Die ZSC Lions erreichen den Final – oder?
Gab es in unserem Hockey in der Neuzeit je so viel Aufregung, Hektik, Gelegenheit zur Polemik und Zirkus wie seit dem vergangenen Sommer? Wohl kaum.
In Ambri: zwei neue Trainer, ein neuer Sportchef, ein neuer Präsident. In Bern: ein neuer Trainer, ein entlassener Untersportchef und ein neuer General Manager. Neue Bandengeneräle im Elsgau (Pruntrut), in Biel, Genf und Zug. Dazu insgesamt 32 zusätzliche ausländische Spieler, die Mehrkosten von über einer Million verursacht haben.
Wahrlich, so viel Aufregung hat es gefühlt seit Menschengedenken nicht mehr gegeben. Unsere National League ist ein florierender Zweig der helvetischen Unterhaltungsindustrie.
Und doch: Im Chaos schlummert eine Ordnung. Jetzt, da in den Playoffs die Tage der Wahrheit gekommen sind, erscheint auf einmal alles ganz normal. Im Viertelfinal hatte wieder alles seine Ordnung. Davos (1.), Gottéron (2.), Servette (3.) und die ZSC Lions (4.) haben den Halbfinal erreicht. Immerhin spiegelt die Dramatik in zwei Viertelfinals (Servette gegen Lausanne, Gottéron gegen die Lakers) noch ein wenig die Unberechenbarkeit der vorangegangenen Wochen. Aber eben nur ein wenig.
Die ersten Vier der Qualifikation im Halbfinal vereint. Diese Normalität gab es in den letzten zehn Jahren nur zweimal. Der Theoretiker spricht von den normativen Kräften des Faktischen. Der Praktiker vom Glück des Tüchtigen.
Und tatsächlich, die Theorie der faktischen Kräfte wird bestätigt: Eine stabile wirtschaftliche Basis, volle Geldspeicher und ein kompetentes Management machen die Hälfte des Erfolgs aus und setzen sich durch. Die Davoser glitten nahezu unerschüttert durch die Qualifikation. Selbst der angekündigte Weggang von Topskorer Matej Stransky per Saisonende aus einem weiterlaufenden Vertrag wurde mit Gelassenheit hingenommen: Reisende soll man in diesem Geschäft nicht aufhalten.
In Genf feuerte Sportdirektor Marc Gautschi den völlig überforderten Operettentrainer Yorick Treille rechtzeitig schon Anfang Oktober und beförderte Ville Peltonen zum Chef. Servette erreichte den Halbfinal in sieben Spielen gegen Lausanne gewiss auch mit einem Augenzwinkern der Hockey-Götter. Doch hier gilt: Das Glück des Tüchtigen.
Die ZSC Lions wiederum hielten unbeirrbar an Marco Bayer fest. Mit gutem Grund: Er hat die Mannschaft zur Meisterschaft und zum Triumph in der Champions League geführt. Die Stabilität hat sich bewährt. Lugano vermochte die Zürcher im Viertelfinal nicht zu erschüttern.
In Fribourg haben Verletzungspech und alle Gerüchte um die schwindende Beliebtheit des Trainers, um einen Wechsel von Assistent Lars Leuenberger nach Ambri oder Bern und um die Unzufriedenheit von Leitwolf Lucas Wallmark die Mannschaft nicht aus der Spur gebracht.
Und so endeten die vier Viertelfinals mit dem – logischen – Sieg der Favoriten. Die Logik gebietet nun: Die Normalität geht im Halbfinal weiter. Davos (1.) bodigt die ZSC Lions (4.). Gottéron (2.) bezwingt Servette (3.).
Aber die unvergessene Dramatik, Aufregung, Hektik und Unberechenbarkeit zwischen September und März und die Ausgeglichenheit unter den vier Titanen verführen zu einer anderen Prognose:
- Die ZSC Lions ziehen in 7 Spielen in den Final ein. Die Davoser kommen von den Bergen herab und spielen auch so: direkt, geradlinig, mutig und manchmal wild. Die Checks hart, die Wege aufs gegnerische Tor kurz und das Selbstvertrauen unerschütterlich. Kurzum: Powerhockey.
Die ZSC Lions setzen dagegen Erfahrung, Geduld, bis ins Detail strukturiertes Spiel, defensive Stabilität, Härte und eine oft unterschätzte Leidenschaft.
HCD-Goalie Sandro Aeschlimann ist ein guter, aber noch kein grosser Goalie. Er hat die Meisterprüfung nach wie vor nicht absolviert. Simon Hrubec, der letzte Mann bei den ZSC Lions, hat die Meisterprüfung hingegen schon zweimal mit Bravour bestanden. Davos muss weiterhin auf den ersten Final seit 2015 warten. - Servette setzt sich in sechs Spielen durch. Die maximale Dramatik im Viertelfinal gegen die Lakers hat Gottérons «Copains» zwar nicht zu viel Energie gekostet. Wichtiger: Sie sind enger zusammengerückt und es fehlt nicht die Romantik: Julien Sprunger kann doch seine Karriere nicht ohne Meisterfeier beenden.
Aber was, wenn bei Gottéron die Emotionen sich in Ungeduld verwandeln? Auch die Genfer setzten sich gegen Lausanne in einem Drama über sieben Spiele durch und haben eine Qualität, die erneut entscheidend sein wird: Sie wissen aus frischer Erinnerung (2023), wie man Meister wird (Lausanne und Gottéron waren noch nie Meister). Sie sind geduldiger, gelassener, taktisch eher schlauer. Geduld gegen Emotionen. Präzision gegen Leidenschaft und eine gute Mischung aus Talent, Disziplin und Geduld.
Die nordische Angriffsreihe mit Markus Granlund, Sakari Manninen und Jesse Puljujärvi ist wahrscheinlich die beste Sturmlinie seit Gottérons Formation mit Andrej Chomutow, Slawa Bykow und Pascal Schaller. Und Stéphane Charlin, Servettes letzter Mann, ist auf einer Mission: Er kann endlich zeigen, dass er nicht nur ein guter und gutverdienender, sondern auch ein grosser Goalie ist.
Prognosen sind allerdings ein wenig wie Wettervorhersagen im Gebirge: Man kann sie machen, sollte sich aber nicht darauf verlassen. Erst recht nicht, wenn ein Chronist sie macht.
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