Wer sich jetzt noch über die Kleinen an der WM beschwert, hat den Fussball nie geliebt
Ich glaube, ich spreche für alle Fussballfans, wenn ich sage: Dieses Kap Verde hat unsere Herzen berührt!
Von Beginn an begeisterte der WM-Neuling mit seinem Kämpferherz, seinen Emotionen und spätestens ab der zweiten Partie auch mit Spielfreude und Offensivspektakel. Der Auftritt im Sechzehntelfinal gegen Argentinien war höchst mitreissend. Trotz zweimaligen Rückstands kämpften sich die Kapverdier jeweils zurück und schrieben so weiter an einer dieser Underdogstorys, die eigentlich bei allen Menschen gut ankommen.
Und es waren nicht irgendwelche Glückstreffer. Nein: Erst spielten sich die blauen Haie auf der rechten Seite schön durch, bevor Deroy Duarte die Lücke zwischen Verteidiger und Goalie fand. Und dann schoss Sidny Lopes Cabral in der Verlängerung ein absolutes Traumtor zum zwischenzeitlichen 2:2-Ausgleich. Der 23-jährige Verteidiger spielte in der vorletzten Saison noch in der dritten deutschen Liga bei Viktoria Köln, nun wechselt er von Benfica Lissabon zu Trabzonspor.
Es sind diese Geschichten, die eine WM neben den x-ten Kapiteln in den Biografien der Superstars ausmachen. Eine weitere davon ist jene von Goalie Vozinha, der vom Unbekannten zum weltweit bekannten WM-Helden wurde. Wegen seiner Paraden erreichte Kap Verde die K.o.-Phase überhaupt erst. Weil er nun auch gegen Lionel Messi mehrmals überragend hielt, schaffte es der Aussenseiter im Sechzehntelfinal in die Verlängerung, wo er dann aber auf dramatische Art und Weise 2:3 unterlag.
Das Nationalteam Kap Verdes hat gezeigt, dass die Erweiterung der Weltmeisterschaft auf 48 Teams richtig war – wenn man auch über den Modus diskutieren kann. Gerade dass Afrika mit seinen 54 Mitgliedsverbänden (zum Vergleich: Die UEFA als grösster Kontinentalverband hat nur ein Mitglied mehr) bisher nur fünf garantierte Plätze an der WM hatte, war nicht mehr vertretbar.
Nun waren zehn afrikanische Länder dabei, neun davon erreichten die K.o.-Phase. Ob Kap Verde auch mit dem alten Qualifikationsmodus dabei gewesen wäre, ist unklar. Zwar gewann es seine Gruppe vor Kamerun und sicherte sich so das WM-Ticket, doch mussten die Gruppensieger früher noch gegen einen anderen Gruppenersten antreten, um sich für die WM zu qualifizieren.
Doch es waren nicht nur die Kapverden, die den neuen Modus legitimierten. Da war die DR Kongo, die Portugal ein Unentschieden abgetrotzt und England im Sechzehntelfinal alles abverlangt hat. Und Paraguay, das Deutschland in der ersten K.o.-Runde nach Hause schickte. Oder Curaçao, das gegen Deutschland sein erstes WM-Tor erzielte und nach dem zwischenzeitlichen 1:1 in riesigen Jubel ausbrach. Obwohl es danach noch 1:7 verlor, werden dieser Moment und die Bilder dem kleinen Land wohl noch ewig bleiben.
Gab es Teams, die nicht konkurrenzfähig waren? Natürlich, aber das gab es auch früher. Gab es langweilige Spiele? Ja, aber als jemand, der jede Partie gesehen hat, kann ich sagen: Es waren nicht unbedingt mehr als an den Weltmeisterschaften mit 32 Teilnehmern. Die befürchteten riesigen Klassenunterschiede gab es kaum einmal. Und schliesslich soll es an der WM nicht nur um Höchstleistungen und das Messen der Allerbesten gehen. Wir wollen doch zusätzlich auch grosse Emotionen und tolle Geschichten erleben. Und diese bekommen wir vor allem von den Aussenseitern.
Wer sich jetzt also immer noch über die Erweiterung der WM und die Kleinen beschwert, hat – um sich mal eines Bonmots von Rudi Völler zu bedienen – den Fussball nie geliebt.
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