Sport
Analyse

Gianni Infantino – nicht einmal die Europäer können ihn noch stürzen

FILE - FIFA President Gianni Infantino, right, talks to UEFA President Aleksander Ceferin during the FIFA 75th Congress at the Conmebol Convention Center in Luque, Paraguay, Thursday, May 15, 2025. (A ...
Die Hierarchie ist klar: Nicht einmal die Europäer unter UEFA-Präsident Aleksander Ceferin können FIFA-Präsident Gianni Infantino ernsthaft gefährden.Bild: keystone
Analyse

Gianni Infantino und die Ohnmacht der europäischen Romantiker

Was hält kommerziell erfolgreiche globale Sportverbände wie die FIFA zusammen? Das Geld. Alles andere ist am Ende des Tages nebensächlich. Deshalb bleibt Gianni Infantino FIFA-Obmann. Obwohl er eine «Todsünde» begangen hat.
06.08.2026, 19:4506.08.2026, 20:38

Die FIFA gehört zu den erfolgreichsten Geldmaschinen der Weltgeschichte. Durchschnittlich fliessen Jahr für Jahr gut drei Milliarden in die FIFA-Kassen.

Die FIFA ist als gemeinnütziger Verein nach helvetischem Recht konstituiert. Sie geniesst dadurch erhebliche steuerliche Vorteile und juristische Freiheiten. Die Erklärung für dieses Privileg: Der grösste Teil des Geldes fliesst angeblich in die Entwicklung des Sports. Wahrlich ein Schelm und Schuft, wer bei diesem Geldverteilungssystem an Korruption denkt. Dazu kommt: Die Kosten für den Motor der Geldmaschine – in erster Linie die alle vier Jahre stattfindende WM - werden zum grössten Teil aus öffentlichen Kassen bestritten. Mit dem Hinweis auf die globale Ausstrahlung werden die Kosten für Infrastruktur und Sicherheit sozialisiert (von Staaten und Städten getragen) und die Gewinne privatisiert.

FIFA-Präsident Gianni Infantino mit Geldbündeln im Mund beim Richtfest der Persiflagewagen und Karnevalswagen zum Kölner Rosenmontagszug 2023 in der Koelnmesse. Der Jubiläumszoch startet anlässlich 20 ...
Am Ende geht es nur ums Geld, wie auch dieser Kölner Karnevalswagen zeigt.Bild: www.imago-images.de

Bei der Analyse der Skandale und politischen Machtspiele, die den Weltfussballverband hin und wieder erschüttern und für weltweite Schlagzeilen sorgen, gibt es ein einfaches Rezept: «Follow the money» («Folge der Spur des Geldes»). Romantiker sorgen sich um die «Seele» des Sportes und um die Integrität der Führungspersönlichkeiten.

Gerade in der westlichen Welt ist die Naivität der FIFA-Kritiker erstaunlich und nichts ist so wohlfeil wie die Kritik an FIFA-Obmann Gianni Infantino. Die Empörungsliteratur füllt ganze Regale im Büchergestell: «FIFA Mafia – die schmutzigen Geschäfte im Weltfussball», «Wie das Spiel verlorenging – die korrupten Geschäfte zwischen FIFA und Medien», «Der Kick des Geldes oder wie unser Fussball verkauft wird», «In den Sand gesetzt – Katar, die FIFA und die Fussball-WM 2022». Und bereits wird ein neues Werk angekündigt: «Die Fussball-Mafia – wie die FIFA das schönste Spiel verkauft.»

Seit 2012 verfügt die FIFA sogar über eine unabhängige Ethikkommission: FIFA Ethics Committee. Sie untersucht mutmassliche Verstösse gegen den FIFA-Ethikkodex wie Korruption, Bestechung, Interessenkonflikte, Manipulation, Diskriminierung oder Machtmissbrauch und kann die Verhängung von Sanktionen wie Geldstrafen, Sperren oder lebenslange Tätigkeitsverbote im Fussball aussprechen. Potz Donner! Da geht wahrlich alles mit rechten Dingen zu! Jawoll! Tatsächlich wird dieses Gremium bevorzugt für interne Machtkämpfe instrumentalisiert und dürfte unter anderem unserem Sepp Blatter und der französischen Legende Michel Platini zum Verhängnis geworden sein.

SWITZERLAND, Zurich : This photo taken on July 20, 2015 in Zurich, Switzerland, shows FIFA president Sepp Blatter attending a press conference at the football's world body headquarter's. The ...
Schon bei Infantino-Vorgänger Sepp Blatter gab es Korruptionsvorwürfe. Bild: www.imago-images.de

Die Hunde bellen, die internen Kontrollorgane knurren, die Karawane zieht weiter. Gianni Infantino kann tun und lassen, was er mag. Solange er nicht die US-Justiz gegen sich aufbringt, kommt er so ziemlich mit allem durch, was vor allem westliche Puritanerinnen und Puritaner und Romantikerinnen und Romantiker empört. Aber eines darf er nicht zulassen: dass auch andere als die Angehörigen der globalen FIFA-Familie im Geldfluss der Fussball-WM baden.

Der Versuch, private Investoren – und erst noch aus Amerika – an diesem globalen Ereignis zu beteiligen, war eine «Todsünde», die seine Position in den Grundfesten erschütterte. Er hat gerade noch rechtzeitig zurückgerudert. Eine Beteiligung von Investoren, die nicht zur FIFA-Familie gehören, hätte weitreichende Folgen gehabt und letztlich das ganze Erfolgsmodell gefährdet. Von Einflussnahme auf das Spiel bis zu Rechenschaftspflichten über Geldflüsse und Einmischung staatlicher Justiz.

Der populärste Sport ist ein globales Geschäft und längst ein Abbild der geopolitischen Verhältnisse. Einst wurde die FIFA am 21. Mai 1904 in Paris von sieben europäischen Fussballverbänden (Belgien, Dänemark, Frankreich, Holland, Schweden, Spanien, Schweiz) gegründet. Da ging es nur um die Romantik des runden Leders.

Heute zählt die FIFA 211 Mitglieder aus allen sechs Kontinenten und ist globaler als die UNO, die 193 Mitgliedstaaten zählt. Der europäische Unterverband (UEFA) vereint 55 Mitglieder. Dazu gehören unter anderem Russland, Kasachstan, Belarus, Kosovo, Georgien, Armenien oder Aserbaidschan.

Nicht nur Zynikerinnen und Zyniker fragen: Nach wessen Pfeife muss der FIFA-Präsident tanzen, wenn er sein Amt behalten will? Wer entscheidet über seinen Sturz und über die politische Kultur? Die paar europäischen Romantikerinnen und Romantiker mit dem westlich-demokratischen Rechtsverständnis oder die Vertreterinnen und Vertreter aus Asien, dem Morgenland, Südamerika und Afrika, die oft ganz andere Staatsformen gewohnt sind und nicht nur von lupenreinen Demokratinnen und Demokraten regiert werden? Was bei uns für Empörung sorgt, wird von anderen Kulturen anders beurteilt.

France v Iraq: Group I - FIFA World Cup, WM, Weltmeisterschaft, Fussball 2026 PHILADELPHIA, PENNSYLVANIA - JUNE 22: FIFA President Gianni Infantino prior to the FIFA World Cup 2026 Group I match betwe ...
Während Infantino in Europa kritisch gesehen wird, wird er auf anderen Kontinenten kräftig unterstützt.Bild: IMAGO/Visionhaus

Letztlich ist die FIFA also längst ein Abbild der weltpolitischen Machtarchitektur: Vor gut hundert Jahren beherrschte Europa (und seine Werte) die Welt. Bis 1922 kontrollierte allein das Britische Empire ein Viertel der Erde. Nach dem Motto:

«Über dem britischen Reich geht die Sonne niemals unter.»

Heute sind die europäischen Landesverbände nicht einmal mehr dazu in der Lage, Gianni Infantino des Amtes zu entheben.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Gianni Infantino – aus einem Dorf im Wallis an die Spitze der FIFA
1 / 28
Gianni Infantino – aus einem Dorf im Wallis an die Spitze der FIFA

Seit 2016 ist Gianni Infantino Präsident des Weltfussballverbands FIFA. Das waren die wichtigsten Momente und Stationen in der Karriere des Wallisers.

quelle: keystone / tony gutierrez
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Wer wird Infantinos Nachfolger?
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
29 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
29
Der englische Fussball testet eine neue Regel gegen Zeitspiel
Der englische Fussballverband hat möglicherweise eine Lösung gefunden, um zu verhindern, dass Torhüter absichtlich Zeit schinden. Was hältst du davon?
Schiedsrichter lassen das Spiel häufig weiterlaufen, wenn ein Feldspieler am Boden liegt – unabhängig davon, ob er tatsächlich verletzt ist oder dies nur vortäuscht. Anders ist die Situation bei Torhütern: Da ein Spiel ohne Goalie nicht fortgesetzt werden kann, ist der Schiedsrichter fast immer gezwungen, die Partie zu unterbrechen. Das wissen auch die Torhüter. Manche nutzen diese Besonderheit gezielt aus, um in der Schlussphase eines Spiels wertvolle Sekunden von der Uhr zu nehmen.
Zur Story