Derby im Kriegszustand: Nordkoreanische Fussballerinnen zu Gast beim «Hauptfeind»
Als die Nordkoreanerinnen auf den Rasen einlaufen, prasseln wolkenbruchartige Niederschläge auf die Spielerinnen ein. Das apokalyptische Wetter verleiht dem Match zwischen Suwon FC und FC Naegohyang eine gewisse Dramatik.
Rein sportlich geht es immerhin um das Halbfinale der asiatischen Champions League. Diplomatisch steht jedoch noch sehr viel mehr auf dem Spiel: Erstmals seit acht Jahren ist wieder eine nordkoreanische Sportmannschaft nach Südkorea eingereist, zum ersten Mal überhaupt Frauenfussballerinnen. Die zwei Koreas sind zwar Nachbarländer, doch befinden sich formell nach wie vor im Kriegszustand.
Dementsprechend löste allein schon die Ankunft der Fussballerinnen ein riesiges Medienecho in Südkorea aus. Die 39-köpfige Delegation wurde am Sonntag am Flughafen Incheon wie Superstars begrüsst. Die Spielerinnen würdigten den jubelnden Aktivisten, die freundlich Fähnchen schwangen, jedoch kaum eines Blickes: Mit steinerner Miene schritten sie auf schwarzen High Heels durch die Eingangshalle, alle trugen sie eine rote Anstecknadel mit dem Konterfei des Staatsgründer Kim Il Sung am Revers.
«Für mich geht es hier um Fussball, nicht um Politik», sagt der 20-jährige Cho-i. Im Oberrang des Stadiums rollt der Anhänger des Suwon FC einen riesigen Fanbanner aus. Er trägt ein Trikot seines Vereins und um den Kopf ein martialisch anmutendes Stirnband. Normalerweise geht Cho-i zu jedem Spiel des Männerteams. Doch die seltene Chance, einmal Nordkoreanerinnen in Echt zu sehen, habe die Neugierde des Politikstudenten gelockt.
Ob er sich vorstellen könne, dass sich die zwei verfeindeten Staaten, die seit mittlerweile acht Dekaden getrennt sind, wieder zueinanderfinden könnten? «Ja, eine Widervereinigung möchte ich prinzipiell schon – aber derzeit sieht die politische Situation im Norden alles andere als gut aus», sagt Cho-i.
Der Süden ist der Hauptfeind
Seine diplomatisch gewählten Worte sind eine masslose Untertreibung. Pjöngjangs Machthaber Kim Jong Un entwickelt nicht nur unter Hochdruck sein Nuklearprogramm, sondern hat den Süden auch mehrfach als «Hauptfeind» bezeichnet. Vor allem aber hat der Diktator die jahrzehntealte Doktrin, auf eine Wiedervereinigung der koreanischen Halbinsel hinzuarbeiten, offiziell aufgegeben. Selbst das über 30 Meter hohe Mahnmal zur Wiedervereinigung, das vorm Stadtzentrum einlud, liess Kim sprengen.
In Südkorea hingegen fährt die linksgerichtete Regierung unter Präsident Lee Jae Myung einen konsequenten Annäherungskurs. Penibel achtet man darauf, den Norden nicht unnötig zu provozieren und zerstörtes Vertrauen wiederzugewinnen. Dementsprechend setzt das Vereinigungsministerium in Seoul grosse Hoffnung in die sportdiplomatische Begegnung zwischen den Fussballerinnen.
Und damit das nordkoreanische Team FC Naegohyang – zu deutsch: «meine Heimatstadt» – nicht ohne Fans dasteht, hat das Vereinigungsministerium 300 Millionen Won (umgerechnet knapp 160 Tausend Franken) – an zivilgesellschaftliche Organisationen ausgezahlt, um die Nordkoreanerinnen im Stadium anzufeuern.
Eine von ihnen ist Kim Tae-hee. Sie trägt eine weisse Baseballcap mit Tigeremblem, dem Logo des FC Naegohyang. Und auch wenn sie selbst kein Fussballfan ist, hat sie doch einen ganz persönlichen Bezug zu der Veranstaltung. Sie sei ebenfalls in Pjöngjang geboren, doch vor knapp 30 Jahren in den Süden geflohen. Wie sie nun über das Spiel denkt? «Ich hoffe, die Nordkoreanerinnen gewinnen heute. Wenn sie verlieren, dürften sie in ihrer Heimat dafür bestraft werden», glaubt Frau Kim.
Austausch ist strengstens untersagt
Über 30'000 nordkoreanische Flüchtlinge leben mittlerweile in Südkorea. Sie sind praktisch die einzige Möglichkeit für die meisten Südkoreaner, in direktem Kontakt miteinander zu treten. Denn andere Formen des Austauschs sind strengstens untersagt: Es gibt keinen Tourismus, seit Jahren kaum nennenswerte innerkoreanischen Kulturprojekte, hinzukommt eine strenge Zensur nordkoreanischer Propagandainhalte.
Auf der anderen Seite der stark verminten Demarkationslinie fallen die Gesetze um ein Vielfaches strenger aus: Nordkoreaner, die beim Konsum von Popmusik oder Fernsehserien aus dem Süden erwischt werden, müssen mit langjährigen Haftstrafen rechnen. Auch Hinrichtungen sind in Einzelfällen dokumentiert.
Auf dem Fussballplatz spielt die Geopolitik am Mittwochabend keine Rolle. Auch wenn einige der 7000 Karteninhaber wegen des starken Regens zuhause blieben, war die Stimmung ausgelassen und das Spiel fair. Doch schlussendlich mussten sich die Frauen vom Suwon FC sportlich geschlagen geben. Die Nordkoreanerinnen gewannen 1:2 – und ziehen damit ins Finale gegen das japanische Team Tokyo Verdy Beleza ein. (aargauerzeitung.ch)
