Ein junger Ostschweizer reist in den Dschihad und lässt seine schwangere Ehefrau wohl unter falschem Vorwand nachkommen. Heute sitzt sie in Syrien fest – mitten im Krieg. Dies zeigen eindringliche Tondokumente, die die «Rundschau» heute Abend ausstrahlen wird. Die 22-jährige Deutsche Johanna (Name geändert) sendet Lebenszeichen an ihre Familie: «Ich will nach Hause, bitte helft mir.» Seit einem halben Jahr sitzt sie in Syrien fest, in der Region Idlib, mitten in einem Kriegsgebiet – und das unfreiwillig.
Festgehalten wird sie von ihrem Ehemann Onur*, einem 21-jährigen Logistik-Fachmann aus Arbon TG, wie die Recherchen der «Rundschau» in Zusammenarbeit mit den «Stuttgarter Nachrichten» ergeben haben. Auch Onur schickt Sprachnachrichten per Whatsapp. «Ich bin hergekommen, um die Köpfe der Kufar abzuschlagen. Ich bin bereit.» Die Kufar, die Ungläubigen, zu bekämpfen, sei seine Pflicht. Und er droht aus Syrien: «Irgendwann sind wir in der Schweiz.» Onur macht den Daheimgebliebenen klar, dass er im Dschihad kämpft. Er hat sich Jabhat al-Nusra angeschlossen, einem Ableger der Terrororganisation Al-Kaida.
Kennengelernt haben sich die beiden über eine Heiratsvermittlung. Doch eine Sache verband sie bereits vorher: Beide hatten Kontakt zum Verein «Lies! – die wahre Religion». «Lies!» ist das Projekt des deutschen Salafisten-Predigers Ibrahim Abou-Nagie. Er will 25 Millionen Koran-Übersetzungen verteilen lassen. Deutsche Sicherheitsbehörden beobachten «Lies!» seit 2011.
«Die Problematik liegt darin, dass relativ viele Leute, die mit dieser «Lies»-Aktion konfrontiert oder aktiv waren, in der Zwischenzeit in den Dschihad gegangen sind», sagt Manfred Schmitt, zuständig für Islamismus beim Staatsschutz der Stuttgarter Polizei. Er weiss auch durch die Überwachung von Facebook-Einträgen, dass Johanna 2013 durch die Verteilaktion zum Islam konvertiert ist. Der Thurgauer Onur hat sich 2013 für den Aufbau von «Lies!» 2013 in der Schweiz engagiert. Er nahm regelmässig an Koran-Verteilaktionen in der Deutschschweiz teil.
Onur stammt aus einer türkischen Grossfamilie, hat seit 1995 den Schweizer Pass. Vor seiner Radikalisierung sei er integriert gewesen, habe Fussball gespielt, Partys gefeiert, erzählen Personen, die ihn gekannt haben. Nahe Verwandte sagen, dass er doch nur Hilfsgüter nach Syrien habe bringen wollen und letztlich Opfer einer Gehirnwäsche durch radikale Prediger sei. Johanna und Onur heirateten in einer Moschee in Stuttgart nach islamischem Recht, anschliessend in der Schweiz standesamtlich. Das Paar zog im Jahr 2013 nach Arbon in ein Mehrfamilienhaus. Eine Nachbarin erinnert sich: «Es gab immer Streit, ein Riesengeschrei. Die Frau war komplett verschleiert.» Heute ist die Wohnung verlassen. An der Wohnungstüre finden sich Spuren eines Polizeisiegels.
Ende des Jahres 2014 durchsuchte die Bundesanwaltschaft die Wohnung. Auf Hinweis der deutschen Behörden. Doch da war das Paar bereits in Syrien. Onur reiste bereits im Spätsommer 2014 von Hamburg aus in die Türkei und weiter nach Syrien. Johanna folgte ihm – schwanger – im Oktober. Die genauen Umstände ihrer Reise sind unklar. Ihrer Schwester sagte sie, sie wolle nur für eine Woche zu ihrem Mann nach Syrien. Doch Johanna kam nicht zurück.
Seither empfängt die Familie regelmässig ihre Hilferufe. «Man muss eigentlich jeden Tag mit dem Gedanken umgehen, ob man sie wiedersieht, ob sie die Situation überlebt», so die Mutter. Am letzten Montag kam die Nachricht, Johanna habe eine Tochter geboren – mitten im Kriegsgebiet. Für Reinhold Gall, Innenminister des Bundeslandes Baden-Württemberg, hat das Drama um Johanna höchste Priorität, denn sie sei nicht freiwillig in Syrien: «Diese junge Frau möchte gerne wieder nach Hause. Bis jetzt wird ihr die Rückkehr verwehrt.»
Ermittelt wird gegen den Mann wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation, wie Bundesanwalt Michael Lauber in der «Rundschau» des Schweizer Fernsehens SRF vom Mittwochabend sagte. Weil er auch das Schweizer Bürgerrecht besitze, könne er aber an einer Wiedereinreise in die Schweiz nicht gehindert werden.
Der Fall geniesse hohe Priorität unter den 20, welche die Bundesanwaltschaft derzeit verfolge, sagte Lauber. Die Ernsthaftigkeit der Drohungen, die der Mann via Internet verbreite, sei aber schwer einzustufen. Der Thurgauer prahlte in den Beiträgen, welche die «Rundschau» vorspielte, unter anderem mit der Sprengung eines Bahnhofs.
(zvg/srf/sda)
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