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Jan Ullrich faehrt am Dienstag (15.07.1997) auf der zehnten Etappe der Tour de France den Schlussanstieg zum Ziel in Andorra hinauf. Ullrich gewinnt den Tagesabschnitt von Luchon ins spanische Andorra-Arcalis und traegt das Gelbe Trikot. dpa

Jan Ullrich lässt im Anstieg nach Andorra-Arcalis die gesamte Konkurrenz stehen. Bild: dpa

Unvergessen

Jan Ullrich blickt sich immer wieder um, bis Bjarne Riis endlich nickt

15. Juli 1997: Jan Ullrich legt mit seinem Solosieg hinauf nach Andorra-Aracalis den Grundstein für seinen einzigen Tour-de-France-Erfolg. Der Rotschopf löst in Deutschland einen Radsport-Boom aus, erst Jahre später folgt die bitterböse Ernüchterung.

Mitte der 90er-Jahre ist Jan Ullrich der neue Shooting-Star am deutschen Radsport-Himmel. Schon bei seiner ersten Tour de France macht der Jüngling aus Ostdeutschland einen hervorragenden Eindruck. Doch noch darf der junge Debütant nicht gewinnen. Als Fahrer im Team Telekom muss er seinem Kapitän, dem Dänen Bjarne Riis, zum Tour-Sieg verhelfen. Ullrich selbst erreicht Paris im weissen Trikot des besten Nachwuchsfahrers.

Bei der 84. Tour im folgenden Jahr ist Ullrich wieder als Edelhelfer für Riis vorgesehen, doch in der 10. Etappe durch die Pyrenäen hinauf nach Andorra-Arcalis sprengt der Rotschopf mit den Sommersprossen die Telekom-Stallorder.

Jan Ullrich of Germany, right, grimaces as he climbs the Val de Louron-Azet pass ahead of his teammate Bjarne Riis of Denmark, center, and Jose-Maria Jimenez of Spain during the 9th stage of the Tour de France cycling race between Pau and Loudenvielle in the Pyrenees mountains Monday July 14, 1997. (AP/Laurent Rebours)

Jan Ullrich mit Bjarne Riis und Abraham Olano am Hinterrad. Bild: AP

Zehn Kilometer vor dem Ziel führt Ullrich das Peleton mit den Favoriten Marco Pantani, Richard Virenque, Abraham Olano und Riis an. Immer und immer wieder blickt er sich nach seinem Boss um, bis der Riis endlich erschöpft nickt. «Wenn du dich stark genug fühlst, fahr los», sagt er noch.



Bild

Das Etappenprofil des 252,5 km langen Teilstücks.

Ullrich lässt die Konkurrenz einfach stehen

Sofort erhöht Ullrich das Tempo. In einer scharfen Linkskurve geht er aus dem Sattel. Die Attacke sitzt, scheinbar mühelos fährt er der Konkurrenz davon. Souverän und locker bleibt er auch bei der extremen Steigung im Sattel sitzen. In seiner unnachahmlichen Art mit den Händen am Unterlenker fährt er dem Etappensieg entgegen. 

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Die entscheidende Attacke von Jan Ullrich. Video: YouTube/Captain_Future

Im Ziel beträgt der Vorsprung auf die ersten Verfolger Virenque und Pantani 1:08 Minuten, Riis verliert gar fast dreieinhalb Minuten. Da der bisherige Leader Cédric Vasseur komplett einbricht, darf sich Ullrich das Gelbe Trikot überstreifen, das er bis Paris nicht abgeben wird.

Millionen mitten im Sommer vor dem Fernseher

In der Heimat löst der erste (und bisher einzige) Toursieg eines Deutschen einen Radsport-Boom aus. An diesem Sommertag im Juli beginnt quasi eine neue Zeitrechnung, ähnlich wie im Tennis oder in der Formel 1 nach den Siegen Boris Beckers in Wimbledon oder den WM-Titeln von Michael Schumacher. Millionen versammeln sich fortan Juli für Juli vor dem Bildschirm oder pilgern an die Rennstrecken nach Frankreich

Germany's Tour de France winner Jan Ullrich presents his yellow shirt to the crowd of fans in Bonn, Germany, in this July 28, 1997 photo, during a reception for the German Telekom cycling team at the city hall.  Two former teammates of Jan Ullrich have admitted using banned performance-enhancing drugs with the assistance of two team doctors. The former Telekom riders Christian Henn and Bernd Dietz admitted using the blood booster EPO. Former Telekom massage therapist Jef d'Hont said earlier this month, two doctors supplied EPO to former Tour de France winners Bjarne Riis and Jan Ullrich and other riders and the substance was supplied by the University of Freiburg clinic. (AP Photo/Roland Weihrauch)

Tausende empfangen Jan Ullrich nach dessen Tour-Sieg 1997 in Bonn. Bild: AP NY

Sie alle wolle Ullrich sehen. Was den zurückhaltenden Rostocker zum Aushängeschild schlechthin macht, ist seine umgängliche Art: Er isst gern Torte, trinkt Rotwein und lässt es sich im Winter auch sonst gut gehen. Die Pfunde speckt er für den Sommer mit Gewaltkuren ab. Ullrich wirkt wie ein Mann aus dem Volk, ein Kumpeltyp eben.

Auch die Zeitungen sind voll Staunens. «Der neue Riese», titelt «L'Equipe». Vom «König Ullrich» spricht «Le Parisien», gar zum Kaiser kürt ihn «Le Figaro». Die Experten sind begeistert vom jungen Deutschen. Die Tour-Legenden Eddy Merckx, Miguel Indurain und Bernard Hinault prophezeien Ullrich eine grosse Zukunft. Sie trauen ihm zu, die Tour fünfmal oder noch häufiger zu gewinnen. Doch Ullrichs Karriere verläuft ganz anders.

Chancenlos gegen Armstrong – Blutbeutel bei Fuentes

1998 ist Marco Pantani am Berg zu stark und ab 1999 taucht der übermenschliche Lance Armstrong auf. Seine Duelle mit Ullrich nehmen epische Ausmasse an, immer mit dem besseren Ende für den Texaner. Während Armstrong die Tour siebenmal in Serie gewinnen kann, muss sich Ullrich mit zweiten Plätzen zufrieden geben.

Jan Ullrich of Germany, right, tries to break away from Lance Armstrong of Austin, Texas during the 13th stage of the Tour de France cycling race between Foix and Saint-Lary-Soulan, southern France, Saturday, July 21, 2001. Armstrong won the stage ahead of Ullrich.  (KEYSTONE/AP Photo/Pool/Patrick Kovarik)

Das Duell UIlrich gegen Armstrong fesselt um die Jahrtausendwende die Radsport-Fans auf der ganzen Welt. Bild: AP

Später folgen andere Probleme: Zwei Knieoperationen, Führerscheinentzug nach Fahrerflucht und der positive Dopingtest im Jahr 2002. Angeblich hat er in der Disco ein paar Pillen geschluckt. Die grosse Bombe platzt aber erst kurz vor der Tour 2006.

Ullrich wird von der Tour ausgeschlossen. Er soll mit dem spanischen Doping-Arzt Eufemiano Fuentes zusammengearbeitet haben. Ende Februar 2007 erklärt er seine Karriere für beendet. Gut einen Monat später werden ihm Fuentes-Blutbeutel per DNA-Abgleich eindeutig zugeordnet. Doch trotz aller Indizien streitet der Sportler alles ab. «Ich habe niemanden betrogen», ist das Einzige, was er zu den Doping-Vorwürfen immer wieder gebetsmühlenartig predigt.

Der Ruf ist ruiniert, sein Höllenritt bleibt unvergessen

Seit einem Bericht der Freiburger Dopingkommission ist bekannt, dass im Team Telekom seit dem Mallorca-Trainingslager von 1995 mit Epo gedopt wurde. Riis hat für die 90er-Jahre selbst Epo-Doping zugegeben, Ullrich schweigt auch dazu. Deshalb bleibt bis heute juristisch ungeklärt, ob er sauber nach Andorra-Aracalis hinauf «geflogen» ist.

epa00942726 German Jan Ullrich announces his retirement from professional cycling during a press conference in a hotel in Hamburg, Germany, Monday, 26 February 2007. Former Tour de France winner and Olympic gold medalist Ullrich has announced his retirement from cycling at the age of 33. Ullrich, who is alleged having been implicated in the Operacion Puerto blood doping scandal, denied during a press conferene in Hamburg having any links to Eufemiano Fuentes, the Spanish doctor at the heart of the blood doping scandal. Ullrich confirmed he will work with Volksbank next season as 'an adviser, publicity figure and representative.'  EPA/Maurizio Gambarini

Auch nach seinem Rücktritt im Jahr 2007 muss sich Ullrich immer wieder gegen Doping-Vorwürfe wehren. Bild: EPA

Nach den unzähligen Doping-Geständnissen ist es aber undenkbar, dass das flächendeckende Doping-System im Team Telekom ausgerechnet Jan Ullrich nicht erfasst haben könnte. Ein Epo-Missbrauch kann ihm nie nachgewiesen werden, im Februar 2012 spricht der Internationale Sportgerichtshof CAS den Deutschen wegen dessen Verstrickung in den Fuentes-Skandal aber schuldig.

Ullrichs Ruf ist spätestens da ruiniert, doch es ist paradox: In den Köpfen der Radsport-Fans wird der Höllenritt nach Andorra und der erste Tour-Sieg eines Deutschen wohl mehr haften bleiben.

Unvergessen

In der Serie Unvergessen blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob eine hervorragende sportliche Leistung, ein bewegendes Drama oder eine witzige Anekdote – alles ist dabei. 

Prominente Sportler von A bis Z, die mit Doping erwischt wurden

Unvergessene Radsport-Geschichten

30.01.2011: «Dummi huere Ruederer» und «Schiiss-Ponys» machen Reporter Hans Jucker zur Legende

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14.02.2004: Der Pirat geht von Bord – aber in den Herzen der Fans lebt Marco Pantani ewig

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17.06.1981: «Dä Gottfried isch für mich gschtorbe!» – 2 Tage nach dem Zitat seines Lebens fliegt Beat Breu ins Leadertrikot

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14.07.2003: Armstrong rettet sich nach dem Horrorsturz von Beloki mit einem Höllenritt querfeldein über das Kornfeld

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20.07.2006: Floyd Landis begeistert die Sportwelt mit einer historischen Flucht – und wird kurz nach dem Tour-Sieg als Doper entlarvt

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    Alle Leser-Kommentare
  • Techtumbler 15.07.2018 21:22
    Highlight Highlight ;) und immer schön ohne Helm..
  • Techtumbler 15.07.2018 21:19
    Highlight Highlight Ja, das ist wirklich unvergesslich!!
  • Amboss 15.07.2018 19:56
    Highlight Highlight Das ist jetzt so ein klassisches Verstand gegen Herz: Der Verstand sagt, das waren elende Betrüger damals. Das hat den ganzen Radsport zutiefst in die Kacke geritten...

    Und das Herz sagt, dass das uns diese mit Epo vollgefüllten Fahrer einfach ein unglaubliches Spektakel geliefert haben. Das war so richtig geil. Dieser Antritt von Ullrich. Oder Floyd Landis Soloflucht über x Kilometer. Hammer!!!

    Aber eben: Herz oder Verstand...?
    • Bündn0r 15.07.2018 22:23
      Highlight Highlight Um ehrlich zu sein: Auch diese Rennen waren fair. Alle waren gedopt. Und spektakel war es auch.
      Einerseits würde so die legalisierung aller Substanzen alle mit gleichen Voraussetzungen starten lassen. Materialschlachten gibt es auch in anderen Sportarten, wieso nicht auch in der fahrenden Apotheke?
      Das einzige Gegenargument sind die Nachwuchsfahrer, die zum dopen gezwungen werden. Gezwungen zum zerstören des eigenen Körpers. Erwachsene sind selber schuld, Minderjährige jedoch müssen wir schützen. Desshalb darf Doping niemals erlaubt werden. Auch wenn es Radrennen wieder spannend machen würde.

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