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Am Boden: Die Deutsche Lena Gössling auf dem Kunstrasen von Ottawa.
Am Boden: Die Deutsche Lena Gössling auf dem Kunstrasen von Ottawa.Bild: Bongarts

Und plötzlich ist der Kunstrasen an der Frauen-WM kein Thema mehr

Die USA und Japan bestreiten in der Nacht auf Montag (Schweizer Zeit) den Final der Frauenfussball-WM. Es ist das Ende eines Turniers, das mit grossen Diskussionen über die Spielfläche begann – welche nun aber kein Thema mehr ist.
03.07.2015, 12:4803.07.2015, 14:33
Kevin grün, vancouver

Für die Young Boys gehört er längst zum Alltag ihres Berufslebens. Denn im Berner Stade de Suisse gehen sie ihrer Profession schon seit Jahren auf einem Kunstrasen nach. Übrigens auf dem gleichen Fabrikat, wie es beim Endspiel der Frauen-WM in Vancouver ausliegt. Wie in Bern liegt auch im BC Place Stadium an der kanadischen Pazifik-Küste ein hochwertiges Kunstrasensystem der Firma polytan aus Deutschland.

Während der Kunstrasen in Bern seine Akzeptanz in der Welt des Männer-Fussballs gefunden hat, auf dem sogar Spiele der Europa League bei dichtestem Schneetreiben durchgeführt werden konnten, war im Vorfeld und zu Beginn des Turniers in Kanada die Rede von Diskriminierung. Wegen der WM-Endrunde auf dem künstlichen Geläuf.

YB gegen Stuttgart im tiefsten Winter: Auf Naturrasen undenkbar.
YB gegen Stuttgart im tiefsten Winter: Auf Naturrasen undenkbar.Bild: KEYSTONE

«Ach, ist der Rasen schön grün»

Für das sich der Veranstalter in Absprache mit der FIFA entschieden hatte. Aus gutem Grund: Denn die Ausstattung mit Naturrasen in den sechs Stadien der Endrunde sowie allen Trainingsplätzen, so wie es der Weltfussball-Verband für ein Endturnier vorschreibt, wäre bei den in Kanada herrschenden klimatischen Verhältnissen kaum möglich gewesen. So kamen auch ökonomische Gründe und die Nachhaltigkeit ins Spiel, so dass sich der Veranstalter für die Verwendung des Kunstrasens entschied.

Loriot, der bekannte deutsche Humorist, hätte seine Freude an den Spielflächen in Kanada. «Ach, ist der Rasen schön grün», heisst es in dem legendären Cartoon «Auf der Rennbahn», der seit den 70er-Jahren die deutschsprachige TV-Welt prägte. Ein Ausspruch, über den die Stars des Welt-Frauenfussballs vor dem Turnier in Kanada gar nicht lachen konnten. Von Nadine Angerer, der deutschen Torfrau, bis hin zu Aby Wambach, der Torjägerin des US-Teams, regte sich der Widerstand. Selbst eine Klage wegen Sexismus und Diskriminierung wurde in Ottawa eingereicht, unterschrieben von etwa 50 Fussballerinnen weltweit. Doch die wurde Anfang 2015 zurückgezogen.

Dafür wurde die Kritik zu Beginn des Turniers in Kanada wieder laut. Garniert wurden die Klagen mit Fotos von zerschundenen Beinen der Frauen. «Wir hatten den Eindruck, dass diese Thematik bewusst offensiv in die Medien getragen wurde. Da wurde vielfach mit Archivmaterial gearbeitet. Zudem kam hinzu, dass zum Start ungewöhnlich hohe Temperaturen in Kanada herrschten und dass die Gastgeber nicht ausreichend gewässert hatten», meint Marcus Deimling, CEO der Firma polytan. Doch die anfängliche Polemik ist abgeebbt, bzw. ist kein Thema mehr.

Kunstrasen ist nicht gleich Kunstrasen

«Das Thema Kunstrasen ist eben immer emotional belegt. Was uns treibt, ist dem Sport einen Untergrund zu geben, egal unter welchen klimatischen und wirtschaftlichen Bedingungen. Es wird oftmals nicht differenziert. Kunstrasen wird als Synonym genommen, es wird nicht unterschieden zwischen einem, den man im Baumarkt kaufen kann und einem spezifizierten Hochleistungssystem», glaubt Frank Dittrich, CEO der Sportgroup Holding, sozusagen der Mutterfirma von polytan. «Wer dem Fussball was Gutes will, der muss dafür sorgen, dass man auch Fussball spielen kann. Man muss auch an die Ressourcen denken, man muss versuchen, dem Spiel einen Boden zu geben. Das ist das Ziel. Es ist schade, wenn man durch die Polemik in Kanada zurückgeworfen wird. Aber ich sehe die Diskussion weniger emotional.»

Längst hat sich der Kunstrasen durchgesetzt, zumindest im Amateurbereich und Breitensport. Besonders in den Ballungsgebieten werden die hochwertigen Systeme verlegt. Zu dem gehören nicht nur die vier Zentimeter hohen Halme, sondern ein hochwertiges Infill mit speziellen Granulaten, die für eine angenehme und strapazierfähige Beschaffenheit sorgen. Die bei Weitem nicht die kostspielige Pflege bei Naturrasen verschlingen.

Der Kunstrasen im Finalstadion von Vancouver, in dem auch die Schweizer Frauen-Nati spielte.
Der Kunstrasen im Finalstadion von Vancouver, in dem auch die Schweizer Frauen-Nati spielte.Bild: AP/CP

«Wir beschäftigen uns seit 40 Jahren mit den Themen Kraftabbau und biomechanische Belastung. Ein Teppichproduzent könnte auch die Rolle anschmeissen, dann käme da irgendwann auch ein Rasen raus, der ebenfalls grün ist. Die Bandbreite zwischen Kunstrasen und Kunstrasen ist so, als wenn ich sage: ‹Ein Auto ist schlecht›. Rede ich von einem Dacia, von einem Porsche? Durch die in der DIN-Norm vorgegebene Bauweise in Deutschland haben wir den besten Stand auf der Welt. Im Durchschnitt sind wir auf Toplevel», erklärt Dittrich seine Erfahrungen mit dem Produkt.

«Heisse Füsse» wegen schlechter Produkte

Etwa 300'000 Euro kostet ein erstklassiges System, so wie es auch in Vancouver beim Finale der Frauen-WM bespielt wird. «FIFA 2 Star Recommanded» – dahinter verbirgt sich das zertifizierte Anforderungsprofil seitens des Weltverbandes. Und dennoch ist Kunstrasen nicht gleich Kunstrasen. Neben der Firma polytan haben drei nordamerikanische Mitbewerber ihre Produkte in Kanada verlegt. Teilweise mit schwarzem Granulat – hergestellt aus recycelten Autoreifen. Das heizt sich selbst unter der Sonne Kanadas auf und führt zu «heissen Füssen» bei den Frauen.

Der Männersport Fussball dagegen ist noch nicht überall soweit. Traditionalismus? «Die Deutsche Fussball-Liga hat entschieden, dass in deutschen Stadien keine synthetischen Rasen liegen dürfen. Andere Ligen sagen, dass es okay ist. In Skandinavien zum Beispiel, in den Niederlanden, in der Schweiz, Österreich, Frankreich oder Russland. Die DFL sagt Nein, aber dafür muss jeder Klub mindestens ein Trainingsfeld mit Kunstrasen vorweisen. Fakt ist: Der Profi bevorzugt den Naturrasen, der Stadionbetreiber eher den Kunstrasen. Der Naturrasen kann nur fünf Stunden pro Woche bespielt werden, zwei, drei Spiele. Ein Kunstrasen dagegen bietet eine wöchentliche Bespielbarkeit von etwa 50 Stunden. Das ist Faktor 10! Es sind zwei verschiedene Paar Schuhe», erklärt Deimling die Entwicklung im Fussball. In anderen Sportarten hat Kunstrasen eine ganz andere Entwicklung genommen. Im Feldhockey wird weltweit fast zu hundert Prozent auf Kunstrasen gespielt, im American Football und Rugby mit zunehmender Tendenz. Dazu kommen Sportarten wie Cricket und Tennis.

Und der Fussball wird nachziehen. «Wir messen inzwischen seit acht Jahren die Performance. Das Rollverhalten, wie hoch springt der Ball, welche Härte hat der Platz, der Widerstand beim Drehverhalten – da sind wir nicht schlechter als der Naturrasen», weiss Experte Deimling zu berichten. Das mussten inzwischen auch die Frauen bei der WM in Kanada erfahren. An der «Klagemauer» ist es zunehmend ruhig geworden. Selbst bei Wortführerinnen wie Angerer und Wambach. Von den Young Boys ganz zu schweigen.

Die Schweizer Frauen scheitern im Achtelfinal

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Die Schweizerinnen scheiden an der WM aus
quelle: getty images north america / jeff vinnick
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