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Mauro (l.) und Gino Caviezel bei der Kleiderabgabe von Swiss Ski Ende September in Dübendorf.
Mauro (l.) und Gino Caviezel bei der Kleiderabgabe von Swiss Ski Ende September in Dübendorf. bild: imago-images.de
Interview

Die Caviezels vor dem Saisonstart: «Gino ist inzwischen technisch der bessere Skifahrer»

Die Caviezels sind das schnellste Brüderpaar im Skirennsport. Während der jüngere Gino beim Saisonstart in einer Woche in Sölden den Podestplatz aus dem Vorjahr wiederholen will, kämpft Speedspezialist Mauro mit den hartnäckigen Folgen eines Sturzes.
17.10.2021, 13:48
rainer sommerhalder / ch media

Lassen Sie uns über vier Begriffe diskutieren: Familie, Business, Mut und Selbstbewusstsein.
Gino Caviezel: Das tönt interessant.

Worin unterscheiden Sie sich?
Mauro Caviezel: Ich bin vielleicht etwas der geduldigere Mensch. Ich habe das inzwischen gelernt. Gino ist der junge Ungestüme.
Gino: Aber grundsätzlich teilen wir die gleichen Werte. Man merkt schon, dass wir von den gleichen Eltern erzogen wurden.
Mauro: Punkto Sozialkompetenzen sind wir auf der gleichen Linie. Deshalb haben wir es auch sehr gut in unserer Familie.

Und was die Fähigkeiten betrifft: Wer kann was besser?
Mauro: Man darf nicht vergessen, dass wir vier Jahre auseinanderliegen. In jungen Jahren war ich Gino deshalb stets etwas voraus. Er hat mir immer nachgeeifert und mich dadurch auch gefordert. Gino ist inzwischen technisch der bessere Skifahrer. Körperlich bin ich kräftiger und er flinker.

Ich habe eigentlich an etwas anderes gedacht. Wer kann schneller einen Pneu wechseln oder ist besser am Grill?
Mauro: Ich schlage vor, wir gehen das jetzt Punkt für Punkt durch (lacht). Betreff der handwerklichen Fähigkeiten nehmen wir uns gegenseitig immer hoch. Wir sind uns auch schon in die Haare geraten. Beide haben einen Plan und beide denken, ihr Plan sei der bessere. Aber meistens setzt sich mein Plan durch (lacht).
Gino: Wir beide haben unsere Meinung. Aber Mauro davon zu überzeugen, dass meine Meinung besser wäre, ist ziemlich schwierig (lacht). Er ist halt der grosse Bruder.

Sie nennen Mauro Ihr Vorbild. Wie muss man sich dieses Nacheifern in jungen Jahren vorstellen?
Gino: Er hat mich früh mitgezogen. Er war und ist für mich der grosse Bruder und nach wie vor ein Vorbild, wie er Dinge im Sport, im Privaten und im Sozialen anpackt.
Mauro: Das ist so viel Lob, ich muss dich bremsen (lacht).
Gino: Mauro musste im Skisport mit seinen Verletzungen einen harten Weg auf sich nehmen. Er hat aber bewiesen, dass sich kämpfen lohnt. Ich habe auch von seinen Erfahrungen auf diesem Weg profitiert.

In welchen Situationen war es frustrierend, nur der kleine Bruder zu sein?
Gino: Ich habe früh auch das Konditionstraining mit Mauro absolviert. Er war körperlich bald eine brutale Maschine. Als junger Athlet dachte ich immer, diese Werte erreiche ich dann später auch mal. Aber ich musste mir eingestehen, dass dies mit meinen Voraussetzungen nicht möglich ist. Es bereitete mir ein wenig Mühe, zu akzeptieren, dass ich meinen eigenen Weg gehen muss.
Mauro: Es ging früher halt punkto sportlicher Taten stets mehr um mich. Damit umzugehen, ist für einen jüngeren Bruder nicht immer einfach. Dass wir es so gut haben miteinander, ist die Basis für alles. Ob wir letztlich einen Rang weiter vorne oder hinten sind, ist für die Beziehung in unserer Familie zweitrangig.

Wann wären Sie lieber nicht der ältere Bruder gewesen?
Mauro: Bis jetzt kann ich damit leben. Aber ich werde älter, vielleicht muss man diese Frage in ein paar Jahren nochmals stellen. Am Morgen beim Aufstehen, wenn es überall zwickt, würde ich mir schon jetzt wünschen, jünger zu sein (lacht).

Kommen wir zum Business: Die Firma Eye-Systems Ihres Vaters, die Brillenfassungen herstellt, scheint auch für Sie beide eine wichtige Sache zu sein?
Mauro: Wir sind quasi mit dieser Firma gross geworden, weil wir Eltern haben, die am Esstisch über alles diskutiert haben. Klar können wir während der Skikarriere nicht ganz so tief im Geschäft drin sein. Aber wir haben durchaus unsere Leidenschaft in die Mitentwicklung einer Sportbrille gesteckt. Es ist eine Herzensangelegenheit.
Gino: Es tut gut, dass wir untereinander nicht immer nur über das Skifahren diskutieren müssen. Dieses Engagement dient auch dazu, den Kopf von Zeit zu Zeit vom Skizirkus abzuschalten. Und man lernt unternehmerisches Denken.
Mauro: Und wir können den Perfektionismus, mit dem wir im Skisport tagtäglich konfrontiert sind, in das Brillenprojekt einfliessen lassen. An welchen Schrauben man drehen muss, um besser zu werden. Diese Parallelen sind augenfällig. Deshalb bringen mich auch Gespräche mit Unternehmer als Sportler weiter.

Was lernt man im Unternehmen, was man auf der Piste nicht kennt?
Mauro: Die verschiedenen Märkte kennen zu lernen. Jedes Land hat andere Regeln und Gesetze, auch der Umgang unterscheidet sich in den einzelnen Nationen.

Wo hilft das unternehmerische Denken beim Skifahren?
Gino: Strategisch muss man gut arbeiten. Etwa bei der Genauigkeit, wie man als Unternehmer vorgeht. Oder der Einsatzwille und die kalkulierte Risikobereitschaft, die das Führen einer eigenen Firma erfordert. Als Skifahrer bin ich letztlich auch ein selbstständiger Unternehmer. Auch ich muss in gewisse Sachen zuerst investieren, um danach Profit daraus zu ziehen.

Man spürt Leidenschaft. Die berufliche Zukunft scheint vorgespurt?
Mauro: Es ist für beide offen. Gino ist vier Jahre jünger. Er kann die Führung sowieso erst übernehmen, wenn ich dann mal als CEO zurücktrete (lacht). Spass beiseite. Wir wissen, was dahintersteckt. Wir sind nicht abgeneigt, aber ob wir das auch können, wird erst die Zukunft weisen.

2020 gewann Mauro Caviezel die kleine Kugel für den Gewinn des Super-G-Weltcups.
2020 gewann Mauro Caviezel die kleine Kugel für den Gewinn des Super-G-Weltcups.Bild: EPA

Nächstes Stichwort «Mut». Bei Mauro steht auf der Website «ausgeglichen», bei Gino «draufgängerisch». Wieso fahren Sie denn nicht Speedrennen und Mauro macht Riesenslalom?
Gino: Deshalb mache ich jetzt ja auch noch Super-G (lacht). Wenn man Mauros Sprung über den Hundschopf in Wengen vor zwei Jahren betrachtet, müsste er das Prädikat «Draufgänger» erhalten. Wir suchen beide das Limit. Draufgängerisch zu sein, macht Spass, aber ich habe in den letzten Jahren auch gelernt, meine Grenzen zu kennen.
Mauro: Gino ging als Bub gerne mit dem Kopf durch die Wand ... und ich eigentlich auch. Ich bin vielleicht etwas ruhiger geworden, weil ich durch meine Verletzungen gebremst wurde.

Was verändert eine Verletzung sonst noch?
Mauro: Ich bin sehr ungeduldig und musste lernen, geduldig zu sein.

Hat ein schwerer Sturz auch Einfluss auf den Mut?
Mauro: Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich hatte bislang nach keiner schweren Verletzung Probleme, punkto Mut auf das alte Level zurückzukehren. Vielleicht lag das auch daran, dass ich bei meiner Rückkehr jeweils schnell auf tutti ging. Ich wollte wissen, ob es funktioniert oder nicht. Diese Gewissheit zu erlangen, tat mir gut.

Aber?
Mauro: Die Kopfverletzung beim Sturz im Januar in Garmisch war für mich eine neue Erfahrung. Die Rückkehr ist keine Frage des Mutes. Wenn du diesen verlierst, kannst du gleich zurücktreten. Es ist eine Frage der geistigen Software. Wenn mit dem Timing oder dem Sichtfeld etwas nicht stimmt, dann verlierst du die Kontrolle. Im Skisport ist es zentral, vorbereitet auf das zu sein, was unterwegs passiert. Mit der Renntaktik kalkuliert man beim Timing auch das Risiko. Wenn das nicht mehr funktioniert, wird das Risiko zu gross.

Es gibt Fahrer, die ihr Level nicht mehr erreichen, weil sie nicht mehr an die Grenzen gehen können?
Gino: Mauro hatte nie Probleme, mit Schmerzen zu fahren. Das Befinden hat einen grossen Einfluss, ob man mutig sein kann. Ohne Mut zu fahren, macht den Skirennsport gefährlich, weil man zögert oder passiv wird.

Mauro, Ihre schnelle Rückkehr nach Verletzungen in Ehren. Aber an der WM haben Sie es übertrieben. Da waren Sie doch nie und nimmer bereit für diesen Super-G?
Mauro: Nein, ich war tatsächlich nicht bereit. Es war eine enorm schwierige Phase für mich. Die WM war ein grosses Ziel und ich wollte dieses nach meinem Sturz nicht aufgeben. Ich wollte meine Rückkehr pushen, wie ich es nach körperlichen Verletzungen immer getan habe. Mir fehlte aber jegliche Erfahrung mit einer Kopfverletzung. Ich hatte zwar eine Wahrnehmung, wusste aber nicht, ob diese mit der Realität übereinstimmt. Für mich bleibt aber wichtig, dass ich alles mir Mögliche unternommen habe, es zu versuchen.

Wie geht es Ihnen heute?
Mauro: Die Rückkehr bleibt ein Prozess. Ich habe grosse Schritte gemacht, aber ich muss weitere Schritte machen bis zum ersten Rennen. Im Alltag stimmt es. Wie es bei Höchstgeschwindigkeit auf einer unruhigen Abfahrtsstrecke aussieht, wird sich noch weisen. Und auf die Achillessehne muss ich ja ebenfalls achtgeben. Da konnte ich den Aufbau bislang auch nicht abschliessen.

Bleibt das Thema «Selbstbewusstsein». Die Caviezels sind ziemlich schlagfertige Kerle? Auch untereinander?
Mauro: Da sage ich jetzt besser nichts, sonst ist Gino verunsichert (lacht).
Gino: Wir haben unseren Charakter und auch unseren speziellen Humor. Wir verstellen uns nicht, stehen zu unseren Ansichten.
Mauro: Manchmal sticheln wir untereinander ganz gezielt. Ich provoziere Gino im Sommertraining etwa mit seiner Impulsivität. So pushen wir uns gegenseitig.

Gino Caviezel will in Sölden erneut über einen Podestplatz jubeln dürfen.
Gino Caviezel will in Sölden erneut über einen Podestplatz jubeln dürfen.Bild: keystone

Kaschiert Selbstbewusstsein auch eine gewisse Unsicherheit?
Mauro: Bei mir nicht.

Ich habe eher an Gino gedacht?
Gino: Ich denke nicht. Ich habe einen schwierigen sportlichen Weg gemacht und benötigte meine Zeit und meine Erfahrungen, um an der Spitze anzukommen. Lange fehlte mir die Konstanz in beiden Läufen. Inzwischen habe ich die notwendige Ruhe auch im Rennen gefunden.

Es gibt Personen, die sagen, Sie hätten in dieser schwierigen Zeit eine gewisse Arroganz entwickelt!
Gino: Ich denke, ich bin überhaupt nicht arrogant. Vielleicht wirke ich in der Öffentlichkeit bisweilen etwas ernst oder mache ein missmutiges Gesicht. Ich bin ein sehr selbstkritischer Mensch und daher oft nicht ganz zufrieden mit meiner Leistung.
Mauro: Ich kenne Gino sehr gut. Vielleicht wirkte er gegen aussen in gewissen Phasen distanziert. Aber mein Bruder und arrogant: Ganz bestimmt nicht! Ich kenne kaum einen sozialeren Menschen als ihn.
Gino: Es war früher rund um das Riesenslalom-Team auch nicht immer eine heile Welt. Wir waren in einer ziemlichen Negativspirale. Es herrschte oft eine Sch…stimmung. Ich mag es nicht, wenn dann noch all die negativen Fragen kommen. Ich musste lernen, mit Kritik umzugehen. Man sprach von einer schlechten Schweizer Leistung, obwohl ein 25. Platz für mich persönlich durchaus ein positives Resultat war. Aber arrogant auftreten wollte ich mit Bestimmtheit nie.

Wie befruchtet ihr euch sportlich und auch mental?
Mauro: Sportlich tauschen wir uns vor allem über technische Details und zum Material aus. Mental wissen wir haargenau, was der andere in einer spezifischen Situation durchmacht. Da versucht man, den Bruder mit den richtigen Worten abzuholen. Wir telefonieren täglich.
Gino: Es kommt vor, dass mir Mauro zwischen den Läufen eine Whatsapp mit zwei Stichworten schickt.
Mauro: Zum Beispiel im vergangenen Jahr bei deinem ersten Podestplatz in Sölden (lacht).

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