DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Terror im Regierungsviertel

Todesschütze von Ottawa galt laut Geheimdiensten als «hochgefährlich» 



Übersicht

Anschlag in Ottawa

Ein oder mehrere Angreifer haben am Mittwochmorgen das Parlamentsgebäude in Ottawa überfallen und zahlreiche Schüsse abgefeuert. Nach Angaben der Polizei und kanadischer Medien wurden infolge des Angriffs mindestens einer der Angreifer und ein Wachsoldat getötet.

Gemäss dem US-Sender CBS und der kanadischen Zeitung «Globe and Mail», die sich auf Behördenangaben berufen, handelt es sich bei dem getöteten Angreifer um den 1982 in Kanada geborenen Michael Z. Die Geheimdienste sollen den Islam-Konvertiten als «hochgefährlichen Reisenden» eingestuft haben, ihm wurde demnach kürzlich der Pass entzogen. 

Der Schütze hatte eine kriminelle Vergangenheit: Wegen Raubes und Waffenbesitzes war Michael Z. zudem 2003 zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt worden, wie der kanadische Sender CTV berichtete.

Seine Aktivitäten in den sozialen Netzwerken deuten laut BBC darauf hin, dass er mit dem IS sympathisiert hatte und von dessen Propaganda inspiriert war.

Polizei sieht keine Gefahr mehr

Nach dem Angriff hat die Polizei die Absperrungen in der Innenstadt weitgehend aufgehoben. Die Ermittlungen hätten ergeben, dass für die Bürger keine Gefahr bestehe, erklärte die Polizei am Mittwochabend (Ortszeit).

«Kanada wird niemals eingeschüchtert sein. Wir werden unsere Anstrengungen im Kampf gegen den Terror verdoppeln.»

Premierminister Stephen Harper

Allerdings bleibe das Gebiet rund um das Parlament noch gesperrt. Premierminister Stephen Harper kündigte ein stärkeres Engagement seines Landes im Kampf gegen den internationalen Terrorismus an. «Kanada wird niemals eingeschüchtert sein», sagte Harper am Mittwochabend (Ortszeit) bei einer TV-Ansprache. «Wir werden unsere Anstrengungen im Kampf gegen internationale Terrororganisationen verstärken und noch einmal verdoppeln. Es wird für sie keinen sicheren Ort geben.»

Rede von Premierminister Harper an die Nation

abspielen

youtube/thenational

Erster Angriff vor Kriegsdenkmal

Bild

Situationskarte. Bild: watson

Die Attacke beginnt kurz vor zehn Uhr morgens (15 Uhr Schweizer Zeit), als im Parlament gerade die wöchentlichen Fraktionssitzungen begonnen haben. An den Sitzungen nehmen traditionell zahlreiche Abgeordnete und Senatoren teil.

Laut Zeugenaussagen nähert sich ein mit einem Gewehr bewaffneter Mann dem Kriegsdenkmal unweit des Parlamentsgebäudes und streckt den dort postierten Wachsoldaten mit vier Schüssen in den Rücken nieder. Rettungskräfte versuchen vergeblich, ihm mit einer Herzdruckmassage das Leben zu retten. Er erliegt wenig später seinen Verletzungen.

Ein Tweet, kurz aufgenommen vor dem Angriff, zeigt das Kriegsdenkmal und den getöteten Wachsoldaten, links im Bild.

Intensiver Schusswechsel

Eine Videoaufnahme zeigt, wie der Angreifer nach den Schüssen am Kriegsdenkmal in ein Auto einsteigt und dann zum Eingang des Parlaments fährt. Verfolgt von bewaffneten Polizisten rennt er ins Gebäude.

abspielen

Das Video zeigt, wie der Schütze beim Kriegsdenkmal in ein Auto steigt. Video: youtube/the national

Die Beamten rufen allen zu, «in Deckung zu gehen», berichtet der Parlamentsmitarbeiter Marc-André Viau. Im Gebäude werden etwa 20 Schüsse aus einer automatischen Waffe abgefeuert.

Das Denkmal für die Kriegstoten steht unmittelbar am Parlamentspark, nur durch eine Strasse getrennt. Die Ehrenwächter sind zwar bewaffnet, die Sturmgewehre sind aber gesichert und dienen rein repräsentativen Zwecken. 

Auf einem von der Zeitung «The Globe and Mail» veröffentlichten Video wurde ein intensiver Schusswechsel im Inneren des Gebäudes erfasst. Die lokalen Medien berichteten von zwei bewaffneten Männern, die Polizei fahndet zunächst nach bis zu drei Angreifern. 

Dann schlägt die Stunde des Kevin Vickers: Der frühere Polizist ist «Sergeant-at-Arms» im kanadischen Parlament, also der Mann mit dem Hausrecht. Wie lokale Medien berichten, erschiesst er den Eindringling. Vickers wird als Held gefeiert.

Zu dem Zeitpunkt ist immer noch nicht klar, ob es sich bei dem Schützen um einen Einzeltäter handelt. Die Polizei vermutet, dass sich ein weiterer Angreifer möglicherweise auf dem Dach des Parlamentsgebäudes verschanzt hat. Die Bevölkerung wird aufgerufen, sich von Fenstern fernzuhalten. 

Vergeltung des «Islamischen Staates»?

Ottawa ist erschüttert. Es stellen sich Fragen wie: War es islamistischer Terror? Hat der Angriff damit zu tun, dass sich Kanada im Kampf gegen den «Islamischen Staat» (IS) engagiert? Die Terrormiliz hatte seine Anhänger zu Anschlägen in Ländern des internationalen Anti-IS-Bündnisses aufgerufen. 

Und gibt es eine Verbindung zu der Attacke vom Montag? Ein polizeibekannter IS-Anhänger hat bei Montréal zwei Soldaten mit dem Auto überfahren und einen von ihnen getötet. Anschliessend wurde der Täter von der Polizei erschossen. Die Tat des 25-Jährigen wurde von der Regierung in Ottawa als «terroristisch» bezeichnet.

Die kanadischen Behörden haben erst am Dienstag die Warnstufe für terroristische Gefahren um eine Stufe von gering auf mittel heraufgesetzt.

Auch USA in erhöhter Alarmbereitschaft

Kanada und die USA versetzten das gemeinsame Luftverteidigungskommando in erhöhte Alarmbereitschaft. Gepanzerte Fahrzeuge und schwer bewaffnete Polizisten gingen vor dem Gebäude im Zentrum Ottawas in Stellung. 

Die Sicherheitskräfte riegelten das Parlament sowie den Regierungssitz ab. Premierminister Stephen Harper wurde in Sicherheit gebracht, wie Regierungssprecher Jason MacDonald über den Kurzbotschaftendienst Twitter mitteilte. Er befand sich nach Angaben eines Parteikollegen zum Zeitpunkt des Angriffs im Parlament. 

Premierminister Stephen Harper sprach später von einem «verachtenswerten Angriff». Die Polizei fahndete in der Hauptstadt nach weiteren Tätern. Nach Angaben eines Sprechers des Weissen Hauses sprach Harper später mit US-Präsident Barack Obama. Die US-Botschaft in Ottawa wurde vorübergehend geschlossen. Eine Partie der beliebten Eishockey-Liga NHL zwischen den Teams von Ottawa und Toronto wurde abgesagt.

Arbeitsminister Jason Kenney kondolierte über Twitter der Familie des getöteten Soldaten und erklärte, er bete für den verwundeten Wachmann am Parlamentsgebäude. «Kanada wird sich nicht terrorisieren oder einschüchtern lassen», erklärte der Minister. (rey/pma/kub/sda/afp/dpa) 

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

USA bestätigen Tod von Taliban-Chef Omar

Die US-Geheimdienste haben nach Angaben des Präsidialamts in Washington den Tod des Taliban-Chefs Mullah Omar bestätigt. Allerdings seien die Umstände noch unklar, hiess es in einer am Freitag veröffentlichten Mitteilung.

Omars Tod sei eine Chance für weitere Fortschritte auf dem Weg hin zu einem afghanischen Staat, der «stabiler und sicherer» sei. Die Regierung in Kabul hatte am Mittwoch den Tod Omars vor zwei Jahren bekanntgegeben. Neuer Chef der Islamisten-Gruppe soll Mullah Achtar Mohammed …

Artikel lesen
Link zum Artikel