Jeff Skinner – der alte Mann und die Spektakel-Maschine
Welche Eigenschaften sollte ein Stürmer im modernen Hockey haben? Viele. Er sollte Anspiele gewinnen, seine Mitspieler besser machen und hinten aushelfen. Mit Biss und gut getimtem Forechecking für Unruhe im gegnerischen Drittel sorgen. Und natürlich Tore erzielen.
Aber eigentlich genügt eine einzige Qualität, um ein Held zu sein. Tore erzielen. Alles fräsen und forechecken, hinten aushelfen und spielmachen hätte nichts genützt, wenn Jeff Skinner gegen Meister Gottéron ohne Torerfolg geblieben wäre. Die Fans hätten im Rahmen der Nachbesprechung gefragt: Hat der Skinner heute eigentlich gespielt?
Der Kanadier ist beim Auftakt weder Fräser, der mit Sturmläufen oder krachenden Spektakelchecks Emotionen entfacht noch dominanter Lenker, der Gegenspieler auf sich zieht und Räume öffnet. Aber er ist: Vollstrecker. Keiner spielte beim Saisonauftakt eine so wichtige Rolle. Zugs Vincenz Rohrer und Luganos Captain Calvin Thürkauf führen zwar die Liga-Skorerliste mit der exakt gleichen Statistik (2 Tore/1 Assist) wie Jeff Skinner an. Aber möglicherweise hätten Zug (5:0 in Lausanne) und Lugano (6:3 gegen Servette) auch gewonnen, wenn Rohrer und Thürkauf höchstens einen Treffer beigesteuert hätten. Oder gar keinen. Biels Offensive hingegen hing vollständig von Skinner ab und der Kanadier hat sein Team vor einer bitteren, folgenschweren Niederlage bewahrt, die womöglich für Wochen Zweifel gesät hätte.
Christian Dubé macht aus Biel eine Spektakel-Maschine. «Firewagon Hockey» nennen die Nordamerikaner diesen wilden Offensiv-Stil, den die Edmonton Oilers in den 1980er-Jahren mit Wayne Gretzky so meisterhaft zelebrierten. Auch die Bieler inszenieren gegen den Meister eine offensive Feuerwehrübung sondergleichen. Und ohne Jeff Skinner hätte Gottéron gewonnen und wir würden jetzt das Loblied des strukturierten skandinavischen Hockeys, des kühlen Verstandes und des meisterlichen Selbstvertrauens, des Triumphes des Konters über den Sturmlauf anstimmen.
Kein anderer Sieger brauste beim Saisonauftakt so über das gegnerische Team hinweg wie die Bieler und erzielte aus so viel offensivem Aufwand so wenig Ertrag.
- Zug: 23 Schüsse für 5 Tore in Lausanne.
- Ambri: 34 Schüsse für 3 Tore in Pruntrut.
- Kloten: 29 Schüsse für 4 Tore in Rapperswil-Jona.
- Lugano: 28 Schüsse für 6 Tore gegen Servette.
- Davos: 28 Schüsse für 4 Tore gegen Langnau.
- ZSC Lions: 36 Schüsse für 5 Tore gegen den SCB.
Biel aber benötigte 40 Schüsse für 4 Tore und das letzte war eines ins leere Gehäuse.
Nach 33 Sekunden wirft Jeff Skinner mit dem 1:0 sozusagen den Funken ins offensive Pulverfass. Von nun an brennt es permanent lichterloh vor dem Kasten des tapferen Ludovic Waeber. 12:9 Abschlüsse im ersten, 12:9 im zweiten und 16:5 im dritten Drittel. Gottérons Meistertrainer Roger Rönnberg sieht sich schon im Mitteldrittel genötigt, ein Time-Out zu nehmen, um den Rhythmus der Bieler Offensive zu stören. Der permanente Druck führt im letzten Drittel zu vier Ausschlüssen und der vierte wird Gottéron zum Verhängnis und führt zum 3:2. Aber es ist ein offensiver Tanz am Abgrund der Niederlage: Zwischendurch geraten die Bieler gar 1:2 in Rückstand.
Christian Dubé formt mit drei ausländischen Stürmern (Lias Andersson, Marcus Sylvegard, Jeff Skinner) in einer Linie einen offensiven Vorschlaghammer. Aber die Rechnung geht nur dank Jeff Skinners unbekümmerter Kaltblütigkeit auf. Wer sich in über 1000 NHL-Partien bewährt hat, lässt sich auch in Biels Treibhaus der Emotionen nicht aus der Ruhe bringen.
Biels Trainer ahnt, ja, er weiss wie riskant die «totale» Spielweise seines Teams ist. Er sagt, es sei das Hockey, das er verlange, räumt dann eher in einem Nebensatz ein, dass es nun darum gehe, eine noch bessere Balance zu finden. Wohl wahr. Sonst endet Biels Sturmlauf im Tabellenkeller. Jeff Skinner wird bei diesem Stil der wichtigste Einzelspieler. Die Bieler haben genug Fräser und Forechecker, offensive Schillerfalter und defensive Vorarbeiter, Spielmacher und Einfädler. Aber offensichtlich nur einen, der verlässlich ins Tor trifft: Jeff Skinner.
Obwohl er noch nicht in Hochform ist und die Beine bei gut 18 Minuten Eiszeit nach und nach schwerer werden. Die Anstrengung ist ihm nach dem Spiel noch anzusehen, als er freundlich Auskunft gibt. Ganz so, wie er das im Rahmen von über 1000 NHL-Spielen gelernt hat. Er rühmt seine Mitspieler, die gute Defensivarbeit und die Stimmung im Stadion. Bescheiden und demütig, wie grosse Spieler nun mal sind.
Christian Dubé geht davon aus, dass Jeff Skinner noch besser wird. Er sollte jeden Abend die Hockeygötter bitten, dass das so sein wird. Denn ohne die Tore des Kanadiers kann Biels Spektakelmaschine nicht funktionieren. Und es könnte helfen, wenn er die modische Krawatte mit den blauen Punkten als Glücksbringer fortan bei Heimspielen immer umbindet. Seine offensive Rechnung wird nur mit viel, viel Glück und dem alten Mann aus der NHL aufgehen.
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