Unvergessen
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L'entraineur du FC Thun Hanspeter Latour photographie lors de la rencontre du championnat de football LNA entre Neuchatel Xamax FC et FC Thoune ce samedi 6 juillet 2002 au stade de la Maladiere a Neuchatel. (KEYSTONE/Laurent Gillieron)

Stets mit Vollgas an der Linie: Latour 2002 als Trainer des FC Thun. Bild: KEYSTONE

Unvergessen

We ❤️ Latour: «Das isch nid normau, Herr Meier! Dä grännet jedes Mau!»

3. November 2002: Das Schweizer Fernsehen hat eine der besten Ideen in seiner Geschichte. Es nimmt Thuns Trainer Hanspeter Latour während der NLA-Partie gegen Servette auf – und macht ihn so auf einen Schlag zur Kultfigur.



Servette Genf ist zu Gast beim FC Thun. Hier ein 17-facher Schweizer Meister, da der Aufsteiger aus dem Berner Oberland. Und mittendrin: Fernseh-Reporterin Regula Späni. Sie begleitet Thuns Erfolgstrainer Hanspeter Latour und zeigt dem TV-Zuschauer, wie dieser während eines Spiels an der Linie abgeht. Eine grandiose Unterhaltung!

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Klassiker der Schweizer TV-Geschichte: Latour an der Linie. Video: YouTube/Basc60

«Das isch ä Gränni!»

Besonders eine Szene brennt sich tief ins Gedächtnis jedes Schweizer Fussballfans ein. Als Thuns Verteidiger Armand Deumi Servettes Goran Obradovic fällt, ruft Latour FIFA-Schiedsrichter Urs Meier zu, dass dieser ja immer wieder schnell zu Boden gehe:

«Jaaa, was isch!? Dä ander Weg! Das isch ä Gränni! Das isch nid normau, Herr Meier! Dä grännet jedes Mau! Da chasch mau luege im F... Das isch ä fürchterliche, dä!»

Als Hanspeter Latour 2014 seine Memoiren veröffentlicht, heissen diese: «Das isch doch e Gränni!» Noch heute würden ihm Leute dies zurufen, wenn sie ihn auf der Strasse sehen, sagt Latour dem «Migros Magazin». Den Videoclip habe er selber immer mit einem Schmunzeln angeschaut. «Manche sagen, das sei ein Ausraster gewesen. Aber dann hätte ich den Schiedsrichter sicher nicht mit ‹Herr Meier› angesprochen», stellt Latour klar.

Er ist ein wahrer Trainerfuchs und weiss, dass er als solcher die Grenzen ausloten muss, wenn er mit dem kleinen FC Thun Erfolg haben will. «Fussball hat auch ein bisschen mit Theater zu tun. Der gegnerische Spieler fiel in meinen Augen immer sehr schnell hin. Natürlich war die Intervention von Deumi ziemlich hart. Deshalb dachte ich, das musst du ein bisschen abschwächen», verrät er.

«Hät's dr Gil gmacht?»

Das zweite Highlight, das Späni aus dem Berner Oberland ins TV-Studio mitgebracht hat, ist Latours Reaktion beim einzigen Tor des Spiels. Der kurz zuvor eingewechselte Gil schiesst es – aber Latour bekommt das in der ganzen Aufregung kaum mit. Denn der Torschütze zieht sich das Trikot aus und schafft es nicht, es wieder anzuziehen. Latour staucht seine Crew zusammen:

«Legged ihm doch s'Liibli aa. Wenn er nid cha! Diä Liibli cha mer nid … hä, jetzt riisst dä Löu wieder s'Liibli ab!»

Der Herr Meier schickt Gil deshalb an die Seitenlinie, damit dieser dort sein Tenü in Ordnung bringt. Latour eilt sofort zu seinem Spieler und wendet sich abwechselnd an Meier und Gil:

«Nei, dä cha ine cho! Gang ine, Gil. Nei, dä cha doch ine. Spinnsch du! Hä!? Cha'n er ine? Allez!»

Thuns Gil da Silva, rechts, im Duell mit Zuerichs David Pallas, im NLA Fussball Meisterschaftsspiel zwischen Thun und Zuerich am 20. Oktober 2002 in Thun. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Treibt Latours Blutdruck in die Höhe: Stürmer Gil (rechts). Bild: KEYSTONE

Nun kriegen die Thuner Betreuer von ihrem Chef noch einmal zu hören, dass sie ihre Arbeit vernachlässigt hätten.

«Hä! Dä isch nid ganz bache und dir pfuuset da!»

Und als im Hintergrund der Speaker schon freudig den Namen des Torschützen bekannt gibt, fragt Latour seine Bank:

«Hät's der Gil gmacht?»

Ja, der Gil hat's gemacht!

Thun – Servette 1:0
Lachenstadion, 3460 Zuschauer. SR: Meier.
Tor: 80. Gil.
FC Thun: Kobel, Moser, Hodzic, Deumi, Heiniger (46. Balmer), Küffer, Aziawonou, Baumann (86. Rufener), Aegerter, Streller (72. Gil), Rama.
Servette Genf: Pascolo, Senderos, Cravero, Jaquet, Gaspoz, Londono (83. Michkov), Lombardo, Obradovic, Diogo, Comisetti (67. Kader), Thurre.

Immer diese flinken Distelfinken!

Latour führt seine Thuner in der Saison 2002/03 bis auf Rang 3 – so gut waren die Berner Oberländer noch nie in ihrer Klubhistorie. In seinen vier Jahren beim FC Thun legt der Trainer, der einst selber im Klub als Goalie auf dem Platz stand, den Grundstein für den historischen Einzug in die Champions League 2005.

Er selber ist da schon weiter gezogen. Latour arbeitet ab Anfang 2005 beim Rekordmeister GC und das so gut, dass er ein Jahr später überraschend vom 1. FC Köln engagiert wird. Dort steigt der «Bergdoktor» zwar ab, doch er holt sich auch in Köln viele Sympathien. Latour kehrt zu den Grasshoppers zurück und beendet 2009 seine Trainerlaufbahn. Einige Jahre hält er danach noch Vorträge und gibt sein Wissen (und seine träfen Sprüche) als Fussball-Experte in Radio und Fernsehen weiter.

Hanspeter Latour, SRF co-moderator, speaks during an interview at a training session of the Swiss national soccer team in Porto Seguro, Brazil, Wednesday, June 18, 2014. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Experte Latour an der WM 2014 in Brasilien. Bild: KEYSTONE

2015 wird es ruhiger um Hanspeter Latour: Mit 68 Jahren geht er in Pension. Nun ärgern ihn keine «Grännis» mehr und keine Schiedsrichter, nun beschäftigen ihn keine Stürmer mehr und keine unpraktischen Trikots. Sondern Distelfinken, die er in seinem Hüttli zuhinterst im Zulgtal fotografieren will: «Sie fliegen jedes Mal davon, wenn ich auf sie fokussiere.»

Im Oktober 2016 gibt der leidenschaftliche Naturbeobachter sein zweites Buch heraus. «Das isch doch e Schwalbe!», heisst es. Mit seiner einstigen Leidenschaft hat es aber rein gar nichts zu tun.

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei. 
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«Legget ihm doch s'Liibli aa!» Schrille und hässliche Trikots

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Ex-Profi Frontino nach Rücktritt mit 29: «Der Lohn ist Horror, es ist lächerlich»

Den ganz grossen Sprung hat er nie geschafft: Gianluca Frontino, einst als Riesentalent gehandelt, verbrachte den Grossteil seiner Karriere in der Challenge League. Ein Gespräch über die Schönheit des Spiels, hinterhältige Manager und Horror-Löhne in der Challenge League.

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