Gianni Infantino und die Ohnmacht der europäischen Romantiker
Die FIFA gehört zu den erfolgreichsten Geldmaschinen der Weltgeschichte. Durchschnittlich fliessen Jahr für Jahr gut drei Milliarden in die FIFA-Kassen.
Die FIFA ist als gemeinnütziger Verein nach helvetischem Recht konstituiert. Sie geniesst dadurch erhebliche steuerliche Vorteile und juristische Freiheiten. Die Erklärung für dieses Privileg: Der grösste Teil des Geldes fliesst angeblich in die Entwicklung des Sports. Wahrlich ein Schelm und Schuft, wer bei diesem Geldverteilungssystem an Korruption denkt. Dazu kommt: Die Kosten für den Motor der Geldmaschine – in erster Linie die alle vier Jahre stattfindende WM - werden zum grössten Teil aus öffentlichen Kassen bestritten. Mit dem Hinweis auf die globale Ausstrahlung werden die Kosten für Infrastruktur und Sicherheit sozialisiert (von Staaten und Städten getragen) und die Gewinne privatisiert.
Bei der Analyse der Skandale und politischen Machtspiele, die den Weltfussballverband hin und wieder erschüttern und für weltweite Schlagzeilen sorgen, gibt es ein einfaches Rezept: «Follow the money» («Folge der Spur des Geldes»). Romantiker sorgen sich um die «Seele» des Sportes und um die Integrität der Führungspersönlichkeiten.
Gerade in der westlichen Welt ist die Naivität der FIFA-Kritiker erstaunlich und nichts ist so wohlfeil wie die Kritik an FIFA-Obmann Gianni Infantino. Die Empörungsliteratur füllt ganze Regale im Büchergestell: «FIFA Mafia – die schmutzigen Geschäfte im Weltfussball», «Wie das Spiel verlorenging – die korrupten Geschäfte zwischen FIFA und Medien», «Der Kick des Geldes oder wie unser Fussball verkauft wird», «In den Sand gesetzt – Katar, die FIFA und die Fussball-WM 2022». Und bereits wird ein neues Werk angekündigt: «Die Fussball-Mafia – wie die FIFA das schönste Spiel verkauft.»
Seit 2012 verfügt die FIFA sogar über eine unabhängige Ethikkommission: FIFA Ethics Committee. Sie untersucht mutmassliche Verstösse gegen den FIFA-Ethikkodex wie Korruption, Bestechung, Interessenkonflikte, Manipulation, Diskriminierung oder Machtmissbrauch und kann die Verhängung von Sanktionen wie Geldstrafen, Sperren oder lebenslange Tätigkeitsverbote im Fussball aussprechen. Potz Donner! Da geht wahrlich alles mit rechten Dingen zu! Jawoll! Tatsächlich wird dieses Gremium bevorzugt für interne Machtkämpfe instrumentalisiert und dürfte unter anderem unserem Sepp Blatter und der französischen Legende Michel Platini zum Verhängnis geworden sein.
Die Hunde bellen, die internen Kontrollorgane knurren, die Karawane zieht weiter. Gianni Infantino kann tun und lassen, was er mag. Solange er nicht die US-Justiz gegen sich aufbringt, kommt er so ziemlich mit allem durch, was vor allem westliche Puritanerinnen und Puritaner und Romantikerinnen und Romantiker empört. Aber eines darf er nicht zulassen: dass auch andere als die Angehörigen der globalen FIFA-Familie im Geldfluss der Fussball-WM baden.
Der Versuch, private Investoren – und erst noch aus Amerika – an diesem globalen Ereignis zu beteiligen, war eine «Todsünde», die seine Position in den Grundfesten erschütterte. Er hat gerade noch rechtzeitig zurückgerudert. Eine Beteiligung von Investoren, die nicht zur FIFA-Familie gehören, hätte weitreichende Folgen gehabt und letztlich das ganze Erfolgsmodell gefährdet. Von Einflussnahme auf das Spiel bis zu Rechenschaftspflichten über Geldflüsse und Einmischung staatlicher Justiz.
Der populärste Sport ist ein globales Geschäft und längst ein Abbild der geopolitischen Verhältnisse. Einst wurde die FIFA am 21. Mai 1904 in Paris von sieben europäischen Fussballverbänden (Belgien, Dänemark, Frankreich, Holland, Schweden, Spanien, Schweiz) gegründet. Da ging es nur um die Romantik des runden Leders.
Heute zählt die FIFA 211 Mitglieder aus allen sechs Kontinenten und ist globaler als die UNO, die 193 Mitgliedstaaten zählt. Der europäische Unterverband (UEFA) vereint 55 Mitglieder. Dazu gehören unter anderem Russland, Kasachstan, Belarus, Kosovo, Georgien, Armenien oder Aserbaidschan.
Nicht nur Zynikerinnen und Zyniker fragen: Nach wessen Pfeife muss der FIFA-Präsident tanzen, wenn er sein Amt behalten will? Wer entscheidet über seinen Sturz und über die politische Kultur? Die paar europäischen Romantikerinnen und Romantiker mit dem westlich-demokratischen Rechtsverständnis oder die Vertreterinnen und Vertreter aus Asien, dem Morgenland, Südamerika und Afrika, die oft ganz andere Staatsformen gewohnt sind und nicht nur von lupenreinen Demokratinnen und Demokraten regiert werden? Was bei uns für Empörung sorgt, wird von anderen Kulturen anders beurteilt.
Letztlich ist die FIFA also längst ein Abbild der weltpolitischen Machtarchitektur: Vor gut hundert Jahren beherrschte Europa (und seine Werte) die Welt. Bis 1922 kontrollierte allein das Britische Empire ein Viertel der Erde. Nach dem Motto:
Heute sind die europäischen Landesverbände nicht einmal mehr dazu in der Lage, Gianni Infantino des Amtes zu entheben.
