Sport
Unvergessen

Formel-1-GP im Bremgartenwald – als die Königsklasse in der Schwez war

Impressions of the Grand Prix of Berne 1954 near Bremgarten in the canton of Berne, Switzerland. Argentinian Fangio won the race on the Bremgarten cicuit in his Mercedes. (KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIVE/ ...
Grosser Preis der Schweiz 1954: Juan Manuel Fangio im Bremgartenwald auf Siegkurs.Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV
Unvergessen

Mit 170 Sachen durch den Bremgartenwald – als die Formel 1 in der Schweiz gastierte

4. Juni 1950: Auf dem Rundkurs im Bremgartenwald bei Bern findet zum ersten Mal der Formel-1-GP der Schweiz statt. Nach fünf Jahren ist aber bereits Schluss mit der Herrlichkeit.
04.06.2022, 00:0103.06.2022, 15:10
david bernold / keystone-sda
Mehr «Sport»

Das waren noch Zeiten, als die Schweiz in der Formel 1 hoch im Kurs stand – und dank der Rennstrecke im Bremgartenwald zu den Privilegierten gehörte. Der Rundkurs am nördlichen Stadtrand von Bern zählte zu den sechs vom Internationalen Automobilverband ausgewählten Destinationen in Europa, in denen 1950, im Gründungsjahr der Formel-1-WM, Grands Prix gefahren wurden.

Die Schweiz erhielt unter anderem den Vorzug gegenüber Deutschland oder Spanien, die erst in der folgenden Saison Aufnahme im Kalender fanden.

Swiss racing driver Peter Hirt goes round a bend at the Swiss Grand Prix in Bremgarten in the canton of Berne, Switzerland, pictured in 1951. (KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Str)

Der Schweizer Autorennfa ...
Die Begeisterung für den Rennsport in der Schweiz ist Anfang der 1950er-Jahre riesig.Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Am ersten Sonntag im Juni wurde der Italiener Giuseppe Farina im überlegenen Alfa Romeo vor seinem Landsmann und Markenkollegen Luigi Fagioli als Erster abgewinkt. Für den nachmaligen Weltmeister war es der zweite Sieg, nachdem er zum Auftakt schon den Grossen Preis von Grossbritannien in Silverstone für sich entschieden hatte.

Der aus der Pole-Position gestartete Juan Manuel Fangio im dritten Alfa Romeo schied neun Runden vor Schluss mit defekter Elektrik aus. Emmanuel «Toulo» de Graffenried verpasste als Sechster WM-Punkte um einen Rang, der Walliser Privatfahrer Antonio Branca, der wie der Freiburger einen Maserati steuerte, wurde Elfter.

Swiss racing driver Baron Emmanuel "Toulo" de Graffenried (1914-2007) drinks to his victory at the Swiss Grand Prix near Bremgarten in the canton of Berne, Switzerland, pictured in 1939. (KE ...
Der Schweizer Fahrer «Toulo» de Graffenried gönnt sich einen ordentlichen Schluck.Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Was damals noch niemand ahnte: Nach der gelungenen Premiere sollte die neue Elite-Klasse nur noch viermal ihre Aufwartung im Bremgartenwald machen. Zwei Siege von Fangio, je einer der Italiener Piero Taruffi und Alberto Ascari – das war's dann.

Zuschauerinnen und Zuschauer lassen ihre Beine unter einem Emaille-Schild der Firma Dunlop baumeln, aufgenommen am Grossen Preis der Schweiz in Bremgarten im Juni 1947. (KEYSTONE/Photopress-Archiv/Str ...
Alle schauen gebannt auf die Strecke – naja, fast alle.Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Die Zeit der Formel-1-Rennen in der Schweiz endete abrupt. Nach der Katastrophe beim 24-Stunden-Klassiker in Le Mans im Juni 1955 wurden Rundstreckenrennen in unserem Land verboten. Bei der Tragödie in Frankreich waren nach einem schweren Unfall der Einheimische Pierre Levegh in einem Mercedes und 83 Zuschauer getötet worden.

The Bernese Grand Prix 1954 in Bremgarten, Switzerland, where the Argentinian car racing legend Juan Manuel Fangio in a Mercedes (center of the image, car number 4) who won the Formula One race, pictu ...
Mit durchschnittlich 170 km/h bretterten die Formel-1-Piloten durch den Bremgartenwald.Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Auch in der Schweiz gab es Opfer: Zwischen 1947 und 1954 kamen auf der Grand-Prix-Strecke von Bremgarten bei Bern neun Menschen ums Leben, 44 wurden verletzt.

Nach dem Schock die Tristesse

Dem Schock und der Trauer um die Opfer in Le Mans folgte in der Schweiz die Tristesse, dem Privileg der Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Nichts dokumentiert den durch den Entscheid der Regierung ausgelösten Wandel besser als die Rennstrecke im Bremgartenwald – oder das Wenige, was von ihr übrig geblieben ist. Fast nichts ist mehr, wie es einmal war, als die grossen Stars der Formel-1-Szene ihre Runden drehten.

Die Formel-1-Strecke im Bremgartenwald in den 1950er-Jahren.
Die Formel-1-Strecke im Bremgartenwald in den 1950er-Jahren.bild: geoblog.ch
Heute sieht es im Bremgartenwald so aus.
Heute sieht es im Bremgartenwald so aus.bild: screenshot geo.admin.ch

Von der 7,280 Kilometer langen Strecke, die ursprünglich für Motorrad-Rennen konzipiert worden war, sind bestenfalls Bruchstücke erhalten. Der südliche Teil des Kurses ist durch die Autobahn durchtrennt, die von Bern nach Lausanne führt. Die Forsthaus-Kurve und der Start-/Ziel-Bereich sind zum Industriegebiet geworden. Dass dort einmal eine grosse Zuschauertribüne gestanden hat, ist nicht mehr zu erkennen.

Die Passage mit der Jordanrampe, einem Linksknick, ist einem Dorf gewichen. Danach folgt der am besten erhaltene Abschnitt. Die Rechtskurven Eymatt und Tenni, letztere benannt nach dem 1948 an jener Stelle tödlich verunfallten Motorradrennfahrer Omobono Tenni aus Italien, und die anschliessende, rund 700 Meter lange Gerade befinden sich praktisch noch im Originalzustand – ein kleines Überbleibsel als Reminiszenz an ein Kapitel Formel-1-Geschichte.

Mechaniker fuehren letzte Arbeiten an den Rennautos aus, aufgenommen am Grossen Preis der Schweiz in Bremgarten im August 1939. (KEYSTONE/Photopress-Archiv/Str)
So sah es 1939 in der Boxengasse aus.Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV
A petrol station on the racing track with company logos of Shell, Esso and BP, pictured at the Swiss Grand Prix in Bremgarten, Switzerland, in June of 1947. (KEYSTONE/Photopress-Archiv/Str) === , ===  ...
Natürlich musste auch getankt werden.Bild: PHOTOPRESS-ARCHIV

Das Verbot von Rundstreckenrennen wurde mehrfach zum Politikum. Mehr als die temporäre Lockerung für die Formel-E-Rennen in Zürich (2018) und in Bern (2019) erreichten die Befürworter einer Aufhebung lange nicht – bis am 31. Mai 2022.

An diesem Tag hiess nach dem Ständerat auch der Nationalrat einen Antrag der Verkehrskommission gut und hob das Verbot von Rundstreckenrennen auf. «Ein kleiner und schöner Erfolg, dass in der Schweiz einmal ein unnötiges Verbot gestrichen wurde. Ich bin erleichtert», freute sich der Berner FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen. Die Formel 1 dürfte aber trotzdem in absehbarer Zeit nicht in die Schweiz zurückkehren.

Unvergessen
In der Serie «Unvergessen» blicken wir am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende sportliche Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
«Sauber» nicht mehr in der F1 – die Geschichte des Rennstalls
1 / 30
Die Geschichte des Sauber-Rennstalls
1970: Gründung der PP Sauber AG zum Bau von Rennsportwagen. Peter Sauber wird Schweizer Meister im Sauber C1.
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Tausende Motorsport-Fans pilgerten nach Bern
Video: srf
Das könnte dich auch noch interessieren:
5 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
5
«Schmutzige Spiele» – ARD-Doku wirft Schatten auf die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona
Nur eine Woche vor dem Start der Olympischen Spiele in Paris erschüttert eine ARD-Doku die Sportwelt. Der berüchtigte Dopingarzt Eufemiano Fuentes behauptet, die spanische Regierung sei an den Olympischen Spielen 1992 an gross angelegten Dopingaktionen beteiligt gewesen.

Spaniens Sportwelt sonnt sich im Erfolg. Am vergangenen Wochenende läutete das Fussball-Nationalteam mit dem EM-Titel eine neue Ära im spanischen Fussball ein, nur wenige Stunden, nachdem der Tennisspieler Carlos Alcaraz in Wimbledon die Trophäe in die Höhe gestemmt hatte. Es läuft rund in Spanien.

Zur Story