahre lang auf dem Natureis der Pista di Cava gespielt. Ambri ist ein Dorf mit rund 300 Einwohnern auf 1011 Metern Höhe, das zur Gemeinde Quinto gehört. Diese Gemeinde mit 1062 Einwohnern umfasst die Dörfer Ambri, Piotta, Scruengo, Varenzo, Ronco, Deggio, Catto, Lurengo, Varenzo und Altanca.

Stägeli uf, Stägeli ab

Wie ein Fuchsbau aus Beton ist dieser Bauch der Valascia. Ohne kundige Führung würde sich der Unkundige in dieser Unterwelt verirren. Gewaltige Betontüren werden geöffnet. Wieder befinden wir uns in einem langen Gang. An den Wänden Bilder aus der ruhmreichen Vergangenheit fast (aber schon nicht ganz) wie Michelangelos Fresken in der sixtinischen Kapelle. Links und rechts lassen sich Türen öffnen.

Ambri Valascia

An einer Wand werden Höhepunkte der Klubgeschichte präsentiert wie die Europacup-Siege 1998 und 1999. Bild: Pius Koller

Es gibt in dieser unterirdischen Welt zusätzliche Kabinen für die Junioren. Ein Trainerbüro. Verwinkelte Krafträume für die Spieler. Einen Aufenthaltsraum für die Frauen und Freundinnen der Spieler und für die Kinder. Räumlichkeiten zum Verstauen von Material. Aber nicht alles auf einer Ebene. Wir steigen Treppen hinauf und Treppen hinab. Wie viele Kammern sind es? Ich habe sie nicht gezählt. Aber 20 sind es mindestens.

Non mollare mai!

An einer Wand lese ich einen Leitspruch und wer ihn gelesen hat weiss, warum sich Ambri seit dem Wiederaufstieg von 1985 im Hockeygeschäft zu behaupten vermag wie das gallische Dorf von Asterix und Obelix im römischen Weltreich. Auch ohne den Zaubertrank von Miraculix:

Ambri Valascia

«Wenn du nicht laufen kannst, dann gehe. Wenn du nicht gehen kannst, dann krieche. Tu, was du tun musst, aber geh vorwärts und gib nie auf. Gib niemals auf!» Bild: Pius Koller

In der Valascia könnte sich nebst der Bevölkerung des Dorfes auch eine ganze Kompanie unserer Gebirgstruppen einrichten. Inklusive Arrestlokal. Hätte es die Valascia in den 1930er- und 1940er-Jahren in dieser Form schon gegeben, dann wäre sie ein Eckpunkt des «Réduit», der weltberühmten Alpenfestung von General Henri Guisan geworden.

Ambri Valascia

In der unterirdischen «Folterkammer» stählen die Spieler ihre Körper. Bild: Pius Koller

Das ist die Valascia eben auch: ein «Réduit», eine Trutzburg, ein sicherer Rückzugsort. In Beton gegossene Geschichte. In Beton gegossene Leidenschaft. In Beton gegossener Ruhm. Aber auch in Beton gegossene Weltoffenheit und Versöhnung. Wenn der Gotthard als steinerne Seele der Schweiz bezeichnet wird, dann ist die Valascia mit der dazugehörenden Zivilschutzanlage die steinerne Seele Ambris, ja, unseres Hockeys.

Ambri Valascia

Charme hin oder her – über neue Kabinen wird sich kaum ein Spieler beschweren. Bild: Pius Koller

Diese Anlage, während des «Kalten Krieges» gebaut, um uns vor einem Feind aus dem Osten, vor den Russen zu schützen, haben die Russen schliesslich tatsächlich erobert. Igor Tschibirew, Pjotr Malkow, Waleri Kamenski, Dimitri Kwartalnow, Juri Leonow, Igor Fedulow und Oleg Petrow haben uns mit ihrer Kunst die Hockeyseele in so manchen bitterkalten Winternächten gewärmt. Und nie ist Ambri höher gestiegen als mit Oleg Petrow – bis hinauf auf den Gipfel des Qualifikationssieges. Bis hinauf in den Final. Und den hat Ambri im Frühjahr 1999 verloren. Gegen Lugano.

watson Eishockey auf Instagram

Selfies an den schönsten Stränden von Lombok bis Honolulu, Fotos von Quinoa-Avocado-Salaten und vegane Randen-Lauch-Smoothies – das alles findest du bei uns garantiert nicht. Dafür haben wir die besten Videos, spannendsten News und witzigsten Sprüche rund ums Eishockey.

Folge uns hier auf Instagram.

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Berühmte Sportler aus dem Kanton Tessin

Die zugige, kalte Valascia wäre nichts für unsere Andrea

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Interview

«Beim Corona-Impfstoff ist so ziemlich alles anders als bei der Grippe-Impfung»

Jürg Utzinger, Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts, erklärt im grossen Interview, wie es bei den Corona-Impfstoffen aussieht.

Die Meldungen über weitere Erfolge bei der Corona-Impfstoffentwicklung gingen jetzt wegen den US-Wahlen etwas unter. Können Sie kurz zusammenfassen, was sich bei der Forschung in den letzten Tagen getan hat?Jürg Utzinger: Es gibt zurzeit zwei Impfstoffe, die sehr weit fortgeschritten sind. In allererster Linie sind es die Entwicklungen der US-deutschen Kollaboration Pfizer/Biontech und der US-amerikanischen Moderna. Beim ersten Impfstoff wurde anfangs November 2020 bekannt, dass in 9 von 10 …

Artikel lesen
Link zum Artikel