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Zug scheitert – ein Drama, das unserer Liga zur Ehre gereicht

Sven Senteler from Zug of Switzerland during the Semifinal game of the Champions Hockey League match between Switzerland's EV Zug and Tappara Tampere of Finland, in Zug, Switzerland, Tuesday, Jan ...
Sven Senteler und der EV Zug konnten die 0:2-Hinspiel-Niederlage gegen Tappara Tampere nicht mehr umbiegen.Bild: keystone
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Zug scheitert – ein Drama, das unserer Liga zur Ehre gereicht

Die letzte Wahrheit steht nicht immer oben auf der Resultattafel. Zug verliert im besten Saisonspiel gegen den finnischen Meister Tappara Tampere 2:3 und war doch dem Final der Champions League ganz, ganz nahe. Ein Drama auf höchstem Niveau.
18.01.2023, 07:1418.01.2023, 14:39
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Zwei Spiele, sechs Drittel, zwei Niederlagen. 0:2 in Tampere, 2:3 auf eigenem Eis. Alles klar? Statistisch ja. Hockeytechnisch nein. Die Zuger führen im Rückspiel 1:0 und gleich zu Beginn des Schlussdrittels 2:1. Nur 38 Sekunden nach Wiederbeginn trifft Fabrice Herzog im letzten Drittel im Powerplay zum 2:1. Nun liegt ein dritter Treffer, der eine Verlängerung und vielleicht ein Penaltyschiessen ermöglicht, in der Luft. 2 Minuten und 28 Sekunden vor Schluss verlässt Leonardo Genoni das Eis für einen sechsten Feldspieler. Es ist der dramatische Höhepunkt dieses Halbfinals und endet mit dem alles entscheidenden Treffer zum 2:2 ins leere Tor. Das 2:3 hat keine Bedeutung mehr.

Rückblickend erkennen wir: Die Zuger haben diesen Halbfinal gegen den Champion aus dem Land des Olympiasiegers und Weltmeisters nicht im Rückspiel verloren. Sondern in der ersten Partie in Tampere vor einer Woche. Dort haben sie die Intensität des zweiten Spiels nie auch nur annähernd erreicht, waren chancenlos und verloren 0:2. Sie entfalten erst im Rückspiel das beste Hockey der Saison. Nicht das spektakulärste. Aber das mit Abstand intensivste und taktisch beste. Kein offensives Sonntagshockey und keine sorglose defensive Folklore wie so oft in der Meisterschaft.

Nach zehn Minuten kommt die Intensität ins Spiel, die es Zug ermöglicht, die defensiv stabilen Finnen aus der neutralen Zone über die blaue Linie ins gegnerische Verteidigungsdrittel zu drücken. Oder noch anders gesagt: In den zwei Halbfinalpartien (mit insgesamt 120 Minuten) sehen wir erst ungefähr ab der 70. Minute das wahre, das grosse Zug. Und trotz dieses späten Erwachens hätte es beinahe gereicht. Gut möglich, dass sich die Zuger in einer längeren Serie über drei, fünf oder sieben Spiele durchgesetzt hätten.

The Players from Tampere reacts after the 2:2 goal during the Semifinal game of the Champions Hockey League match between Switzerland's EV Zug and Tappara Tampere of Finland, in Zug, Switzerland, ...
Am Ende jubelten die Finnen und machten den Einzug in den Final klar.Bild: keystone

Dieses Rückspiel ist die intensivste Partie der Saison, noch eine Spur besser als der Final des Spengler Cups (Ambri – Sparta Prag 3:2 n. P). Einerseits ein defensives Lehrstück der Finnen und andererseits eine gut strukturierte offensive Dynamik der Zuger auf europäischem Niveau. Zug, in der Meisterschaft nicht in der oberen Tabellenhälfte (9.), offensiv bloss die Nummer sechs und defensiv die Nummer sieben der National League, legt Ehre ein für unsere höchste Liga.

Haben die Zuger alles richtig gemacht? Oder gibt es einen Sündenbock? Zug hat alles richtig gemacht und es gibt keinen Sündenbock. Taktik und Disziplin stimmten. Bei maximalem Einsatz kassiert der Schweizer Meister keine einzige Strafe und die Mannschaft lässt sich auch durch den Ausfall von Grégory Hofmann durch eine Fussverletzung (21.) nicht irritieren.

Richtigerweise hat Trainer Dan Tangnes Leonardo Genoni vom Eis geholt, um das dritte Tor zu erzwingen. Kritik wäre billige Polemik. In der Regel gelingt es in einem solchen Fall, die Scheibe in der gegnerischen Zone zu behaupten. Aber manchmal eben nicht. Das ist die Unberechenbarkeit dieses Spiels auf rutschiger Unterlage. Zugs Trainer sagt denn auch, er würde in der gleichen Situation wieder so handeln.

Dan Tangnes spricht nach dem Spiel von einer tiefen Frustration, die es noch zu verarbeiten gebe. Davon, dass es so eine Situation sei, in der man am liebsten einen Stuhl zertrümmern würde. Was dieser «Hexenmeister» der emotionalen Selbstkontrolle nicht getan hat. Wenn er sagt, er sei stolz auf diese Mannschaft, dann ist es keine Floskel.

Seit der Finalniederlage von 2019 gegen den SC Bern ist den Zugern eigentlich alles gelungen. Die Playoffs von 2020 sind der Pandemie zum Opfer gefallen, die Titel von 2021 und 2022 haben sie gewonnen. Nun ist es das erste Scheitern seit 2019. Hat dieses Scheitern für den Titelverteidiger Auswirkungen auf den Rest der Saison?

Dan Tangnes geht davon aus, dass das dramatische Scheitern keine Nachwirkungen haben wird. Diese Annahme (oder Hoffnung) ist dann berechtigt, wenn das Drama der Champions League die Demut und Bescheidenheit fördert, die oben in der Chefetage (nicht unten in der Kabine) nach zwei gewonnenen Meisterschaften hin und wieder ein wenig verloren gegangen sind und die es doch braucht, wenn ein dritter Titel in Serie gelingen soll.

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quelle: keystone / ennio leanza
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38 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Thomas Meister
18.01.2023 08:29registriert April 2019
Zug war gestern sehr stark, sie spielten sehr gutes Eishockey. Aber am Ende zählen die Tore und die kamen nicht. Die bessere Mannschaft ist jene die gewinnt, mit allem anderen kann man sich nichts kaufen. Und es gibt einen Sündenbock. Das Tangnes den Torhüter vom Eis nimmt ist absolut logisch, sein Team braucht ein Tor. Allerdings war der Zeitpunkt komplett falsch. Zug hatte gestern ein sehr gutes Powerplay, konnte die Scheibe oft kontrollieren und Druck machen. Wieso nimmt Tangnes Genoni vom Feld wenn man die Scheibe noch nicht kontrolliert? Etwas mehr Geduld und man hätte eine Chance gehabt.
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f303
18.01.2023 08:15registriert Februar 2014
Noch ein Nachtrag: Im Stadion fühlte sich der Moment, als Genoni vom Eis geholt wurde vollkommen falsch an. Bei doppelter Überzahl den Goalie zu ziehen war unnötig. Besonders 10 Sekunden bevor der 4. Mann wiederkam. Die Neuordnung führte dann auch zum Ausbruch und Empty netter. Aus meiner Sicht hätte man das Powerplay laufen lassen sollen. Die Chancen waren gut in dieser Phase des Spiels. Am Ende hätte es immer noch 40 Sekunden für das letzte Mittel gehabt. Ein Goal hätte ja für die Verlängerung erstmal gereicht. So kam der (Genick-)Bruch sehr früh in der Schlussphase.
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Jtones
18.01.2023 10:25registriert August 2020
Unglaublich intensives Hockey. Schade hat es nicht gereicht und mir tun die Leute leid, die nicht ans Spiel gekommen sind. Das war Hockey vom feinsten.
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