FIFA hat mit Balogun-Entscheid die Büchse der Pandora geöffnet – was nun droht
Die FIFA hat erstmals in ihrer Geschichte eine Sperre während einer Weltmeisterschaft auf Bewährung ausgesetzt. So darf der US-Stürmer Folarin Balogun im Achtelfinal gegen Belgien spielen, obwohl er im Sechzehntelfinal gegen Bosnien-Herzegowina die Rote Karte gesehen hat. Dies hat eine automatische Spielsperre zur Folge – der Weltfussballverband hat Balogun jedoch begnadigt. Die Reaktionen und die Kritik waren daraufhin heftig. Die UEFA sprach zum Beispiel von einer überschrittenen roten Linie.
Ein Grund für den Ärger sind die Umstände rund um den Entscheid: Unter anderem fand zwischen dem Platzverweis und dem Entscheid des FIFA-Disziplinarkomitees ein Telefonat zwischen US-Präsident Donald Trump und FIFA-Präsident Gianni Infantino statt. Und obwohl Letzterer verneint, dass das einen Einfluss auf den Fall Balogun hatte, scheint damit die Büchse der Pandora geöffnet worden zu sein.
Denn wie in englischen Medien nun berichtet wird, überlege sich der dortige Verband FA nun, die Sperre gegen Jarell Quansah anzufechten. Der 23-jährige Verteidiger sah im Achtelfinal gegen Mexiko (3:2) wie Balogun nach einem Eingriff des VAR direkt Rot. Die FIFA erlaubt eigentlich gar nicht, Berufung gegen Sperren einzulegen. Dies hatten Vertreter des Weltverbands nach der Roten Karte gegen Balogun gegenüber «The Athletic» bestätigt.
Beim späteren Entscheid, die Sperre auf Bewährung auszusetzen, berief es sich auf Artikel 27 des Disziplinarreglements, wonach die Durchführung einer Disziplinarmassnahme ganz oder teilweise ausgesetzt werden kann. Dies wurde zuvor aber bei einer Weltmeisterschaft noch nie getan. Die Regel erlaubt es der FIFA also de facto, nach ihrem Gutdünken zu entscheiden.
Als Reaktion hat der britische Abgeordnete Noah Law einen Brief an Gianni Infantino verfasst. In etwas spöttischem Ton bat er darin um die Aufhebung der Sperre gegen Quansah. «Während ich es für richtig halte, dass Jarell Quansah die Rote Karte erhalten hat, und ich glaube, dass die Regeln für alle gleich gelten sollten, sollte die Sperre auf nach der WM verschoben werden», schrieb der 32-jährige Labour-Politiker und verwies auf die ähnliche Situation rund um Balogun.
🚨🏴 NEW: Labour MP Noah Law has asked FIFA President Gianni Infantino to delay Jarell Quansah’s red card suspension until after the World Cup pic.twitter.com/NQJ2Nn1URm
— Politics Global (@PolitlcsGlobal) July 6, 2026
Die Integrität eines Turniers hänge auch davon ab, dass die Regeln für alle Nationen gleich angewandt würden. «Ich bin sicher, dass wir es nicht rechtfertigen könnten, wenn ein Spieler von einer aufgehobenen Sperre profitiert, während ein anderer unter ähnlichen Umständen dies nicht tut», so Law.
Zusätzlich habe auch der französische Fussballverband (FFF) Berufung gegen die Gelbe Karte von Michael Olise beim 1:0-Sieg im Achtelfinal gegen Paraguay eingelegt, wie The Athletic weiss. Der Offensivspieler wurde nach einer Auseinandersetzung mit Matias Galarza verwarnt. Der Paraguayer ging zu Boden und hielt sich das Gesicht. Die Videobilder zeigten jedoch, dass Olise lediglich am Trikot des Gegenspielers gezerrt, ihn aber nicht im Gesicht getroffen hatte. Sollte Olise im Viertelfinal erneut eine Gelbe Karte erhalten, würde er im Halbfinal gesperrt fehlen. Der französische Verband teilte aber mit, dass die Berufung keine Reaktion auf den Fall Balogun war. Stattdessen sei die Gelbe Karte gegen Olise unabhängig davon eine Ungerechtigkeit.
Dennoch hat die FIFA offensichtlich an einer zuvor unumstösslichen Wahrheit gerüttelt: Auf eine Rote Karte folgte bisher zuverlässig eine Sperre von mindestens einem Spiel. Gleiches gilt bei einer gewissen Anzahl Gelber Karten im gleichen Wettbewerb. Weil dies aber nicht mehr in jedem Fall gilt, drohen in Zukunft nach jedem Platzverweis grosse Diskussionen und Gestürm beim Weltfussballverband, dass diese Sperre doch nun auch ausgesetzt werden solle.
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