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Fabian Cancellara bei einer Trainingsfahrt in dieser Woche. Bild: Twitter/@roadcyclinguk

Kopfstein-Klassiker

Cancellara hat bei Paris–Roubaix exakt 5'886'720 Gegner – und eine Handvoll Profis gegen sich

Die Organisatoren des Frühlingsklassikers Paris–Roubaix wissen es ganz genau: Über 5'886'720 Pflastersteine führt der Weg die Fahrer in diesem Jahr. Und der Weg zum Sieg führt über Fabian Cancellara.



«La Reine» – die Königin. Die Bezeichnung des bekanntesten Eintages-Rennens der Welt sagt alles über seinen Stellenwert aus. Wer im Vélodrome von Roubaix triumphiert, der ist ein ganz Grosser seines Sports. Schon drei Mal hiess der Sieger Fabian Cancellara. Der Berner siegte 2006, 2010 und im letzten Jahr.

Die Zusammenfassung von Cancellaras Sieg im Jahr 2013. Video: Youtube/Cosmo Catalano

Cancellara tritt am Sonntag nicht nur deshalb als Topfavorit an. Sondern vor allem, weil er am letzten Wochenende zum dritten Mal nach 2010 und 2013 die Flandern-Rundfahrt gewann, ein anderes der «fünf Monumente» des Radsports.

Wer soll den 33-Jährigen an seinem vierten Sieg bei Paris–Roubaix hindern? In erster Linie sind es 5'886'720 Pflastersteine. Diese Zahl veröffentlichten die Organisatoren am Donnerstag. Natürlich musste keine arme Seele die 28 Abschnitte mit Kopfsteinpflaster in mühsamer Kleinarbeit von Hand zählen; die Zahl ist eine Hochrechnung.

Roubaix pavés

Bild: Facebook/Paris–Roubaix

51,1 der insgesamt 257 Kilometer führen über holprige Wege, deren Zustand teils an mittelalterliche Karrenwege erinnert. Nicht umsonst trägt das Rennen neben dem schönen Beinamen «La Reine», auch einen furchteinflössenden: «die Hölle des Nordens». Kein anderes Rennen im Jahr fordert Fahrer und Material derart wie Paris–Roubaix. Wenigstens sind die Wetterprognosen günstig, es soll trocken bleiben. Staub ist den Fahrern immer noch lieber als Nässe.

«Ich mag Kopfsteinpflaster eigentlich gar nicht», bekannte Cancellara vor seinem letzten Sieg im holländischen Fernsehen. «Ich umfahre diese Abschnitte im Training lieber, in Bern haben wir ja auch Kopfsteinpflaster. Ich fahre eigentlich fast nur in den Rennen auf diesem Untergrund.»

Hauptprobe verpatzt, als es zählte gewonnen: 2013 muss Fabian Cancellara im Training vor Paris–Roubaix zu Boden. Video: Youtube/CyclingFlash13

Einen besonderen Klang in den Ohren aller Velofans besitzen zwei Abschnitte, welche von den Organisatoren in die Kategorie der am schwierigsten zu bewältigenden Pavé-Sektoren eingeteilt wurden. Nach 161 Kilometern folgt die Passage durch den Wald von Arenberg (2400 Meter lang), 15 Kilometer vor dem Ziel der 2100 Meter lange Abschnitt durch den Carrefour de l'Arbre.

Der Aargauer aus dem BMC-Team ist erstmals dabei und hat schon nach dem Einfahren über die Kopfsteinpflaster-Wege Blasen an den Händen.

Cancellara dürfte auf Solo-Sieg hoffen

Die Prognose ist nicht gewagt: Wenn Fabian Cancellara seine Konkurrenten dort abgeschüttelt hat, wird er die 112. Austragung des Rennens seit 1896 gewinnen. Hat «Spartacus» dann noch Begleiter an seiner Seite, dürfte es auf der offenen Rennbahn von Roubaix einen Sprint geben. An der Flandern-Rundfahrt hat der Berner gezeigt, dass er neuerdings auch über die Fähigkeit verfügt, erfolgreich zu spurten.

Es rüttelt und schüttelt, bis George Hincapie der Lenker bricht: ein fürchterlicher Sturz des Amerikaners im Jahr 2006. Video: Youtube/marcodej1

In Cancellaras Sinn dürfte es trotzdem sein, wenn er solo im Ziel ankommt – schliesslich sind das die schönsten aller Siege. Zudem gelten die beiden Hauptkonkurrenten Peter Sagan und Tom Boonen im Spurt beide stärker als der Schweizer.

Zur Vorbereitung Schlaf auf Pflastersteinen

Aber wie stark sind die genannten Mitfavoriten? Sagan konnte weder bei Mailand–Sanremo noch in der Flandern-Rundfahrt überzeugen. Boonen und sein mächtiges OmegaPharma-Quickstep-Team vergaben am letzten Sonntag den möglichen Sieg durch taktische Fehler und der zu späten Einsicht, dass der belgische Leader an diesem Tag selber zu schwach war. Boonens Lebensgefährtin erlitt vor einem Monat eine Fehlgeburt, die den Superstar verständlicherweise aus der Bahn warf.

Zwei heisse Kandidaten sind die Belgier Greg van Avermaet und Sep Vanmarcke, der Zweite und Dritte der Flandern-Rundfahrt. Sie haben gezeigt, dass auch ihre Form glänzend ist. Zudem brennt Vanmarcke auf Revanche, seit er im letzten Jahr im Endspurt gegen Cancellara knapp den Kürzeren zog. Aussenseiterchancen besitzen auch der zuletzt starke Holländer Niki Terpstra, Mailand–Sanremo–Sieger Alexander Kristoff aus Norwegen und der Tscheche Zdenek Stybar, als dreifacher Radquer-Weltmeister einer, dem Pflastersteine gar nichts ausmachen.

Nach Rang 2 im Vorjahr überlässt Sep Vanmarcke bei der Vorbereitung in diesem Jahr nichts dem Zufall.

Es wirkt Historisches

Fabian Cancellara ist ein Rennfahrer, der schon oft betont hat, er wolle Geschichte schreiben. Der Berner ist einer, der sich für die Historie seines Sports interessiert, der die Grossen kennt, der sich gerne auf Vergleiche mit früheren Epochen einlässt. Auch deshalb will er um jeden Preis erneut gewinnen. Denn schafft er es, ist er der erste Fahrer, der drei Mal im gleichen Jahr das Double aus Flandern-Rundfahrt und Paris–Roubaix geholt hat.

Pavé Roubaix Cancellara

Bild: Wikipedia

In der Allée Charles Crupelandt kurz vor dem Vélodrome von Roubaix sind kleine Marmortafeln in die Pflastersteine eingelassen. Fabian Cancellara will zu den Rekordsiegern Roger De Vlaeminck und Tom Boonen aufschliessen, die in der «Hölle des Nordens» als bislang einzige Fahrer vier Mal gewinnen konnten.

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