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Warnt vor Stagnation: IWF-Direktorin Christine Lagarde.
Warnt vor Stagnation: IWF-Direktorin Christine Lagarde.
Bild: Susan Walsh/AP/KEYSTONE
Erklärbär

Ungleichheit: Die neue Gefahr für die Weltwirtschaft

Die Weltwirtschaft stagniert. Selbst US-Investmentbanken erkennen nun: Schuld daran sind die weltweit wachsenden Unterschiede beim Wohlstand.  
06.10.2014, 08:46

In einer Rede an der Georgetown University in Washington stellte Christine Lagarde, Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), fest, dass der Aufschwung der Weltwirtschaft «mager, unregelmässig und voller Risiken» sei und folgerte resigniert: «Insgesamt ist der Zustand der Weltwirtschaft deutlich schwächer, als wir uns das noch vor sechs Monaten vorgestellt haben.» 

Wer nach Gründen für die aktuelle Wachstumsschwäche sucht, landet zunächst bei den üblichen Verdächtigen: China tut sich schwer mit der Umstellung seiner auf Export ausgerichteten Wirtschaft. Europa kriegt das Ungleichgewicht zwischen Nord und Süd nicht in den Griff. Die US-Wirtschaft wächst zwar, aber weit weniger als erwartet. Dazu kommen die Ungewissheiten der Krisenherde in der Ukraine und im Nahen Osten. 

Der neue Geldadel lähmt die Wirtschaft

Doch langsam reift die Erkenntnis, dass dies allein nicht reicht. Zwei weitere Faktoren werden zu einer Gefahr für die Weltwirtschaft: Die zunehmende Ungleichheit des Wohlstandes und der rasante technische Fortschritt. 

Der französische Ökonom Thomas Piketty
Der französische Ökonom Thomas Piketty
Bild: CHARLES PLATIAU/REUTERS

Auf die zunehmende Ungleichheit hatte zu Beginn dieses Jahres der französische Ökonom Thomas Piketty in seinem Buch «Das Kapital im 21. Jahrhundert» hingewiesen. Die Wohlstandsunterschiede hätten in den entwickelten Staaten ein Niveau erreicht, das vergleichbar sei mit den Zuständen vor dem Ersten Weltkrieg, so Pikettys Befund. Auch heute sei ein neuer Geldadel entstanden, der die Wirtschaft lähmen und zu sozialen Konflikten führen werde. 

Die Kritik folgte auf dem Fuss. Piketty sei ein verkappter Marxist und seine Thesen seien ein alter Hut, wurde ihm vorgeworfen. Doch inzwischen kommen auch völlig unverdächtige Ökonomen zu ähnlichen Schlüssen. So hat die US-Investmentbank Morgan Stanley in einer aktuellen Studie die zunehmende Ungleichheit als wichtigsten Grund der aktuellen Wachstumsschwäche genannt und dazu folgende Ursachen aufgezählt: 

  • die wachsende Anzahl von schlecht bezahlten und unsicheren Jobs,
  • die steigenden Löhne der gut ausgebildeten Arbeitnehmer,
  • die Tatsache, dass die Steuerpolitik für weniger Umverteilung sorgt, als noch vor ein paar Jahrzehnten.

Der Konsum der unteren Einkommensschichten ist eingebrochen

Die Wirtschaftskrise hat die Menschen mit tiefen Einkommen besonders hart getroffen. Das hat nicht nur moralische, sondern auch volkswirtschaftliche Konsequenzen. Martin Wolf, Chefökonom der «Financial Times», stellt fest: «Die Einkommensschwachen sitzen auf einem Schuldenberg und haben keine Möglichkeit mehr, zusätzlich Geld zu borgen und müssen deshalb ihren Konsum einschränken. Das Resultat ist eine ausserordentlich schwache Erholung der Nachfrage.»

«Die Einkommensschwachen sitzen auf einem Schuldenberg und haben keine Möglichkeit mehr, zusätzlich Geld zu borgen und müssen deshalb ihren Konsum einschränken.»
Financial Times

Auch der technische Fortschritt wird zum Feind der unteren Einkommen. Das stellt der Economist in seiner aktuellen Ausgabe fest. In der Hälfte der reichen OECD-Länder würden die Durchschnittslöhne seit 2000 stagnieren und diese Tendenz werde sich noch verstärken. «Je progressiver die Technik wird, desto mehr wird der Arbeitsmarkt aufgemischt und immer mehr Arbeitnehmer werden nur noch Jobs kriegen, wenn sie sinkende Löhne in Kauf nehmen», schreibt der «Economist».

Wütende Wähler wollen Sündenböcke

Wenn der technische Fortschritt nur einer Elite dient, dann hat dies politische Folgen. «Wütende Wähler, deren Einkommen stagnieren, halten nach Sündenböcken Ausschau», warnt der «Economist». «Daher nimmt der Hass auf Ausländer und der Ruf nach Protektionismus in der reichen Welt zu.» 

Die Kritik an den wachsenden Einkommensunterschieden und den Steuerprivilegien der Superreichen wird in der Regel entweder als Neid oder als überholter Klassenkampf abgetan. Diese Ignoranz könnte sich rächen. Es wird Zeit, dass man die wachsende Ungleichheit als das erkennt, was sie ist: als Gefahr für die Volkswirtschaft und die Demokratie. 

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